Rushdies "Mitternachtskinder" im Kino: Magischer Kitsch

Von Simon Broll

So kam Indien auf die Welt! Die Regisseurin Deepa Mehta hat Salman Rushdies magischen Roman "Mitternachtskinder" für das Kino adaptiert und erzählt von der Geburt des Landes als Familiengeschichte. Mit farbenprächtigen Bildern und einer prächtigen Prise Bollywood.

Ein Feuerwerk erhellt den Nachthimmel von Mumbai. Menschen feiern auf den Straßen, fallen sich glücklich in die Arme. Das Land ist frei, die Briten sind abgezogen. Es ist der 15. August 1947, und der Lärm der Straße dringt in die Säuglingsstation der Stadtklinik, in der eine Krankenschwester zwei Neugeborene betreut. In weiße Tücher gewickelt, sehen die Jungen fast gleich aus. Zur Mitternachtsstunde wurden sie geboren - in dem Moment, als Britisch-Indien seine Unabhängigkeit erlangte. Die ersten freien Bürger einer neu gegründeten Nation.

Und die ersten Betrogenen. "Die Reichen sollen arm sein und die Armen reich", dachte sich der Freund der Krankenschwester angesichts der gerade erlangten Unabhängigkeit. Und um das gleich in die Praxis umzusetzen, vertauscht die Frau die Namensbinden der beiden Neugeborenen auf ihrer Station - das eine Spross einer reichen Familie, das andere Sohn von armen Schluckern.

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Rushdies "Mitternachtskinder" im Kino: Getauschte Brüder
Wie der Verrat die Hoffnung zerstört - das ist das große Thema von "Mitternachtskinder", dem zweiten Roman von Salman Rushdie. Regisseurin Deepa Mehta macht daraus ein bildgewaltiges Filmdrama. Im Zentrum steht eines der beiden Krankenhauskinder: Saleem Sinai, der Sohn einer Straßenkünstlerin, der bei den reichen Eltern des anderen Säuglings, Shiva, aufwächst. Ein Junge, dessen Leben "an die Geschichte gefesselt" ist, wie es heißt. Ein Zauberer. Ein Mitternachtskind.

Die Darstellung des Unverfilmbaren

Rushdie veröffentlichte "Mitternachtskinder" 1981. Der Roman, der die Geschichte seines Landes aus der Sicht eines Jungen mit telepathischen Kräften erzählt, wurde zum internationalen Bestseller. Das Mammutwerk von über 700 Seiten galt als unverfilmbar.

Doch eben das scheint die Filmindustrie derzeit als besondere Herausforderung zu betrachten. Die Studios überbieten sich zumindest gerade darin, wenn es darum geht, schwierige Stoffe umzusetzen. Allein 2012 kam die Verfilmung von Jack Kerouacs mäanderndem Beat-Klassiker "On the Road" heraus, die Kino-Adaption von David Mitchells auf sechs Zeitebenen spielendem "Cloud Atlas", oder auch Yann Martels Märchenstoff "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" in der Oscar-gekrönten Regie von Ang Lee.

"Mitternachtskinder" ist ein Epochenroman, der sich über drei Generationen erstreckt und dabei das Schicksal des indischen Subkontinents nachzeichnet: von den Kriegen zwischen Indien, Pakistan und Bangladesch bis zu den Notstandsgesetzen unter Indira Gandhi. All diese Momente hat Rushdie mit Saleems Leben oder dem seiner Verwandten verknüpft. Er verliert Familienangehörige, muss in den Krieg ziehen und trifft immer wieder auf seinen Tauschbruder Shiva.

Regisseurin Mehta setzt auf kräftige, warme Farben, um die Geschichte zu erzählen. Die Kamera fängt in Bollywood-Manier Frauen in bunten Saris ein oder gleitet durch das berühmte Zauberghetto von Delhi mit seinen Schlangenbeschwörern und Fakiren - es ist ein Reich, in dem magische Momente ihren Platz haben.

Verliebt in eine Zauberin

Shiva und Saleem besitzen Zauberkräfte. So wie alle 1001 Mitternachtskinder, die in der ersten Stunde nach der Staatsgründung geboren wurden. Saleem bringt sie mittels Telepathie zusammen, um gemeinsam eine friedliche Nation zu gründen. Doch Shiva stellt sich ihnen in den Weg - erst als Jugendlicher, später als Mann, der sich wie Saleem in die Zauberin Parvati verliebt.

Rushdie selbst hat das Drehbuch verfasst - und das tut dem Film gut. Der Autor hat sein Werk entschlackt, ohne dessen humorvollen Ton zu gefährden. So überlebten viele absurde Szenen im Kinofilm - etwa die erste Begegnung von Saleems Großeltern, die nach streng-muslimischer Sitte erfolgt. Der Großvater, ein Allgemeinarzt, darf die junge Frau nicht zu Gesicht bekommen, während er sie untersucht. Deswegen wird ein Tuch vor die Patientin gespannt mit einem Loch, das jeweils die schmerzende Körperstelle enthüllt - den Bauch, die Brust, dann endlich das Gesicht. Immer wieder hinterfragt der Film mit solchen Szenen Sitten, ohne seine Figuren lächerlich zu machen. Dafür sorgen auch die Schauspieler, die selbst den Nebenrollen Tiefe verleihen.

Indiens Hoffnungen auf eine Zukunft in Wohlstand sind bis heute nicht erfüllt. "Mitternachtskinder" zeigt auf allegorische Weise, wie der Wunsch nach Einheit durch falsche Machtansprüche zerstört wird. Und endet dennoch versöhnlich. Das ist das Geheimnis des Films: Sein Glaube, dass sich alles zum Guten wenden wird. Man kann darin Kitsch sehen. Oder aber Magie.


Mitternachtskinder. Regie: Deepa Mehta. Start: 28.3. Mit Satya Bhabha, Seema Biswas, Siddhart.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. nach mehrmaligem Versuch
ashoka2 28.03.2013
Habe ich das Buch doch noch gelesen. Anfang der neunziger gekauft hat es mehrere Umzüge überlebt um dann letztes Jahr von mir im Bücherregal wiederentdeckt zu werden. Finde es sehr gut. Leser sollte schon sich mit der Geschichte und Kultur Indiens auskennen.
2.
asdf01 28.03.2013
Zitat von sysopEin Feuerwerk erhellt den Nachthimmel von *Mumbai*. Menschen feiern auf den Straßen, fallen sich glücklich in die Arme. Das Land ist frei, die Briten sind abgezogen. Es ist der 15. August 1947, und der Lärm der Straße dringt in die Säuglingsstation der Stadtklinik, in der eine Krankenschwester zwei Neugeborene betreut. Filmstart von Mitternachtskinder nach dem Buch von Salman Rushdie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmstart-von-mitternachtskinder-nach-dem-buch-von-salman-rushdie-a-890841.html)
1947 hat d
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