US-Kriegsfilm-Remake "Red Dawn": Kalter Krieg? Kalter Kaffee!

Von Johan Dehoust

Die USA attackiert! Von nordkoreanischen Invasoren! Oder waren es doch Chinesen? Egal: Beim Remake des antikommunistischen Achtziger-Jahre-Trashfilms "Die Rote Flut" sind politische Weltlage und Logik eher zweitranging. Hauptsache, es macht Bum.

Als "Die Rote Flut" 1984 erstmals in Deutschland lief, versammelten sich vor den Kinos Friedensaktivisten und verlangten, dass dieser Film umgehend verschwinden möge. Und tatsächlich: Es dauerte nur ein paar Tage, bis die ersten Kinobetreiber der Forderung nachkamen und das US-amerikanischen Kriegsdrama aus dem Programm nahmen. In einer Zeit, in der die Grünen gerade zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden waren, gewährte man einem Actionfilm wie "Die Rote Flut" keine lange Haltbarkeit.

Dan Bradley scheinen diese Proteste heute, fast dreißig Jahre später, nicht groß interessiert zu haben - sonst hätte er das umstrittene Werk wohl nicht unter dem Titel "Red Dawn" neu verfilmt. Die Geschichte: Ein paar couragierte Teenager fliehen in die Berge und beginnen von hier aus, die Besatzer ihrer Heimatstadt - wildgewordene kommunistische Barbaren - niederzumetzeln. Ein rückwärtsgedachtes, ziemlich schwarz-weißes Zeugnis des Kalten Krieges.

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US-Kriegsfilm "Red Dawn": Dumpfe Story, viel Bummbumm
Ein Grund, warum dem Regisseur diese Umstände egal gewesen sein dürften, ist schnell gefunden: Je dumpfer die Story, desto mehr Raum für Pengpengpeng und Bumbumbum. Bisher war Bradley bei Blockbustern - wie etwa "Ein Quantum Trost", "Das Bourne Ultimatum" oder "Spider Man 3" - nur dafür zuständig, die Actionszenen zu choreografieren. Jetzt führt er zum ersten Mal komplett Regie.

Und der Stunt-Experte nutzt die Gelegenheit, endlich mal ganz eigenverantwortlich ordentlich Krach zu verursachen, in vollen Zügen aus. Beeindruckende Verfolgungsjagden, Feuergefechte und Sprünge von Hochhäusern en masse. Schon die Eingangsszene macht klar, worauf es Bradley ankommt: Als die Bewohner von Spokane, einer Stadt im Bundesstaat Washington, aufwachen, schwirren über ihnen im Himmel Flugzeuge und Fallschirmspringer durcheinander wie ein aufgeschreckter Wespenschwarm.

Hauptsache Schlitzaugen

Eine der Maschinen stürzt ins Nachbarhaus von Jed (Chris Hemsworth) und Matt (Josh Peck). Die Brüder starten ihren Pick-up und fliehen vor den fremden Besatzern. Unterwegs springen noch ein paar verstörte Freunde auf die Ladefläche. Angekommen im Wald außerhalb der Stadt übernimmt sofort der muskelbepackte, aber milchgesichtige Jed das Kommando. Als US-Marine ist er der einzige in der Gruppe, der weiß, wie Gewehre und Pistolen richtig zu bedienen sind.

Nach dem adrenalinausstoßfördernden Auftakt wird "Red Dawn" sehr schnell sehr unerträglich. Natürlich darf ein Actionfilm ein bisschen unlogisch sein, aber das funktioniert nur, wenn man als Zuschauer genau das vor lauter Aufregung möglichst schnell vergisst. Das gelingt einem in diesem Fall aber nur, wenn man früh genug einschläft. Innerhalb kürzester Zeit formt Anführer Jed aus unbedarften Teenies patriotische Überkämpfer, die unter dem Kampfnamen Wolverines ihre Vaterlandsfeinde terrorisieren. Selbst nach wochenlangem Guerilla-Dasein sehen die Krieger aber noch aus wie aus einem Tommy-Hilfiger-Werbekatalog. Wie bitte schön sollen diese aufgestylten Bubis einer mit Panzern und Raketen ausgerüsteten Armee gefährlich werden?

Aber nicht nur die Widerstandskämpfer sind zu unglaubwürdig, auch ihre Gegner sind es. Statt wie im Original nicaraguanisch, kubanisch und sowjetisch sind die feindlichen Mächte nun einfach nur noch nordkoreanisch. Wie nur sollten Truppen dieses Landes in den Vereinigten Staaten landen, ohne dass diese dagegen etwas ausrichten könnten? Bradley montiert extra die Reden so prominenter Zeitzeugen wie Barack Obama oder Hillary Clinton in seinen Film, um die Gefährlichkeit Nordkoreas zu belegen. Was nur noch lächerlicher wirkt.

Des Rätsels Lösung: Eigentlich sollten die Besatzer aus China stammen. Während der gesamten Dreharbeiten waren die feindlichen Fallschirmspringer und Piloten dementsprechend ausstaffiert. Als 2010 alles fertig gedreht war, erkannten die Filmemacher jedoch, dass sie mit diesen Uniformen auf dem wichtigen chinesischen Kinomarkt relativ geringe Erfolgsaussichten hätten.

Also ersetzten sie in aufwendiger Postproduktion am Computer alle chinesischen Flaggen und Abzeichen durch nordkoreanische. Die Schauspieler aber blieben dieselben. Das macht deutlich, wie oberflächlich in "Red Dawn" mit Feindbildern umgegangen wird. Chinese oder Nordkoreaner? Egal, Hauptsache, er hat Schlitzaugen. So scheinen die Vermarkter dieses Films gedacht zu haben.

Muss man deshalb gut dreißig Jahre nach der Premiere der Vorlage wieder vor die Kinos ziehen und protestieren? Wohl eher nicht. Ignorieren sollte reichen.


The Red Dawn. Start: 27. Dezember. Regie: Dan Bradley. Mit u.a. Chris Hemsworth, Josh Hutcherson und Adrianne Palicki.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Früher waren es in jedem Actionfilm ...
divina_commedia 27.12.2012
die Russen oder die Araber. In Die Hard wurden aus deutschen Terroristen für den deutschen Markt eine Gruppe "europäischer" Terroristen gemacht. Genauso wie auch in im Auftrag des Teufels die Sprache des Bösen (Deutsch) in Deutschland französisch war. Feindbilder sind wandelbar und austauschbar. Was zählt ist die kurzzeitige Unterhaltung.
2.
Indigo76 27.12.2012
Zitat von sysopConcordeDie USA attackiert! Von nordkoreanischen Invasoren! Oder waren es doch Chinesen? Egal: Beim Remake des antikommunistischen Achtzigertrashfilms "Die Rote Flut" sind politische Weltlage und Logik eher zweitranging. Hauptsache es macht Bumm. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmstart-red-dawn-a-873660.html
Da die spon-Kritiker ausnahmslos alle Filme in der Luft zerreissen (Sogar in "Der Hobbit" wurde treffsicher alles negative hervorgehoben), mussten sie ja irgendwann mal einen Treffer landen.
3.
SaigonWhiteChristmas 27.12.2012
Zitat von sysopConcordeDie USA attackiert! Von nordkoreanischen Invasoren! Oder waren es doch Chinesen? Egal: Beim Remake des antikommunistischen Achtzigertrashfilms "Die Rote Flut" sind politische Weltlage und Logik eher zweitranging. Hauptsache es macht Bumm. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmstart-red-dawn-a-873660.html
Man muss nur die richtige Bedrohungskulisse hochfahren und schon haben die zigmillionen Waffen in Privathaushalten wieder ihre Daseinsberechtigung. Die Lobby klatscht. Der Film war in seiner alten Fassung Propaganda und ist es wieder..
4.
Atheist_Crusader 27.12.2012
Zitat von sysopConcordeDie USA attackiert! Von nordkoreanischen Invasoren! Oder waren es doch Chinesen? Egal: Beim Remake des antikommunistischen Achtzigertrashfilms "Die Rote Flut" sind politische Weltlage und Logik eher zweitranging. Hauptsache es macht Bumm. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmstart-red-dawn-a-873660.html
Nach Ansicht der Trailer kann ich ziemlich zweifelsfrei sagen: brauch ich nicht. Das Original war auch schon trashig, aber irgendwie auf eine unbedarft-sympathische Weise. Und trotz allem wirkte es weniger weltfremd - und das nicht bloß wegen der fehlenden Nordkoreaner. Es war ja auch eine Vietnam-Allegorie, die die Amerikaner in die Rolle der Besetzten steckte. Aber das hier... wirkt wie eine einzige pubertär-patriotische Masturbationsphantasie. Man erwartet fast den Untertitel "As long as you're american it doesn't matter where you are - it is your birthright to kick asses and blow stuff up!". Die Tatsache, dass einige der später hinzukommenden Geldgeber in China saßen, hat sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen. Nicht, dass es einen großen Unterschied macht. Der normale westliche Kinogänger kann Chinesen nicht von Koreanern unterscheiden, wenn er nicht gesagt bekommt, wer wer ist. An den Uniformen hätten sich höchstens Militärotaku gestört.
5.
Atheist_Crusader 27.12.2012
Zitat von SaigonWhiteChristmasMan muss nur die richtige Bedrohungskulisse hochfahren und schon haben die zigmillionen Waffen in Privathaushalten wieder ihre Daseinsberechtigung. Die Lobby klatscht. Der Film war in seiner alten Fassung Propaganda und ist es wieder..
Nicht zu vergessen: Propaganda gegen die Senkung des ach so kränklichen Militärbudgets. "Wenn Obama auch nur einen Dollar streicht, könnt ihr schonmal koreanisch lernen!"^^
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