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Japanischer Liebesfilm "Like Someone in Love": Die Schönheit von Schemen

Von Maren Keller

Schlechte Tausendfüßlerwitze und wunderschöne Autofahrten: Abbas Kiarostami hat mit "Like Someone in Love" einen Film über eine komplizierte Dreiecksbeziehung gedreht. Darin treffen sich ein Callgirl, ein Automechaniker und ein Professor in Tokio.

Folgender Witz wird in Abbas Kiarostamis neuem Film "Like Someone in Love" gleich zwei Mal erzählt: Zwei Tausendfüßler heiraten. In der Hochzeitsnacht ist der männliche Tausendfüßler so fertig, dass er den weiblichen Tausendfüßler bittet, ihm zu sagen, welches Paar Beine er spreizen soll.

Das erste Mal wird dieser Witz einer jungen Frau in einer schummrigen Bar in der Eröffnungsszene erzählt. Die junge Frau versteht nicht, was daran lustig sein soll. Wenige Szenen später erzählt sie den Witz einem alten Professor, der sie als Callgirl für die Nacht bestellt hat. Der Professor lacht. Die junge Frau fragt ihn, warum er lacht. Der Professor antwortet, dass er nur lacht, weil sie ihm vorher gesagt habe, dass dies ein Witz sei.

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Neuer Kiarostami-Film "Like Someone in Love": Poesie statt Pointen
So ähnlich verhält es sich mit dem Film "Like Someone in Love". Wenn man nicht gerade Filmliebhaber ist, muss einem vorher gesagt werden, mit was für einer Art Film man es zu tun bekommt, damit man angemessen auf ihn reagieren und ihn würdigen kann. Und nicht irritiert ist in Anbetracht der langsamen Dialoge, der elliptischen Erzählweise und der meditativen Poesie.

Abbas Kiarostami ist einer der bekanntesten iranischen Regisseure und fast immer, wenn über ihn gesprochen oder geschrieben wird, fällt irgendwann das Zitat Jean-Luc Godards, der Film beginne mit D.W. Griffith und ende mit Kiarostami. Über vierzig Filme, Kurzfilme und Dokumentationen hat Kiarostami seit dem Beginn seiner Karriere in den Siebzigern gedreht. Dazu kommt ein Lyrik-Band, dessen Gedichte japanischen Haikus nicht unähnlich sind. Für seinen bekanntesten Film "Der Geschmack der Kirsche" gewann er 1997 die Goldene Palme in Cannes. Drei Jahre später erhielt Juliette Binoche die Palme als beste Hauptdarstellerin in Kiarostamis Film "Copie conforme", der in der Toskana spielt und Kiarostamis erster Film ist, dessen Schauplatz nicht Iran ist.

Stell keine Fragen, wenn die Antwort eine Lüge ist

Sein neuer Film "Like Someone in Love" ist nun der zweite Film, der außerhalb des Iran spielt. Diesmal hat Kiarostami Tokio als Schauplatz gewählt. Hier lässt er drei unterschiedliche Persönlichkeiten über die Möglichkeit der Wahrheit, das Wesen der Liebe und die Frage nach der eigenen Identität sinnieren: eine junge Frau, die aus einem Dorf nach Tokio gezogen ist und nachts als Callgirl arbeitet, um sich das Studium zu finanzieren. Ihren eifersüchtigen Freund, einen Automechaniker, der sie heiraten will und ahnt, dass sie ihm nicht die Wahrheit über ihr Leben sagt. Und einen alten Professor, der das Callgirl für eine Nacht bucht und sich gegenüber ihrem Freund als Großvater ausgibt. Er gibt ihm den Rat: "Wenn du weißt, dass die Antwort eine Lüge ist, stell keine Fragen."

Wie immer bei Kiarostami wird vieles nur angedeutet, schemenhaft umrissen. Es werden Fragen aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Was insofern nur logisch ist, weil es bei Kiarostamis Filmen nicht im Blockbuster-Sinn um Handlung geht. Es geht um Bilder.

Kiarostami zeigt zuweilen den Zuhörer im Gespräch, nicht den Sprechenden. Er zeigt Blickwechsel, die sich ewig anfühlen und ein deprimierendes, graues, schattiges Tokio, das nichts von der mitreißenden Glitzerwelt hat, als die die Stadt sonst oft gezeigt wird. Alles schwebt in diesem Film. Die Figuren bleiben in der Schwebe. Und oft sind sie passend dazu nur als schemenhafte Spiegelungen in Scheiben zu sehen.

Ein Kritiker der "New York Times" hat einmal geschrieben, Kiarostami sei der Weltmeister der Darstellung des Autos im Film. Weil er das Auto als Ort der Reflexion, der Beobachtung und der Konversationen verstehe. Und so gibt es auch in "Like Someone in Love" zwei seiner berühmten Autoszenen, in denen die Lichter der Stadt über das Gesicht der jungen Frau auf dem Rücksitz gleiten. Spätestens in diesen Szenen ist klar, dass Kiarostami ein Mann der Poesie ist und nicht der Pointen.


"Like Someone in Love". Regie: Abbas Kiarostami. Mit: Rin Takanashi, Tadashi Okuno, Ryo Kase.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Schemen und Klischees
caecilia_metella 27.02.2014
Darüber erzählt ein Filme, in dem die einzige Frau ein Callgirl ist. Mir ist, als hätte ich ihn schon 1.000mal gesehen.
2. Überhaupt keine Klischees
xebudig 27.02.2014
Zitat von caecilia_metellaDarüber erzählt ein Filme, in dem die einzige Frau ein Callgirl ist. Mir ist, als hätte ich ihn schon 1.000mal gesehen.
Schauen Sie sich den Film doch einfach an bevor Sie solch ein Urteil abgeben. Das von Ihnen vermutete Klischee berührt dieser Film nämlich überhaupt nicht. Die Charaktere sind Prototypen, auf eine tiefe Zeichnung verzichtet der Film bewußt, aber frei von Überzeichnungen. Der Film konzentriert sich vielmehr auf die Darstellung von Szenen in denen die Charaktere sich beeinflußen, dabei werden, wenn man genau hinsieht, für Japan (aber nicht nur für Japan) bezeichnende soziale Konflikte herausgehoben. Z.B. - Die Distanz der Generation - Relative Isolation der älteren Generation - Infantilisierung und geringes Verantwortungsbewußtsein von jungen Erwachsenen - Das soziale Stigma gegenüber Behinderten - Der Diskrepanz zwischen Tokyo und der Provinz Sicherlich kein Meisterwerk, aber ein hübscher Film über das japanische Generationenverhältnis, auch interessant für alle die kein konkretes Bild von Japan haben.
3. Soundtrack
black&blue 27.02.2014
Das Wichtigste wurde vergessen zu erwähnen: Der Soundtrack. Man muss sich nur die Präsentation des Films bei den Festspielen in Cannes 2012 anschauen, und schon wird man von Björk in den Bann gezogen. À propos: 2012. Das war vor zwei Jahren - der Film wird im Artikel allerdings dennoch als "neu" bezeichnet.
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