Man vergisst oft, dass es unter den Massen von Schickimicki-Urlaubern auf Sylt auch noch echte Menschen gibt. Cem (Burak Yigit) ist so ein Exemplar. Er ist Deutschtürke, Anfang 20 und lebt schon sein ganzes Leben in Westerland. Er macht eine Ausbildung beim Ordnungsamt, weswegen er auch Hundescheiße beseitigen muss, aber das macht ihm nichts aus, denn Cem hat große Pläne. Er will das Abitur nachholen und Landschaftsarchitektur studieren, und um das zu schaffen, übt er sich in Disziplin, Ehrlichkeit und Arbeitseifer. Wer ihn kennt, der weiß, dass man sich auf ihn verlassen kann.
Bis er eines Tages Jesús (Wolfram Schorlemmer) am Strand aufgabelt. Dessen richtiger Name ist wahrscheinlich ein anderer, aber Jesús lügt sowieso fast immer, da kommt es darauf auch nicht mehr an. Er ist ein Streuner, ohne Ziel abgehauen, labil und traurig, magersüchtig und immer irgendwie zugedröhnt. Einer, vor dem man entweder so schnell wie möglich wegläuft oder den man unbedingt retten will. Cem entscheidet sich fürs Retten und nimmt Jesús mit in seine kleine Hochhauswohnung. Es entwickelt sich eine zarte Liebe. Cem will so sehr daran glauben, dass er Jesús aus dem Elend helfen kann, dass er gar nicht merkt, wie ihn das Elend selbst immer tiefer hinunterzieht.
Toxische Liebe
"Westerland" von Regisseur Tim Staffel (der schon die Buchvorlage "Jesús und Muhammed" geschrieben hat) ist ein in blass-dunklen Farben gezeichnetes Porträt einer toxischen Liebe. Cem macht die klassischen Phasen eines Co-Abhängigen durch - jemand, der einem Süchtigen helfen will und damit am Ende beiden schadet. Beschützen, kontrollieren, anklagen, so geht die Reihenfolge normalerweise, und genauso macht es Cem mit Jesús. Er konzentriert sich ganz auf seine neue Aufgabe, lässt alte Freunde einfach stehen und geht auch nicht mehr regelmäßig zur Arbeit. Jesús könnte sich ja umbringen, wenn Cem ihn nicht die ganze Zeit im Blick hat.
Es fallen nicht viele Worte, "Westerland" ist ein Film der Bilder. Kameramann Fabian Spuck vermeidet dabei jeden Hinweis auf Sylts Status als glamourösen Promi-Treff und macht aus der Insel stattdessen eine schroffe Dünenwüste, wie mit einer dünnen, aber undurchdringbaren Eisschicht überzogen. Man hat Sylt wahrscheinlich selten so traurig und verlassen gesehen. Ein hässlicher Ort, aus dem sich Cem und Jesús immer mehr verabschieden, um weiter an der eigenen, abgeriegelten Phantasiewelt zu basteln.
Natürlich wird diese Welt in sich zusammenfallen, aber erfrischenderweise sind dafür in "Westerland" nur Cem und Jesús selbst verantwortlich. Sie werden nicht Opfer eines schwulenfeindlichen Systems, das ihre Liebe zerstören will. Cems Familie und Freunde reagieren erst locker auf Jesús und auch auf die wachsende Zuneigung zwischen den beiden. Ein Problem gibt es erst, als allen außer Cem langsam auffällt, wie gefährlich der Neuankömmling ist. Zu spät.
Sich das anzusehen, macht nicht übermäßig viel Spaß. Zum Teil ist die bedrückende Ödnis so lebensnah eingefangen, dass "Westerland" eben auch bedrückend öde Momente hat. Meist aber durchzieht den Film eine lyrische, hypnotische Kraft, die einen auch dann nicht loslässt, wenn man das Kino längst verlassen hat.
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