Wiederentdeckte US-Fotografin: Das Rätsel der Vivian Maier

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Sie gilt als eine der wichtigsten Fotografinnen der USA. Doch zu Lebzeiten hat Vivian Maier nie ein Bild veröffentlicht. Der hochspannende Dokumentarfilm "Finding Vivian Maier" macht sich auf die Spurensuche nach einem der größten Rätsel der Fotografie.

Der Dokumentarfilm "Finding Vivian Maier" funktioniert wie eine umgekehrte Version von "Blow Up": Während in Michelangelo Antonionis Spielfilmklassiker ein Fotograf immer stärker daran zweifelt, was er auf einer seiner Aufnahmen wirklich sieht, fragt man sich bei "Finding Vivian Maier" unablässig, wer bloß die Frau hinter der Kamera gewesen sein mag. Denn Vivian Maier ist - und daran ändert auch ein 83-minütiger Film über sie nichts - eines der größten Rätsel in der Geschichte der Fotografie.

Über 100.000 Negative hat Maier, die 1926 in New York geboren wurde, zu Lebzeiten aufgenommen. Nur einen Bruchteil davon hat sie entwickeln lassen - und diese wenigen Abzüge niemandem gezeigt. Als Maier unverheiratet, kinderlos und mutmaßlich vereinsamt 2009 in Chicago verstarb, ging man davon aus, dass sie ihr Leben als Kindermädchen verbracht hatte.

So musste auch ihr Entdecker und filmischer Biograf John Maloof zweimal hinschauen, um festzustellen, dass sie eine der wohl wichtigsten amerikanischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts war. 2007 hatte der junge Chicagoer Immobilienmakler und Hobby-Historiker eine Kiste mit Maiers Negativen ersteigert. Weil sich die Bilder nicht für sein geplantes Stadtteilbuch eigneten, verstaute er sie achtlos. Erst 2009 holte er sie wieder heraus und entdeckte, mit welcher Präzision und Neugier Maier das Leben auf den Straßen von Chicago oder New York eingefangen hatte.

Fotostrecke

12  Bilder
"Finding Vivian Maier": Eine späte Entdeckung

Ein herausfordernder Blick, ein verrutschter Rock

Frauen, die ihre makellosen Pelzstolen zur Schau tragen; Kinder, die vor der brennenden Sonne unter den improvisierten Verkaufständen ihrer Mütter Schutz suchen; alte, gekrümmte Männer, denen auch Gehstöcke nicht mehr genug Halt bieten: Vivian Maier konnte mit ihrer Rolleiflex-Kamera scheinbar mühelos in die verschiedensten Milieus eintauchen und so lange verweilen, bis ein herausfordernder Blick, ein verrutschter Rock oder ein dramatischer Schatten aus einem flüchtigen Moment ein fotografierenswertes Motiv machten.

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Maier selbst wollte dabei so unsichtbar wie möglich bleiben. Sie variierte die Schreibweise ihres Nachnamens, wenn sie nicht einen komplett falschen angab, und sprach mit einem seltsamen Akzent, über dessen Ursprung es einen sehr lustigen Streit im Film gibt. Nicht umsonst sagt eine der Bekannten von Maier, die Maloof und sein Co-Regisseur Charlie Siskel für ihre filmische Spurensuche nach Maier befragen: "Ich finde ihre persönliche Geschichte viel interessanter als ihre Arbeit!"

Diesem Votum scheinen sich die Filmemacher anzuschließen, wenn sie bis nach Frankreich fahren, um Maiers letzte lebende Verwandte zu besuchen oder die Familien befragen, die Maier als Kindermädchen beschäftigt haben. Dabei kommen verstörende Geschichten zu Tage, von schrulligem Verhalten bis zu Missbrauch - erlebt, aber auch betrieben von Maier. Erklären diese Erlebnisse, warum die manische Fotografin die Öffentlichkeit so scheute und ihre Bilder zeitlebens für sich behielt?

"Künstler oder Täter?"

Diesen Weg aber schlagen die Filmemacher Maloof und Siskel dankenswerterweise nicht ein. Werk und Biografie dürfen bei ihnen unversöhnt nebeneinander stehen. Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der verstärkt versucht wird, Leben und kreatives Schaffen von Künstlern soweit zur Deckung zu bringen, dass sich ein abschließendes Urteil über beides fällen lässt.

"Künstler oder Täter?" betitelte das "New York Magazine" vor kurzem exemplarisch sein Porträt des Fotografen Terry Richardson, dem wiederholt sexuelle Nötigung von Models vorgeworfen worden ist. Ein Echo dieses Entweder/Oder-Denkens findet sich auch in der Debatte um die Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen, die seine Adoptivtochter Dylan Anfang des Jahres erneuerte. Damals ging das "Esquire"-Magazin Allens Filme durch und fand unter anderem in "Manhattan" oder "Stardust Memories" vermeintliche Beweise für eine pädophile Veranlagung von Allen.

Von solcher Heftigkeit sind die Vorwürfe gegen Maier weit entfernt. Dennoch ist es bemerkenswert, dass Maloof und Siskel nicht davor zurückschrecken, statt einer strahlenden Heldengeschichte im Geiste von "Searching for Sugarman" die Frau hinter ihrem Jahrhundertfund so komplex und widersprüchlich darzustellen, wie es einer gänzlich unorthodoxen Künstlerin wie Maier nur gebührt.

Auf dem ersten Fotoband mit Maiers Arbeiten, den John Maloof herausgegeben hat, ist ein Selbstporträt von Maier abgebildet. Ein Teil ihres Gesichts ist im Sonnenlicht gut zu erkennen, der größere Teil liegt aber verborgen im Schatten. Ein derartiges Porträt zeichnet auch "Finding Vivian Maier".

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insgesamt 15 Beiträge
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1.
kolloq 27.06.2014
Wer zu Lebzeiten nicht veröffentlicht und lediglich veröffentlichte Arbeiten imitiert, leistet keinen genuinen Beitrag zur Fotografie. Die Bilder von Maier zeigen keinen neuen Wege und gehen nicht über Bekanntes hinaus. Die 'Karriere' dieser Bilder hat aber auch weniger mit Fotografie als mit geschickter Vermarktung zu tun. Insbesondere die Story der posthumen Entdeckung bildet eine ideale Projektionsfläche für die Sehnsucht von Millionen Amateurknipsern, die alle ihre 'Entdeckung' warten.
2. optional
theresarain 27.06.2014
Dem obigen Kommentar kann ich gar nicht zustimmen. Die Bilder erzählen tausende kleiner Geschichten - verdichtet auf einen einzigen Moment, wie meisterhafte Kurzgeschichten. Manchmal blitzt die große Geschichte daraus hervor. Zusätzlich sind die Bilder eine einzigartige Dokumentation amerikanischen Alltagslebens. Man muss nicht zwingend immer "große" Geschichten erzählen, um ein Meisterwerk zu schaffen.
3.
GoBenn 27.06.2014
So "spannend" und ungewöhnlich (tatsächlich?) die Geschichte der Fotos von Vivan Maier ist, so überschätzt sind sie letzten Endes. Es sind keine schlechten Bilder, aber wie im ersten Kommentar schon gesagt wurde, das Genre wirklich erweitert haben sie nicht. Letztlich sind sie interessant, aber konventionell und wurden in den letzten Jahren zum Medienmärchen hochgejazzt. Es gibt übrigens noch zig unentdeckte Fotos von Diane Arbus, falls wer auf eine "Flohmarkt-Scoop" hofft.
4. unglaubwürdig
spon-facebook-10000092611 27.06.2014
ich glaube das nicht. die bilder dieser angeblich unbekannten fotografin sehen aus , als wären sie von henri cartier-bresson, garry winogrand, lee friedlander, diane arbus oder weegee gemacht worden.
5. Hcb
klaremeinung 27.06.2014
Wer sich ein auch nur ein wenig mit dem Thema Street-Fotografie auseinandergesetzt hat, kann mühelos abschätzen, welch großen Beitrag Vivian geleistet hat. Jedenfalls steht sie HCB in nichts nach.
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