Berlinale-Liebling "Gloria": In diese Frau verknallen Sie sich

Von Oliver Kaever

So sieht wahre Lebenslust aus! Dem chilenischen Film "Gloria" gelingt das mitreißende Porträt einer Frau, die lernen muss, für ihr Glück zu kämpfen. Hauptdarstellerin Paulina García wurde auf der Berlinale gefeiert. Jetzt dürfte sie noch mehr Herzen erobern.

"Gloria - du fehlst mir wie die Luft, ich vermisse dich wie das Salz, vermisse dich mehr als die Sonne. Schmelze den Schnee, der meine Brust erstickt. Ich erwarte dich, Gloria!" Eigentlich unmöglich, Umberto Tozzis Europop-Hit von 1979 nicht zu kennen. Regisseur Sebastián Lelio wartet immerhin fast bis zum Abspann, bis er ihn erklingen lässt. Aber es gibt kein Entkommen: Der Ohrwurm begleitet den Zuschauer unweigerlich in den Abend hinaus. Allerdings in Verbindung mit der wunderbaren Geschichte einer Frau, auf die - anders als im Schlager - niemand wartet. Die sich aber ihre Lebenslust trotzdem nicht nehmen lässt.

58 Jahre alt ist diese Gloria. Sie steht für eine Frauengeneration, die nicht oft Beachtung findet im Kino. Schon gar nicht in dieser Intensität. Hauptdarstellerin Paulina García ist buchstäblich in jeder Szene zu sehen. Und sie dominiert den Film mit einer Präsenz, der sich niemand entziehen kann. Nicht, weil sie ihre Kunst wie eine Vollblut-Diva zelebriert. Im Gegenteil. Man würde diese unauffällige Gloria mit der übergroßen Brille wohl übersehen, begegnete man ihr auf der Straße. Aber Paulina García macht aus der Figur einen Menschen, der das Herz rührt: schüchtern und doch selbstbewusst; abwartend und doch hungrig; skeptisch und gleichzeitig verträumt. Dank dieser auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Leistung wird aus "Gloria" weit mehr als ein Feel-Good-Movie, als das der Verleih den Film bewirbt. Es ist, als habe man Anteil an einem Stückchen Leben.

Gloria ist seit Jahren geschieden, sie hat zwei Kinder. Die Einsamkeit macht ihr zu schaffen. Zu Sohn und Tochter hat sie zwar regelmäßig Kontakt, aber die beiden sind erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Bei einer Single-Party flirtet und tanzt sie, aber mehr ergibt sich daraus nicht. Glorias einziger Besucher in ihrer Wohnung in Santiago de Chile ist die haarlose Katze ihres depressiven Nachbarn, den sie Nacht für Nacht in sinnlosen Tiraden schimpfen hört. Auf dem Weg zur Arbeit singt sie die Schlager aus dem Autoradio mit, um sich für den Tag zu motivieren.

Sex und Poesie und lange Gespräche

Bis bei der Single-Party eines Abends doch jemand auftaucht, der für mehr zu gebrauchen ist als für Smalltalk: Rodolfo (Sergio Hernández), Betreiber eines Freizeitparks, ebenfalls geschieden. Zwischen Gloria und dem Melancholiker entspinnt sich eine zarte Romanze mit tiefen Gesprächen, leidenschaftlichem Sex und rezitierten Liebesversen. Langsam öffnet Gloria ihr Herz. Vielleicht ist eine gemeinsame Zukunft möglich. Aber Rodolfo bringt Altlasten mit, die die Beziehung zu erdrücken drohen.

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"Gloria": Ab in ihre Arme!
Es dauert eine Weile, bis der Film seinen Zauber entfaltet. Anfangs wirkt Lelios Regie eher nüchtern. Er beobachtet, lässt den Dinge ihren Lauf. Aber eben hierin liegt der große Reiz von "Gloria". Nichts wirkt forciert, auf eine Tränen- oder Spannungsdramaturgie verzichtet das von Lelio mitverfasste Drehbuch. Die große innere Dichte dieses Dramas entsteht aus sehr genauen Beobachtungen alltäglicher Dinge. Grundlage der Episoden waren meist Anekdoten aus Lelios Bekanntenkreis, die er künstlerisch verdichtete.

Abgang ohne Würde

Ein Beispiel dafür ist die Geburtstagsfeier von Glorias Sohn. Sie bringt Rodolfo mit, ihr Ex-Mann seine neue Frau, die Tochter ist ebenfalls da. Aus den wie beiläufig abgelauscht wirkenden Gesprächen, den Blicken, der Körpersprache der Figuren entsteht die Geschichte einer Familie und einer Trennung, die das Drehbuch nie ausbuchstabieren muss. Am Ende bricht der betrunkene Ex bei der Betrachtung von alten Fotos in Tränen aus, und Rodolfo ist einfach verschwunden, ohne sich verabschiedet zu haben.

Sequenzen wie diese entstanden durch einen zwei Jahre währenden Prozess, bei dem jede einzelne Szene auf einer Bühne geprobt und analysiert wurde. Beim Dreh selbst ließ Lelio dann wieder Platz für Improvisation, um, wie er sagt, auch unbewusste Elemente zum Vorschein zu bringen. So wird aus "Gloria" große Kunst, die simpel wirkt, weil sie es nicht nötig hat, sich zu produzieren.

Und die doch in die Tiefe geht. Lelio lässt in seinem vielschichtigen Film auch politische Untertöne anklingen. In einigen Szenen sieht man große Demonstrationszüge, und bei einer Diskussion unter Freunden ist davon die Rede, dass jetzt zwar alles besser sei als unter Pinochet, nun aber das Geld regiere. "Es gibt keine Anführer mehr, zu denen man aufschauen kann. Wir brauchen eine spirituelle Revolution!", sagt Rodolfo. Ausgerechnet er entpuppt sich allerdings als rückgratloser Opportunist.

Und so startet Gloria ihre eigene kleine Revolution. Einfach, indem sie sich weigert, die Umstände zu akzeptieren. Sich nicht aufgibt. Ihr großartiger Rachefeldzug wird den feigen Rodolfo völlig unerwartet treffen. Und wenn Gloria am Ende zu "Gloria" tanzt, vorsichtig erst, dann immer wilder, überträgt sich ihre unwiderstehliche Energie auf die Zuschauer. Trotz Schlager.

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1. Endlich ein Frauenfilm
Torkemada 06.08.2013
Ein Portrait einer (hübschen? Urteilen Sie selbst!) starken Frau die sich gegen die Widerstände in der bösen, bösen Männerwelt durchsetzt. Und dann auch noch aus Chile. Das spricht für Qualität. Wenn nun auch noch die Kritiker der Berlinale das bejubeln, dann muss ich das sehen. Unbedingt. Und ganz viele andere auch. Das wird DER Filmerfolg des noch jungen Jahrtausends. Ehrlich! Haben diese Kritiker den Film eigentlich in ihrer Freizeit gekuckt und die Eintrittskarten bezahlt? Gab es Häppchen beim Buffet neben der Vorführung und vielleicht auch ein Gläschen Sekt? Haben Filmkritiker Kinder die dies das nun auch in ihrem Lieblingskino ankucken? Fragen über Fragen und ich hätte noch viel mehr. Ich bin so aufgeregt. Die grosse Welt des Films...
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Gloria

CHL 2013

Regie: Sebastián Lelio

Buch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza

Darsteller: Paulina Garcia, Sergio Hernández, Diego Fontecilla, Fabiola Zamora, Coca Guazzini

Produktion: Fabula, Nephilim Producciones

Verleih: Alamode

Länge: 110 Minuten

Start: 8. August 2013