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Fischer-Chronist Pepe Danquart "Nicht immer einfach, aber immer offen"

Leitfigur der 68er: Herr Joschka und unsere Geschichte
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Nadja Klier/ X-Verleih

Der oscarprämierte Regisseur Pepe Danquart hat einen Film über Joschka Fischer gedreht. Im Interview erklärt er seine Gemeinsamkeiten mit dem ehemaligen Außenminister, die politischen Kämpfe der sechziger Jahre - und warum sein Werk eigentlich doch kein Film über Fischer ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Danquart, die Grünen befinden sich im Höhenflug, und als hätten Sie es gewusst, kommt jetzt Ihr Film "Joschka und Herr Fischer" über den ehemaligen Außenminister heraus - der plötzlich als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt wird. Glauben Sie Fischer, wenn er sagt, dass er nicht in die aktive Politik zurück will?

Pepe Danquart: Ja. Außer es brennt, und er hat das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden. Was auch immer das heißen mag, er ist ja kein Messias. Er ist zwar ein politischer Mensch - aber das politische Tier in ihm schlummert.

SPIEGEL ONLINE: Im Film gibt es eine Stelle, die sich mit Fischers Zeit als Taxi-Fahrer in Frankfurt beschäftigt, er hat dem Straßenkampf abgeschworen und denkt viel über sich und das Leben nach - und plötzlich, sagt er, hörte er wieder die Hörner, die ihn zur Jagd rufen.

Danquart: Ja, aber die sind jetzt nicht erklungen. Was mich bei der Beschäftigung mit Joschka Fischer so beeindruckt hat, ist seine Konsequenz: Wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hat, dann zieht er die durch. Aber er ist auch in der Lage, zu erkennen, wenn es ein Irrweg war, innezuhalten und eine neue Entscheidung zu treffen - und diese dann genauso konsequent bis ans Ende durchzuziehen. Dafür steht er.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit Fischer befreundet. Wie kam es dazu?

Danquart: Wir haben ineinander sofort den Sponti entdeckt. Ich komme aus dem politischen Umfeld dieser Sponti-Bewegung, die es in den siebziger und achtziger Jahren gab - so wie er. Das ist quasi wie eine Familie. Die Verbindung ist nicht so dick wie Blut, aber es sind ähnliche Verhältnisse, ähnliche Lebensentwürfe. Es ist dieses Rebellische in einem, dieses Nicht-Konforme, das Freiheitsliebende, das Kommunikative: Das alles haben wir entdeckt, als wir uns das erste Mal sahen. Es gab danach immer wieder herrliche politische und kulinarische Auseinandersetzungen und Gemeinsamkeiten. Die Entspanntheit im Film kommt sicher auch daher.

SPIEGEL ONLINE: Fischer gilt im Umgang mit den Medien ja eher als bärbeißig. Zu Ihnen war er immer nett?

Danquart: Er ist kein einfacher Mensch. Was ja auch verständlich ist, wenn einer hinter sich hat, was er hinter sich hat. Ich habe mir die ganzen Parteitage angesehen. Es ist nicht leicht, das über Jahrzehnte durchzustehen. Als er dann Außenminister war, gingen die gesamten gesellschaftlichen Widersprüche durch seinen Körper. All das prägte ihn. Er ist ein ungeduldiger Mensch, auch manchmal ein bisschen rüde im Umgang. Keiner, der sich geschmeidig auf jeden einstellen kann, der am Tisch sitzt. Es war nicht immer einfach mit ihm, aber es war immer sehr offen.

SPIEGEL ONLINE: An Ihrem Film fällt auf, dass der Privatmann Fischer kaum eine Rolle spielt. Zum Beispiel ist nichts über seine Frauenbeziehungen zu erfahren.

Danquart: Wenn Sie das privat nennen...

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch privat.

Danquart: Nein, das ist Boulevard. Privat ist, finde ich, wenn er darüber reflektiert, wie er mit dem Herbst '77 und der Schleyer-Entführung umgegangen ist. Das ist eine große private Situation. Ich wollte einen Film über sechzig Jahre Deutschland machen und kein Biopic über Fischer. Mit welchen Frauen er zusammen war, hätte da vielleicht eine Rolle gespielt, aber nicht in meinem Film. Für mich war er der Leitfaden durch sechzig Jahre deutsche Geschichte, mit dieser außergewöhnlichen Biographie. Wie oft er nun verheiratet war, das steht in jeder dritten "Gala". Was sonst noch als privat bezeichnet wird, weiß ich nicht. Seine kulinarische Affinität kennt auch schon jeder. Für mich war das aber nicht relevant für einen Film in dieser Größenordnung.

SPIEGEL ONLINE: Auffällig ist auch, dass in Ihrem Film keine politischen Gegner Fischers zu Wort kommen.

Danquart: Was hätte es gebracht, zum Beispiel Jutta Ditfurth in diesen Film hineinzunehmen? Nichts. Die Auseinandersetzung zwischen Fundis und Realos kommt im Film auch ohne sie vor. Es ist meiner Ansicht nach ein altmodischer Begriff von Journalismus, dass man, wenn man die eine Seite befragt, auch die andere befragen muss. Das ist ein falscher Objektivismus. Wenn ich mich aber konsequent auf eine Seite einlasse, einen streitbaren Standpunkt beziehe, dann vermittelt diese Subjektivität eine weitaus größere Objektivität als wenn ich Objektivismus zulassen würde.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre es nicht auch interessant gewesen, Gegner von der rechten Seite sprechen zu lassen?

Danquart: Vielleicht. Aber hätte ich Helmut Kohl genommen, hätten Sie mich sicher gefragt: Warum haben Sie nicht auch Gerhard Schröder genommen? Oder den? Oder die?

SPIEGEL ONLINE: Ja, warum?

Danquart: Ich habe mich dazu entschieden, nicht die Altvorderen und immer üblichen Verdächtigen zu Wort kommen zu lassen. Ich wollte das damalige Lebensgefühl transportieren, all diese Geschichten erzählen, die, wie ich finde, dieses Land stärker verändert haben, als die Politik von Adenauer und Kohl. Diese geistige Veränderung, zu sagen: Wir wollen nicht nur unsere Stimme abgeben, wir wollen auch auf der Straße für unsere Rechte und unsere Überzeugungen eintreten. Die gesellschaftlichen Kämpfe, die dieses Land von der geistigen Enge befreit haben, aus der wir alle kamen. Nicht nur vom Faschismus, auch von der preußischen Vorvergangenheit. Das alles symbolisiert Fischer mit seiner politischen Biographie exemplarisch.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also ein Missverständnis, wenn man meint, das sei ein Film über Joschka Fischer: Sie haben eigentlich einen Film über die deutsche Nachkriegsgeschichte gemacht, für Leute, die nicht dabei waren?

Danquart: Das Ziel ist es tatsächlich, 20- bis 40-Jährigen einen Teil dieser Geschichte zu zeigen, den sie nicht kennen und so auch noch nicht gesehen haben. Viele von denen haben die Leitfigur, die durch diese sechzig Jahre führt, nur als Außenminister gekannt. Oder vom Osten her als jemanden, der immer aufgefallen ist und den sie bewundert, aber nie verstanden haben, wo der eigentlich herkam. Und damit meine ich auch: wo ich herkam. Ich habe früher Häuser besetzt, jetzt bin ich Professor. Das hätte ich mir damals auch nicht träumen lassen. Es ist nicht nur ein Film über ihn, es ist auch ein Film über mich.

Das Interview führte Stefan Kuzmany

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