Filmstart "Inside WikiLeaks" Besser Fernsehen

Was haben Walter White, Tony Soprano und Julian Assange gemeinsam? Sie sind Antihelden. TV-Serien können solche Charaktere bestens entfalten, doch im Kino verkümmern sie. Das zeigt "Inside WikiLeaks" - dem Film fehlen Zeit und Können. Aber immerhin spielt Benedict Cumberbatch begnadet.

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Nur einer wusste von Anfang an, dass "Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt" ein schlechter Film werden würde: sein Protagonist Julian Assange. Er versuchte noch aus seinem Zufluchtsort in der ecuadorianischen Botschaft heraus, Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch vom Dreh abzubringen - natürlich vergebens. Alle anderen hofften darauf, dass Bill Condons Spielfilm nach den Büchern von Daniel Domscheit-Berg und David Leigh gelingen würde. Aber warum eigentlich? Weil es mit "The Social Network" mal einen unterhaltsamen, geistreichen Film über die Entstehung einer Internetplattform gegeben hat?

Tatsächlich hätte einem bei genauerer Betrachtung des Stoffes auffallen müssen, dass "Inside WikiLeaks" kein guter Film werden konnte. Nicht im Sinne von Assange, der dahinter antiaufklärerische US-Propaganda vermutete - sondern weil die Geschichte der Whistleblower-Plattform, ihrer wichtigsten Mitstreiter und ihrer bahnbrechenden Enthüllungen im Kern ein Stoff ist, aus dem nur das Fernsehen und nicht das Kino das Beste hätte rausholen können.

Das liegt vor allem daran, dass Julian Assange ein Antiheld ist, wie ihn das Serienfernsehen mit Walter White oder Tony Soprano in den vergangenen Jahren so meisterlich erzählt hat, er aber im Kino mit seinen grobschlächtigen Superhelden kaum mehr zu finden ist. Charismatisch, aber auch cholerisch, visionär, aber auch paranoid - allein um seine Stimmungsschwankungen und widersprüchlichen Charakterzüge einzufangen und plausibel zu machen, hätte es mehr als die 128 Minuten von "Inside WikiLeaks" gebraucht.

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"Inside WikiLeaks": Charismatisch, cholerisch, visionär

Im Fernsehen hätte es dafür den Raum sowie die Aufgeschlossenheit und Geduld des seriengeschulten Publikums gegeben - und dann wäre ja noch immer nichts über Assanges bizarre Kindheit gesagt, die er teilweise in einer Sekte verbrachte und die viele seiner Porträtisten für den Schlüssel zu seiner Persönlichkeit halten. Aus diesen Tagen, überhaupt von seiner Zeit in Australien hätte man gern mehr gesehen. Stattdessen konzentriert sich der Film auf eine Gegenwart, die nur aus Laptops, Club-Mate und überraschend vielen Stunden im Berliner Tacheles zu bestehen scheint.

Momente der Verblüffung

Im Film ist Benedict Cumberbatch größtenteils auf sich allein gestellt, um die unzähligen Facetten von Assange zum Schillern zu bringen. Zwei, drei Rückblenden in seine Kindheit in Australien sowie einige Dialogzeilen voll klobiger biografischer Informationen müssen als Backstory reichen. Immerhin: Cumberbatch ist ein so begnadeter Schauspieler, dass er aus dem dürftigen Material doch einige Momente der Verblüffung und Erkenntnis gewinnt. Etwa wenn er auf einem Hacker-Kongress beginnt, wenig vorteilhaft zu tanzen und es trotz schlackernder Arme und kreisender Hüften schafft, seine Freunde auf die Tanzfläche zu locken. Dann lässt sich etwas von Assanges androgynem Sexappeal erahnen, der ein so wichtiger Faktor in seiner Wahrnehmung als - zumindest zeitweiliger - Pop-Ikone ist.

Cumberbatchs herausragende Leistung lässt aber auch die Schwächen der sonstigen Figuren noch stärker hervortreten. Assanges Mitstreiter sind im Film allesamt zu konturlos, so dass sie ihm weder im Streit noch in der Kooperation interessante Reibungsflächen bieten könnten. Allen voran Daniel Brühl als Daniel Domscheit-Berg wird zu voreilig als Sympathieträger und Identifikationsfigur gezeichnet, um an Statur und Komplexität zu gewinnen.

Das mag dramaturgisch und auch politisch (Sohn aus gutem Hause wird vorübergehend von australischem Guru zum politischen Aktivismus verführt) so gewollt sein, interessant anzusehen ist es nicht. Ebenso scheinbar wahllos stoßen Assanges andere Mitstreiter zum Team. Die isländische Politikerin Birgitta Jónsdóttir (gespielt von Carice van Houten), der deutsche Hacker Marcus (Moritz Bleibtreu), der später als FBI-Agent enttarnte Ziggy (Jamie Blackley): Sie alle haben keine Geschichte und keine Persönlichkeit. Dabei böte gerade dieses von der Wirklichkeit zusammengewürfelte Figurenensemble die einzigartige Möglichkeit, über die vielen disparaten Biografien den globalen Appeal von WikiLeaks zu verdeutlichen. Doch auch hier fehlen Raum, Zeit und Können, um das Potential des eigenen Stoffes auszuschöpfen.

Am Ende von "Inside WikiLeaks" kann man nur enttäuscht im Kinosessel zurückbleiben. Wie hätten wohl die Macher von "The Wire" den kleinteiligen Prozess der Arbeit im WikiLeaks-Lager und in den Redaktionen erzählt? Welche Bilder hätte "Breaking Bad"-Mastermind Vince Gilligan für die schräge Kindheit von Assange in Australien gefunden? Wie hätte das Team von "Borgen" die Machtkämpfe innerhalb WikiLeaks und Assanges spätere Zerwürfnisse mit den Medien und der Justiz erfahrbar gemacht?

Selten hat jedenfalls ein - eingedeutschter - Filmtitel so schlecht gepasst wie hier: Wenn man eines innerhalb der 128 Filmminuten nicht war, dann "Inside WikiLeaks".

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Erich91 31.10.2013
1. welch eine pathetische Aussage
Zitat von sysopConstantinWas haben Walter White, Tony Soprano und Julian Assange gemeinsam? Sie sind Antihelden. TV-Serien können solche Charaktere bestens entfalten, doch im Kino verkümmern sie. Das zeigt "Inside WikiLeaks" - dem Film fehlen Zeit und Können. Aber immerhin spielt Benedict Cumberbatch begnadet. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmstart-inside-wikileaks-mit-benedict-cumberbatch-und-daniel-bruehl-a-930985.html
er speilt begnadet, na so was
eepikurist 31.10.2013
2. Frau Pilarczyk, Domscheit-Berg wichtelig!
Frau Pilarczyk, weiss über Assange Bescheid -woher, aus der Presse?? Domscheit-Berg ist wie ein verzogenes, kleines Kind, das erst mitmachen durfte und später das Sagen haben wollte und scheiterte. Er ist nichts als eine Randfigur in der Wikileaks-Historie, die dann versucht hat, dem Gründer ans Bein zu pinkeln. Um nachließend mit Insiderwissen Geld zu machen (der Film basiert auf seinem Buch) und sich auf Kosten seines Wikileaks-Papas moralisch überlegen darzustellen. Ein übler, eitler Nestbeschmutzer.
miss_moffett 31.10.2013
3. an #2
nur eine kurze Anmerkung: der Film "the social network" basiert auf einem Buch, an dem Mark Zuckerberg nicht mitgearbeitet hat und das hauptsächlich auf Aussagen seiner Ex-Mitarbeiter und späteren Gegner vor diversen Gerichten geschrieben wurde. Trotzdem oder gerade deshalb wurde es ein großartiger Film.
glen13 31.10.2013
4.
Vielleicht ist die Hauptfigur einfach zu unsympathisch und hat keinen Mitleidsbonus wie Walter White (Krebs).
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