Von Wolfgang Höbel
Einmal stehen Barbra Streisand und Seth Rogen, die in diesem Film eine Mutter und ihren Sohn auf Amerikatour spielen, am Rande des Grand Canyon und finden die Aussicht nicht im mindesten überwältigend oder schön oder erstaunlich. "Ich wollte schon immer den Grand Canyon sehen", sagt sie betrübt, blickt auf die steil abfallenden roten Felsen, den blauen Himmel, den fernen Horizont, findet all das sturzlangweilig und seufzt: "Wie lange müssen wir den jetzt betrachten?" Der Sohn sagt: "Zehn Minuten. Alles was drunter ist, wäre respektlos." Zehn Sekunden starren die beiden dann noch auf das von Millionen Touristen kaputtfotografierte Panorama - und machen sich feixend aus dem Staub.
Das ist so ziemlich der frechste Gag, den "Unterwegs mit Mum" zu bieten hat, ein Film der Regisseurin Anne Fletcher, den der Verleih als "Familienkomödie" bewirbt. In Wahrheit ist "Unterwegs mit Mum" allerdings ein Horrortrip. Und das ist erst mal auch gut so.
Rogen spielt einen erwachsenen Nerd, der im Leben nicht zurechtkommt, die Streisand ist seine jüdische Mamme. Als der Sohn im Alter von knapp 30 von seinem Chemiker-Studium nach Hause zu Muttern in eine Vororthölle irgendwo an der Ostküste New Jerseys kommt, umsorgt sie ihn mit der unerbittlichen Liebe einer Mutter, die ihren Kleinen nicht loslassen kann. Auch wenn der Kleine zwei Zentner wiegt und so langsam sein Haupthaar zu verlieren beginnt. Um seine Erfindung, ein ökologisches und sogar trinkbares Reinigungsmittel an eine große Firma loszuschlagen, muss der pummelige, schüchterne, depressive junge Held durch Amerika fahren - und nimmt seine nervige und vor lauter Liebe schier besinnungslose Mutter mit auf die Reise.
Aus dem Schrecken dieser sehr ödipalen Roadmovie-Konstruktion könnte "Unterwegs mit Mum" nun einen Witz entwickeln, der von der Kluft zwischen den Generationen erzählt und von der Tyrannei der Überfürsorglichkeit. "The Guilt Trip" heißt der Film im Original. Das klingt wie ein Versprechen.
Aber er handelt dann doch nicht von Schuldgefühlen und Ängsten, sondern nur von lauter netten Schrulligkeiten. Mutter Streisand besteht zum Beispiel am Beginn des großen Trips auf einem Kleinwagen, wenn Sohn Rogen einen SUV-Brummer mieten will; unterwegs hört Mama Hörbücher mit maßvoll erotischem Gesumse (den Jeffrey-Eugenides-Roman "Middlesex"), der prüde Sohn kriegt rote Ohren; nach einer Autopanne verirren sich die beiden gemeinsam in eine Tabledance-Bar und finden es dort bald sehr prima. Und der Zuschauer begreift allmählich: Der wahre Schrecken des Films "Unterwegs mit Mum" liegt in der schier unfassbaren Harmlosigkeit der Story, die hier ausgebreitet wird.
Streisand, Jahrgang 1942, und Rogen, Jahrgang 1982, kaspern sich mit freundlichen Grimassen durch fast immer sehr frühzeitig absehbare Gags. Sie glotzen in entgeisterter Empörung, schmollen in billigen Motelzimmern und herzen sich nach überstandenem Zank. Die Regisseurin Anne Fletcher zeigt so viel Feelgoodschmalz, dass man sich über das ausgiebige Product Placement ihres Films nicht weiter wundert.
"Unterwegs mit Mum" ist ein Werbefilm, der uns nicht bloß die Attraktionen der Natur und der amerikanischen Zivilisation erbarmungslos schönmalt, sondern auch die eigentlich hoch interessanten inneren Konflikte zukleistert, die in einem Mutterherz und in einer Mustersohnseele wüten könnten. Die Helden von "Unterwegs mit Mum" leben in einer keimfreien, von Reinigungsmittelerfindern dominierten Welt.
Es sind Leute, die Ödipus für den Bruder von Meister Propper halten.
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