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Drogenthriller "Miss Bala": Sturz in die Hölle

Von Andreas Banaski

Wirklichkeitsnähe statt Vernichtungseskapismus: Im düsteren Thriller "Miss Bala" wird die junge Kandidatin einer Schönheitskönigin-Wahl im mexikanischen Grenzgebiet zum Spielball des Drogenkriegs.

Kurz vor Weihnachten 2008 hatte die mexikanische Schönheitskönigin Laura Zúñiga einen großen Presseauftritt, doch der Anlass war wenig glamourös. Sie trug nicht Bikini, sondern Handschellen, und umrahmt war sie nicht von anderen Grazien, sondern von finsteren Gesellen, in deren Begleitung sie zuvor bei einer Straßenkontrolle hochgenommen wurde. Sie sei selbst, so sagte sie aus, ganz verblüfft darüber, was die Gruppe im Gepäck hatte: mehrere zehntausend Dollar in bar und etliche Handfeuerwaffen, die sauber auf einem Tisch vor ihr aufgereiht waren. Verdacht auf Drogenhandel.

Dieses Bild inspirierte den mexikanischen Regisseur Gerardo Naranjo, der sich damals schon nach wenigen Filmen mit einer Schaffenskrise plagte und nach gesellschaftlicher Relevanz strebte. Um zu demonstrieren, wie "das Verbrechen langsam in das Leben eines Unschuldigen, der sich einfältig und sehr naiv verhält, eindringt", wollte er Lauras Geschichte verfilmen. Zúñiga war nach einem Monat aus Mangel an Beweisen freigelassen worden und behauptete, sie sei von ihrem kriminellen Freund entführt worden. Was sie Naranjo alles berichtete, kam dem aber so abenteuerlich vor, dass er sich die Story für seinen Sozio-Thriller "Miss Bala" (übersetzt: Fräulein Geschoss) doch lieber selber ausdachte.

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Drogenthriller "Miss Bala": Sturz in die Hölle
Stoisch leidend

Seine 23-jährige Laura heißt nun Guerrero (Stephanie Sigman in ihrem Kinodebüt), kommt aus der mexikanischen Grenzstadt Tijuana und will durch die Krönung zur Miss Baja California den sozialen Aufstieg finanzieren. Als sie zufällig in einem Nachtclub den Überfall eines Drogenkartellkommandos auf Polizisten und Fahnder miterlebt, gerät sie in einen Strudel der Gewalt. Bei dem Massaker stirbt ihre beste Freundin, und Laura wird vom brutalen Bandenboss Lino (Noe Hernandez) zu Helfer- und Kurierdiensten gepresst. Zur Belohnung arrangiert die lokale Kartellgröße Lauras Sieg bei der Miss-Wahl, was aber bloß Auftakt zu neuem Irrsinn bedeutet.

Diesen Sturz in die Hölle erzählt Naranjo nur aus der Sicht des Opfers Laura. Zur Recherche traf er sich zwar mit vielen Gesetzesbrechern, aber an ihrer Motivation lag ihm nichts. Deren Gräuel, ihre kreativen Folter- und Hinrichtungsmethoden, ihre Frauenverachtung und Gier wollte er nicht mit Armutshintergrund rechtfertigen und Killer nicht als Robin-Hood-Outlaws verklären. Und deshalb erfährt Laura Niedertracht und Verrohung, denn, so Naranjo, "das Leben dieser Gangster ist nicht cool, schillernd und spaßig, sondern erbärmlich". Die Ordnungshüter, von Korruption zerfressen, kommen auch nicht viel besser weg.

Und weil Naranjo auch wenig vom Psychologisieren hält, inszenierte er seine Hauptdarstellerin nicht als "Heulsuse", sondern als stoisch Leidende, betäubt durch Mexikos Agonie in einem "Klima der Angst". Dabei spekuliert Naranjo auch auf die anfängliche Schadenfreude der Zuschauer, ehrgeizige Schönheiten auf dem Laufsteg gerne mal straucheln zu sehen.

Beeinflusst von der Wirklichkeitsnähe der New-Hollywood-Filme der Siebziger und abgestoßen vom Vernichtungseskapismus neuerer Hollywood-Action im Michael-Bay-Stil lässt Naranjo seine Laura in einen kafkaesken Alptraum stolpern, der manchmal an Sam Peckinpahs grandios nihilistischen Mexiko-Trip "Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia" erinnert. Statt modischem Handkameragezappel und hektischen Schnitten dominieren lange Einstellungen.

Weil hier "jede Schießerei so armselig und verstörend wie möglich aussehen" soll, reagierte Naranjo auch etwas irritiert auf Vergleiche mit dem stilbewussten Starregisseur Michael Mann. Die waren natürlich lobend gemeint, nach der Premiere letztes Jahr in Cannes waren die Kritiker begeistert. Mexikos Auswahlkommission schloss sich dieser Meinung mit einer Nominierung für den Fremdsprachen-"Oscar" an, obwohl viele Einheimische den Film als Nestbeschmutzung verdammten. Aber auch das sollte man ja als Anerkennung registrieren.


Miss Bala. Start: 18.10. Regie: Gerardo Naranjo. Mit Stephanie Sigman.

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