Filmsatire "Micmacs" Rachefeldzug gegen die Waffenindustrie

Im französischen Film "Micmacs" geht ein netter Videoverkäufer auf sehr charmante Weise einem Waffenmulti an den Kragen. Doch Regisseur Jean-Pierre Jeunet konzentriert sich zu sehr auf spektakuläre Bilder und vergisst, Hauptdarsteller Dany Boon unter Kontrolle zu bringen.

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Kinowelt

Dany Boon ist zurzeit der wohl der größte Star, den das französische Kino zu bieten hat. Kein Wunder, wenn man im erfolgreichsten Film des Landes sowohl eine der Hauptrollen als auch Regie und Drehbuch übernommen hat. Seit dem gigantischen Erfolg von "Willkommen bei den Sch'tis" ist Boon in Sachen Humor für die Franzosen das Maß aller Dinge, was ja auch keine schlechte Sache ist, denn der Mann ist wirklich witzig. Ein geborener Clown mit sympathischem Hundeblick, der für jede Situation die passende Grimasse parat hat und trotzdem bescheiden wirkt. Das kann ein Segen sein, im richtigen Film.

"Micmacs" von Jean-Pierre Jeunet ist nicht dieser Film. Jeunet ist selbst ein Star, seit er mit seinem damaligen Regiepartner Marc Caro die düstere, verspielte Kannibalismus-Phantasie "Delicatessen" erdacht und damit eine unverwechselbare Kinoästhetik geschaffen hat, deren Bilder fast wie Malerei wirken, überbordend, absurd und furchtlos. Spätestens seit dem Welthit "Die fabelhafte Welt der Amélie" ist Jeunet eine Legende. Ein visionärer Künstler, der ohne Kompromisse seinen Weg geht. Das Problem an seinem neuen Film "Micmacs" ist, dass es zwei Wege gibt - den von Jeunet und den von Boon. Jeder führt zu einem anderen Ziel.

Wer mag schon Pantomimen?

Es beginnt noch sehr ansprechend, mit Jeunet-typischer Absurdität und Boonscher Leichtigkeit: Der verschrobene Bazil (Boon) führt ein recht ereignisloses, aber zufriedenes Leben als Mitarbeiter eines Videoladens, bis eines Tages eine Kugel durch die Fensterscheibe schlägt und ihn mitten in die Stirn trifft. Zum Glück überlebt er, aber die Kugel bleibt im Kopf und könnte ihm jederzeit ein plötzliches Ende bereiten. Die Stelle im Videoladen ist er damit los, aber Bazil verzweifelt nicht und versucht sich am Leben auf der Straße und einer Karriere als Pantomime. Erfolglos allerdings, denn er ist nicht übermäßig begabt, und überhaupt, wer mag schon Pantomimen?

Zuflucht findet er bei einer Bande Außenseiter, die unter der örtlichen Müllhalde lebt und ein bisschen wirkt wie eine verstoßene Zirkustruppe: Die Rechenkünstlerin Calculette (Marie-Julie Baup) etwa oder die menschliche Kanonenkugel Fracasse (Jeunet-Stammschauspieler Dominique Pinon) oder die sehr biegsame Caoutchouc (Julie Ferrier). Bald sind sie alle vereint in der Mission, den Boss desjenigen Waffenunternehmens zu Fall zu bringen, das Bazil als Hersteller des Geschosses in seiner Stirn ausgemacht hat. Und gleichzeitig soll es auch dem anderen Waffenmulti auf der gegenüberliegenden Straßenseite an den Kragen gehen, denn von dem kam die Landmine, die einst Bazils Vater in der Sahara umgebracht hat.

Ein Rachefeldzug beginnt, aber da Bazil und seine neuen Freunde von der Müllhalde sehr nette Leute sind, ist von Boshaftigkeit nichts zu spüren. Statt Gewalt gibt es bei ihnen ausschließlich ausgeklügelte Abhöraktionen oder einigermaßen freundliche aber komplizierte Intrigen, bei denen jeder Beteiligte seine speziellen Begabungen einsetzen kann. Regisseur Jeunet nutzt das für amüsante Ereignisverkettungen und wunderschöne Bilder, wie sie typisch für ihn sind. So ähnlich hat er das schon bei "Amélie" getan, nur dass die Landschaft dort deutlich bunter war als im eher sepiafarbenen "Micmacs", und dass er mit Audrey Tautou eine Hauptdarstellerin hatte, die so viel ruhigen Charme versprühte, dass sie auch noch Zuschauer überzeugen konnte, die das Ganze sonst ein bisschen arg zuckrig gefunden hätten.

Simpel und albern

Boon versucht es in "Micmacs" dagegen bald als überdrehter Clown, der jede Pointe aggressiv mit großer Theatermimik unterstreicht, um sie vielleicht noch etwas witziger zu machen. Anfangs wirkt Bazil wie ein netter, etwas seltsamer Nachbar; im Laufe des Films wird er zum hyperaktiven Fast-Superhelden, der lange nicht mehr so sympathisch wirkt, wie er soll. Er ist wie ein Fremdkörper, der nicht in die Welt von Jeunet passen will, als hätte er sich der Kontrolle des Regisseurs problemlos entziehen können. Was eigentlich ein Jeunet-Film ist, kippt manchmal in einen Boon-Film und dann wieder zurück.

"Micmacs" ist kein Desaster, dem es auf jeden Fall aus dem Weg zu gehen gilt. Visuell liefert Jeunet wieder einmal Meisterliches. Doch die Geschichte ist so simpel und teilweise albern geraten, dass sie es auch ohne einen derart angestrengten Hauptdarsteller schwer gehabt hätte. Am Ende bleibt ein niedlicher Spaß für regnerische Sommertage. Für so viel versammeltes Talent erschreckend wenig.


Micmacs. Start: 22.7. Regie: Jean-Pierre Jeunet. Mit Dany Boon, André Dussollier.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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bwkben 22.07.2010
1. Micmacs
Hab den Film bereits vor 8 Tagen gesehen und ich fand ihn von der Grundidee wirklich sehr schön, aber die Umsetzung war wirklich viel zu albern. Ich war nicht begeistert.
kuchenbob, 23.07.2010
2. .
Werde mir den Film am Freitag anschauen. bin gespannt.
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