Filmstar Sophie Marceau Körper als Köder

Der Kinohit "La Boum" machte Sophie Marceau berühmt - und verpasste ihr das Image der ewigen Unschuld, das sie lange nicht mehr loswurde. Heute scheint sie mit ihrer filmischen Vergangenheit im Reinen: Ihr neuer Film "LOL" erinnert stark an "La Boum", nur dass Marceau diesmal selbst die Mutter mimt.

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Sie wirft den Kopf in den Nacken und reißt die Augen auf. "Was?", fragt Sophie Marceau ungläubig und mit gespielter Empörung, "das kann doch nicht wahr sein! Sie haben als Teenager meinen Film 'La Boum - Die Fete' nicht gesehen?" Sie guckt ernst, betroffen, schmollmundig. "Dann müssen Sie aber eine verpfuschte Jugend gehabt haben. Was haben Sie denn sonst gesehen?" Und auf einmal verzieht sich ihr Mund zu einem schelmischen Lächeln.

Wenn Sophie Marceau über ihren ersten Film "La Boum" redet, der 1980 in die Kinos kam, fühlt man sich so, als hätte man den Fall der Mauer oder den 11. September 2001 verschlafen. Über Nacht wurde die damals 14-Jährige, die noch über keinerlei schauspielerische Erfahrung verfügte und aus über 500 Bewerberinnen ausgewählt worden war, als pubertierender Teenager zu einem von Europas beliebtesten Stars. Doch leider war man nicht dabei. "La Boum" war klassisches Mädchen-Kino.

Der Film, in dem der ultimative Testosteron-Franzose Claude Brasseur einen laschen Vater spielte, war nichts für Jungs. "La Boum" badete in Liebesleid und schmalzigen Songs statt in Blut und Schweiß. Und doch war Sophie Marceau die Frau, die man im Augenwinkel behielt, während der Blick starr auf Kerle wie Roger Moore oder Clint Eastwood gerichtet war. Nun ist sie 42 und so schön, dass man keinen Wimperschlag wagt, um sie nicht mal für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen zu verlieren.

Ihre Kinder haben nichts zu lachen

In ihrem neuen Film "LOL", der jetzt in den deutschen Kinos angelaufen ist, spielt Marceau nun selbst die Mutter einer pubertierenden Tochter. "LOL" - das SMS-Kürzel für "Laughing out Loud" - ist ein zeitgenössisches Update von "La Boum". Der von Lisa Azuelos inszenierte Film schaut der heutigen Jugend beim Erwachsenwerden zu und zeigt gleichzeitig Marceau in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern als Heldin des Alltags. Über dreieinhalb Millionen Franzosen sahen den Film.

"Es hat mich gereizt, fast 30 Jahre nach 'La Boum' zu überprüfen, wie sich das Verhältnis der Generationen verändert hat", sagt Marceau, inzwischen selbst zweifache Mutter. Sie setzt sich auf einmal ganz gerade hin. "Damals wollten die Eltern unbedingt Freunde ihrer Kinder sein. Das war eine große Illusion. Wir müssen unsere Kinder respektieren, aber ihnen zugleich einen klaren Rahmen und feste Regeln vorgeben. Wir müssen versuchen, für sie Autoritäten darzustellen."

Man möchte nicht Kind sein im Haushalt von Sophie Marceau, wenn man sie so reden hört, wie sie das lockere Laisser-faire, das die von Claude Brasseur und Brigitte Fossey verkörperten Eltern in "La Boum" gegenüber ihrer Tochter walten ließen, für überholt erklärt. Aber diese überraschende Strenge mag auch damit zusammenhängen, dass ihr der Teenager Victoire, genannt Vic, den sie in "La Boum" verkörperte, das Leben als Schauspielerin sehr schwer gemacht hat.

Denn Sophie Marceau wurde den Teenie Vic kaum wieder los - ähnlich wie Jahre zuvor Romy Schneider die Kaiserin Sissi. In "La Boum" war Marceau größer als die anderen Mädchen und die meisten Jungen, wirkte viel reifer. Der Blick, mit dem sie ihren neuen Lehrer taxierte, ließ schon die selbstbewusste Frau durchschimmern. In der letzten Einstellung des Films tanzte sie engumschlungen mit ihrem Freund, verschlang mit Blicken aber bereits einen anderen Jungen.

Drastische Versuche, die ewige Unschuld zu verlieren

Doch das erotische Versprechen des ersten Films löste die Fortsetzung "La Boum 2", die zwei Jahre später entstand, nicht ein. Zwar machte der Regisseur Claude Pinoteau schon gleich zu Anfang klar, dass Jungs und Männer nicht umhin können, auf die prallen Brüste der inzwischen 15-jährigen Marceau zu stieren. Doch bis zum Ende erzählte der Film von der wackeren Verteidigung der Unschuld. Vic verließ den Film, wie sie ihn begonnen hatte: als Jungfrau.

Gegen dieses Idealbild der ewigen Unschuld kämpfte Marceau mit allen Mitteln an. Mit einer Million Francs kaufte sie sich aus einem Vertrag heraus, der sie zu einer weiteren Fortsetzung von "La Boum" verpflichtet hätte. In Andrzej Zulawskis Film "L'Amour Braque" schockierte sie, im Alter von 18, ihre Fans mit drastischen Sexszenen. In "Abstieg zur Hölle" (1986) schließlich stieg sie mit einem weit älteren Mann ins Bett, gespielt von Claude Brasseur, ihrem Film-Vater aus "La Boum".

Für die meisten Franzosen war das schlicht Inzest; für Marceau selbst war es die letzte, entscheidende Schlacht eines erfolgreichen Freiheitskampfes. Wie Romy Schneider, die nach ihren Sissi-Filmen nach Frankreich flüchtete und dort nach freizügigen, erotisch provokativen Rollen geradezu gierte, brach Sophie Marceau radikal mit ihrem Image und galt schon mit Anfang Zwanzig als Frau, der nichts Männliches fremd ist.

Drogendealerin, Prinzessin, Bondgirl

Diese Frühreife machte Marceau zur ebenbürtigen Partnerin der größten männlichen Leinwand-Monolithen. Schon in "Der Bulle von Paris" (1985) bietet sie Gérard Depardieu, dem Zentralmassiv des französischen Kinos, mühelos Paroli. Obwohl sie als verdächtige Drogenhändlerin von ihm verhört wird, fixiert sie ihn so unnachgiebig und eindringlich, dass er irgendwann nicht mehr umhinkommt, den Blick zu senken.

In Mel Gibsons Oscar-prämiertem Ritter-Epos "Braveheart" (1994) ist sie die einzige Figur, die mehr ist als vergängliches Fleisch auf einer fast dreistündigen Schlachtplatte. "Verhandeln Sie auch mit einer Frau?", will sie als englische Prinzessin Isabella vom aufrührerischen Anführer der Schotten wissen, verkörpert von Gibson. Die Frage ist rhetorisch. Schon der Anblick Isabellas, deren Gesicht von einem Schleier umschlossen wird wie ein Meisterwerk der Malerei von einem Rahmen, wirkt entwaffnend.

Und in dem James-Bond-Film "Die Welt ist genug" (1998) spielte sie bis dahin erste Frau, die 007 in Augenhöhe gegenübertreten konnte. "Wie hast du es geschafft zu überleben?", will Pierce Brosnan als Titelheld wissen, als er mit der von Marceau verkörperten Milliardärserbin Elektra King im Bett liegt. "Ich habe meinen Körper benutzt", erwidert sie. Er streicht ihr verliebt über den Rücken und ahnt nicht, dass er genau in der gleichen Falle sitzt wie zahllose Männer vor ihm.

Freiheit, Gleichheit und die Brüste von Sophie Marceau

Wäre Sophie Marceau eine Fußballerin, was sie zum Glück nicht ist, würde man sagen: Sie spielt extrem körperbetont. Die "Rundungen auf einer erstaunlichen Länge", die schon ihr Leinwand-Partner Jacques Dutronc in dem Film "Meine Nächte sind schöner als deine Tage" (1989) bewunderte, stellt sie immer wieder mit sichtbarem Stolz zur Schau. Sogar auf dem roten Teppich von Cannes rutscht ihr gern mal, natürlich völlig unbeabsichtigt, eine Brust aus der Bluse.

"Ich brauche Bälle, Reifen und die Brüste von Sophie Marceau", dichtete 1997 der französische Pop-Barde Julien Clerc in einem Song, als beschwöre er die Trinitas von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. "Mit welchem Recht spricht er über meine Brüste, das ist doch verrückt", entrüstete sich Marceau damals - und genoss es vermutlich sehr, einmal mehr in aller Munde zu sein.

In Bertrand Taverniers munterem Abenteuerfilm "D'Artagnagns Tochter" (1994) sieht man Marceau häufiger mit blankem Busen als mit blankem Degen. "Du weißt nicht, was du verpasst", sagt sie zu einem Liebhaber, der ermattet einschläft, während sie sich entkleidet. Natürlich sind diese Sätze nicht an die Figur gerichtet, sondern an die männlichen Zuschauer im Kinosaal, die garantiert nichts verpasst haben.

Doch ihr Körper ist der Köder, mit dem Marceau den Zuschauer immer wieder mitten in das Drama ihrer Figuren hineinzieht. Als sie in "D'Artagnans Tochter" zum ersten Mal jemanden tötet, weicht das ungläubige Erstaunen in ihrem Gesicht über die Schnelligkeit, mit der Menschen vom Tod ereilt werden können, nach und nach dem schieren Entsetzen. Kaum eine Schauspielerin kann solche Gefühlsakkorde ähnlich überzeugend darstellen wie Marceau.

Mit der Vergangenheit versöhnt

Im Bond-Film nimmt sie als Elektra, die Trauer tragen muss, auf der Beerdigung ihres Vaters huldvoll Beileidsbekundungen entgegen - und blickt währenddessen schon über die Schulter ihres Gegenübers hinweg in die Ferne. Keine Frage, diese Frau hat große Ziele, und je weiter diese entfernt liegen, desto entschlossener wird sie sie verfolgen. Für sie ist die Welt ganz sicher nicht genug.

Nun erlebt Marceau, die von ihren Landsleuten schon mehrfach verehrt und verstoßen wurde, ein weiteres Comeback. Im Mai wurde sie auf dem roten Teppich der Festspiele von Cannes bejubelt. In dem Psycho-Drama "Ne te retourne pas" spielt sie eine Mutter, die glaubt, sich in eine andere Frau zu verwandeln, gespielt von Monica Bellucci. Sehr nervös und fahrig wirkt Marceau in diesem Film. Wenn man so schön ist wie, verfällt man eben selbst dann in Panik, wenn man immer mehr aussieht wie die Bellucci.

In "LOL" dagegen wirkt Marceau wie eine Meisterin des Multitasking, die mit den verschiedenen Aufgaben ihres Lebens kunstvoll jongliert und sich nicht allzu sehr grämt, wenn mal einer der vielen Bälle zu Boden geht. "LOL" ist die Film gewordene Apotheose der modernen Frau, die ihre Familie ernährt, sich rührend um ihre Kinder sorgt und eine neue Liebe beginnt, ohne ihren früheren Mann zu vergrätzen.

Die kurzweilige Teenager-Komödie zeigt auch, dass Marceau mit den "La Boum"-Filmen inzwischen ihren Frieden geschlossen hat. "Wenn ich mir die Filme heute anschaue, bin ich überrascht, wie schnell sie sind. Sie sind wirklich gut gealtert", sagt sie und hält kurz inne, damit der Zuhörer realisieren kann, dass dieser Satz auch auf sie selbst zutrifft. "Doch wenn mich die zehnjährigen Mädchen, die mich aus 'La Boum' kennen und ein Autogramm von mir wollen, mit 'Madame' anreden, bin ich immer etwas verwirrt."



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