Finanzdoku "Henners Traum" Geldeintreiber von der traurigen Gestalt

Ein Kleinstadtbürgermeister will aus einer Einöde ein Tourismus-Paradies machen - und buhlt vergeblich um Investoren. Klaus Sterns tragikomische Kinodoku "Henners Traum" ist ein Requiem auf die Zeiten, als ein Wurstpräsent genügte, um das Geld fließen zu lassen.

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Ein Trupp älterer Herren in dunklen Anzügen steht in der Landschaft herum und schaut aufmerksam in die Ferne. Einer macht auf zukünftige Attraktionen aufmerksam: "Dort wird die Clubanlage stehen, dort die Eventhalle, dort der Gourmettempel." Die anderen geben sich alle Mühe, das strahlende Tourismus-Paradies zu imaginieren, das hier aus dem Boden gestampft werden soll, und starren beeindruckt ins nasse Grau Nordhessens. Ein paar Kühe starren unbeeindruckt zurück.

"Hessisch Sibirien": Rührender Traum von einer glamourösen Zukunft
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"Hessisch Sibirien": Rührender Traum von einer glamourösen Zukunft

Nach dem Spaziergang gibt es für die Herren in den dunklen Anzügen noch große schwere Mettwürste. Der Mann, der sie verteilt, heißt Heinrich "Henner" Sattler, und er träumt von einer glamourösen Zukunft für seine Heimat, die im krassen Gegensatz steht zu den rustikalen Fleischprodukten, mit denen er als Give-Aways für seine Region wirbt.

Sattler ist der Bürgermeister von Hofgeismar, einer 17.000-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Hessens, also in jener Region, die aufgrund ihrer bescheidenen Attraktivität gerne "Hessisch Sibirien" genannt wird. Wenn es nach dem entwaffnend geradlinigen Herrn mit dem Bürstenschnauzer geht, entsteht hier bald eines der größten Bauprojekte Europas, eine Ferienanlage auf 800 Hektar mit fünf Luxushotels, drei Golfplätzen und einer Trabrennbahn samt Poloplatz.

Das Zentrum soll das klassizistische Schloss Beberbeck bilden; da sind zurzeit jedoch noch 43 alte Menschen in einem Seniorenheim untergebracht, dessen Mietvertrag weitere 20 Jahre läuft. Aber bevor sich Sattler darum kümmern kann, muss er sowieso erstmal 420 Millionen Euro auftreiben.

Gut zwei Jahre lang begleitete Filmemacher Klaus Stern den Bürgermeister bei seinem Kampf für das "Schloss Beberbeck Resort". Er schaut ihm dabei zu, wie er seinem Architekten aufgeregt den Rücken tätschelt, bevor sie zusammen in eine Bürgerversammlung ziehen; er guckt ihn bei zermürbenden Verhandlungen mit Bankern und Rechtsanwälten über die Schulter; und er zeigt ihn bei der rührenden Balz um internationale Investoren.

Den fertigen Film findet Sattler verständlicherweise nicht so schön, könnte er doch kontraproduktiv beim weiteren Geldeintreiben sein. In Nordhessen und in Umgebung lief "Henners Traum" nämlich schon vereinzelt, und interessierte Bürger fragten sich nach dem Kinobesuch zu Recht, weshalb sich der Stadtvater bei Versammlungen immer wieder mit dem Verweis darauf, dass das Kapital ein scheues Reh sei, vor konkreten Verhandlungsberichten drückte, während er ausgerechnet vor der Kamera auf jede Diskretion pfeift.

Tatsächlich redet sich Sattler in der Dokumentation jovial um Kopf und Kragen. Etwa wenn er beim Besuch des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch auf das Problem des noch zu beseitigenden Altersheims mit seinen Demenzkranken zu sprechen kommt und dem Landesfürsten ergeben zuraunt: "Das ist der Charme der Kleinstadt, das regelt man bei einer Flasche Wein."

Regisseur Stern hat bereits einige Wirtschaftporträts gedreht, zumeist über frühe Gewinner und spätere Verlierer des Neuen Marktes. Dabei musste eine Studie wie die preisgekrönte über den jung verstorbenen Börsen-Zampano Werner Koenig unweigerlich zur Totenmesse werden. Doch auch die eher tragischen als komischen Versuche von Bürgermeister Sattler, Kapital einzutreiben, verbreiten die Stimmung eines Requiems. Erzählt der Film doch von den Sitten und Gebräuchen einer gerade zu Ende gegangenen Wirtschaftsära, in der es offenbar reichte, mit einer Powerpoint-Präsentation und einem Korb voll Wurstpräsenten Anleger für die abenteuerlichsten Objekte zu begeistern.

Männer und Moneten

Doch seit die Krise da ist, mag sich niemand mehr als Investment-Hasardeur gerieren. Werden dem forschen Bürgermeister Anfangs noch von allen Seiten bewundernde Blicke zugeworfen, verebbt die Begeisterung im Laufe der beiden Jahre. Auch Roland Koch absentiert sich während seiner insgesamt drei Besuche immer schneller aus dem Bild. Die Zweifel verhärten sich, das Schulterklopfen wird weicher.

"Henners Traum" ist nicht nur Wirtschaftsrequiem und Standorttragikomödie, es ist auch eine anthropologische Studie darüber, wie das Geld oder die Hoffnung aufs Geld die männlichen Körper bewegt: Ständig umarmen sich die Geschäftspartner und klopfen sich dabei kräftig ab, so als sollte die physische Präsenz ökonomische Potenz suggerieren.

Bald wird der Körperkontakt für den Bürgermeister von Hofgeismar jedoch ein knappes Gut; irgendwann düst er auf der Jagd nach Investoren ganz alleine durch Nizza und Cannes, und nicht mal mehr am Telefon wollen ihm die einstigen Resort-Mitstreiter zärtlichen Zuspruch gewähren.

Aber Henner gehört nicht zu den Menschen, die schnell aufgeben. Auf der Expo Real in München, einer der weltgrößten Gewerbeimmobilienmessen, bläst er zum vorerst letzten Angriff auf internationale Geldgeber. Alle hören sich höflich seine Pläne an, niemand will einsteigen. Nicht mal die sonst in architektonischen und ökonomischen Belangen so abenteuerlustigen Araber. Statt ein paar Millionen reicht der Abgesandte eines Scheichs dem Deutschen lieber einen ausgestopften Falken in einer edlen Holzschatulle. Bürgermeister Sattler fühlt sich geschmeichelt, ist aber auch ein wenig irritiert.

Ach, hätte er von zu Hause doch ein paar Mettwürste mitgebracht.



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