Komödie "Der Tag wird kommen" Punk, Phlegma, Peripherie

Wer hat hier den Dachschaden? Unter der brutal-amüsanten Vergrößerungslinse der französischen Regisseure Gustave de Kervern und Benôit Delépine erstrahlen in "Der Tag wird kommen" Flachbauten und ein ungleiches Geschwisterpaar.

Von Carolin Weidner


Die Lebensrealitäten von Not und Jean-Pierre könnten unterschiedlicher kaum sein: Die beiden Brüder prallen in "Der Tag wird kommen" aufeinander - in der beißenden neuen Komödie des französischen Regie-Duos Gustave de Kervern und Benôit Delépine. Schauplatz: Eine aus dem Boden gestampfte Konsumwelt, eine Monstrosität mit Parkplatzflächen, Möbelhäusern, Supermärkten, Tankstellen. Und irgendwo mitten im Einheitsbrei schwirren Nots und Jean-Pierres Eltern herum, die ein dämmriges Lokal unter Abwesenheit von Gästen betreiben. Es ist eine skurrile Versuchsanordnung zwischen Anarchie und moderner Selbstgeißelung.

Denn während der Alt-Punk Not (Benôit Poelvoorde) mit seinem Hund durch sommerliche Peripherie-Kulissen streunt, ficht der fleißige Jean-Pierre (Albert Dupontel) im hiesigen Matratzenshop einen unerbittlichen Kampf gegen die Verkaufsauflagen eines hochmodernen Kopfkissens. Und scheitert daran, seine angeschepperte Ehe zu retten. Als Jean-Pierre mehr und mehr gen Abgrund steuert, ist es ausgerechnet sein Bruder, der ihn von einem radikalen anderen Leben überzeugt: Aus der Not heraus entdeckt er das magische Wort Selbstbestimmung.

Kniestoß gegen sozioökonomische Realitäten

Wer die Filme von de Kervern und Delépine ("Louise Hires A Contract Killer", "Mammuth") kennt, dürfte ahnen, mit welchem Pol dieser beiden Extreme die Regisseure sympathisieren. Und auch, dass ihr aktuellster Kniestoß gegen sozioökonomische Realitäten nicht gerade sanft ausfällt. "Der Tag wird kommen" observiert das betongraue Randgebiet aus einer süffisanten und bitterbösen Position.

Alltägliche Bewegungen zwischen Kleinwagen, Bratwurststand und Duschgel im Sparangebot - sie alle werden als kuriose Lächerlichkeiten enttarnt. Aus den aneinandergereihten Bildern fragwürdiger Baukunst und aufklappender Kofferräume wächst eine ernüchternde wie faszinierende Bestandsaufnahme. De Kervern und Delépine laden dabei zu einem eigenwilligen Voyeurismus ein, denn in dieser Normalität bewegen sich die Menschen so zielgerichtet und gleichsam konfus wie Insekten in einem Guckkasten.

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Anarcho-Komödie: "Der Tag wird kommen"
Gewinn und Vergnügen bringt dabei zweifelsohne die Tatsache, dass man sich im Laufe des filmischen Spiegelkabinetts irgendwann nicht mehr sicher ist, wer in diesem Spannungsfeld eigentlich die größere Klatsche hat. Not, der seine Nächte in einer monumentalen Hundehütte verbringt, tagsüber Katz und Maus mit Überwachungskameras spielt und seinem Bruder eine Lektion im energiesparenden Schlendern verpasst? Oder doch Jean-Pierre, der am Ende seiner ganzheitlichen Talfahrt den Weg zum nächsten Zapfhahn sucht, um sich heulend mit Brennstoff zu übergießen?

Ein Humor, schwarz und gallig, der beiläufig das ganze Dilemma eines mürbe machenden Hamsterrads sichtbar macht. Und auf angenehm unverkopfte Weise ganz ohne Moralkeule, Welterklärerei und Pseudo-Erkenntnisse auskommt.


Der Tag wird kommen. Start: 2.5. Regie: Gustave de Kervern und Benôit Delépine. Mit Benôit Poelvoorde, Albert Dupontel.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
glen13 02.05.2013
1.
Zitat von sysopPandora FilmWer hat hier den Dachschaden? Unter der brutal-amüsanten Vergrößerungslinse der Franzosen Gustave de Kervern und Benôit Delépine erstrahlen in "Der Tag wird kommen" Flachbauten und ein ungleiches Geschwisterpaar in völlig neuer Pracht. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmstart-des-films-der-tag-wird-kommen-mit-gustave-de-kervern-a-897498.html
Die kurze Vidoesequenz macht Lust auf mehr. Allerdings bleibt einem bei der letzten Szene der Selbstverbrennung der Lacher im Hals stecken. Den Film will ich sehen.
chuckal 02.05.2013
2. DANKE SPON...Selbstverbrennung also.
ich liebe Filme, bei denen ich weiß, wie es ausgeht. Dann ists nicht mehr so aufregend im Kino. Huuu
information 02.05.2013
3. @ chuckal
eine voreilige schlussfolgerung. im text steht nicht, wie es denn wohl ausgeht...keine spoiler in sicht. besser: anschauen!
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