Almodóvar-Komödie "Fliegende Liebende" Party mit Bruchlandung

Bunt, laut, schamlos, schwul: Mit seinem neuen Film "Fliegende Liebende" kehrt Pedro Almodóvar zu seinen Wurzeln zurück. Nur mit etwas weniger Witz als früher.

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Im Angesicht des Todes kann man sich nicht auch noch mit den Wünschen und Bedürfnissen der Unterschicht auseinandersetzen. Was also tun, wenn man als Flugbegleiter nach dem Start feststellt, dass die Maschine kaputt ist und wahrscheinlich dem Crash entgegen rast? Joserra (Javier Cámara), Fajas (Carlos Areces) und Ulloa (Raúl Arévalo) haben genug Erfahrung, um sofort den ersten Schritt einzuleiten: die Passagiere in der Economy-Klasse unter Drogen setzen. Alle. Helfen können die eh nicht, und im Zweifelsfall machen sie nur Ärger. Besser, sie schlafen und bekommen von der Katastrophe so wenig wie möglich mit.

Um mit Letzterer umzugehen, bleibt neben dem Flugbegleiter-Trio und den beiden ratlosen Piloten damit nur noch die spärlich besetzte Business Class übrig, die aber ganz andere Probleme hat: die Hellseherin Bruna (Lola Dueñas) will unbedingt ihre Jungfräulichkeit verlieren, der Schauspieler Ricardo (Guillermo Toledo) seiner selbstmordgefährdeten Freundin davonlaufen, der korrupte Unternehmer Mas (José Luis Torrijo) der Strafverfolgung entgehen und die landesweit bekannte Domina Norma (Cecilia Roth) vor einem Profikiller fliehen, der womöglich in Gestalt des mysteriösen Infante (José Marías Yazpik) nur ein paar Reihen hinter ihr sitzt. Am entspanntesten ist noch das frisch verliebte Pärchen (Miguel Àngel Silvestre, Laya Martí), das ganz vorn sitzt, entweder schläft oder Sex hat, und die anderen mit Stimmungsaufhellern versorgt. Ein bisschen Sorgen machen sich ja doch alle wegen des bevorstehenden Untergangs.

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Film "Fliegende Liebende": Stewards am Rande des Nervenzusammenbruchs
Eine Gesellschaft vor dem Absturz, betäubte Massen ohne Eingriffsmöglichkeit und eine hysterische, inkompetente Elite, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, als dass sie die wirklichen Probleme lösen könnte. Mit dem werdenden Flugzeugunfall findet Spaniens erfolgreichster Regisseur Pedro Almodóvar in seinem neuen Film "Fliegende Liebende" ein schönes Sinnbild für die finstere Lage in seiner krisenzermürbten Heimat. Was nicht heißt, dass man sich als Zuschauer auf ein sozialkritisches Pamphlet gefasst machen muss. "Fliegende Liebende" nutzt seine clevere Grundidee nicht als Ausgangspunkt für eine beißende Satire, sondern als Entschuldigung für ein buntes Komödien-Soufflé, das so leicht ist, dass es längst aus dem Bewusstsein geflogen ist, bevor man sich zu viele Gedanken darüber machen kann.

Überdrehte Extravaganz alter Tage

In erster Linie will dieser Film Spaß machen, eine Party vor dem Absturz feiern, und das so laut und bunt und absurd wie möglich. Nachdem Almodóvars letzte Werke "Zerrissene Umarmungen" und "Die Haut, in der ich wohne" ziemlich schwermütig geraten sind, regiert hier wieder die überdrehte Extravaganz alter Tage - "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" im "Labyrinth der Leidenschaften" sozusagen, nur dass die Frauen diesmal schwule Flugbegleiter sind und die Leidenschaften nun eben über den Wolken ausgelebt werden müssen.

Und dass das alles nicht mehr so frisch wirkt wie in den achtziger Jahren, als die typischen Almodóvar-Charaktere wie der schwule islamische Terrorist aus "Labyrinth der Leidenschaften" oder die lesbische Nonne aus "Das Kloster zum heiligen Wahnsinn" zumindest einen Teil des Publikums noch in helle Aufregung versetzen konnten. Die selbstbewusste Tuntigkeit der drei Flugbegleiter in "Fliegende Liebende" dürfte heute kaum noch für hochgezogene Augenbrauen sorgen, genauso wenig wie der bisexuelle Pilot oder die alternde Domina.

Es gibt einige sehr witzige Momente - eine meskalingeschwängerte Fast-Orgie etwa, und eine wundervoll sinnlose Musical-Einlage zu "I'm so Excited" von den Pointer Sisters - meist aber versucht Almodóvar seine Witze aus angestrengt schamlosen Situationen zu generieren, für die sich sowieso kaum noch jemand schämt. Seine gesellschaftlichen Außenseiter von einst sitzen heute eben in der Business Class, und sie haben auf dem Weg nach oben einiges an Charme verloren.

Vielleicht schaut sich Almodóvar das nächste Mal doch lieber wieder in der Economy um.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Humboldt 04.07.2013
1. Haha haha
Zitat von sysopTobisBunt, laut, schamlos, schwul: Mit seinem neuen Film "Fliegende Liebe" kehrt Pedro Almódovar zu seinen Wurzeln zurück. Nur mit etwas weniger Witz als früher. http://www.spiegel.de/kultur/kino/fliegende-liebe-neuer-film-von-pedro-almodovar-a-909081.html
Irrtum, es löst sehr wohl hochgezogene Augenbrauen aus, allerdings bei meinem schwulen Freund, welcher Flugbegleiter bzw. inzwischen Purser seid Jahre ist. Wir stellen fest, dass wir also von Almódovar zu allgemeinen Belustigung in längst überholte Klischees zurückgeholt wurden. Haha...haha
phboerker 04.07.2013
2. Fehler
Der Kritiker begeht den Fehler, in einem Almodóvar-Film Tiefgang und gar Gesellschaftskritik zu suchen. Die angebliche Metapher der Klassengesellschaft des Flugzeuges und Spaniens an sich ist garantiert nur bloßer Zufall. Almodóvar muss man auch nicht mögen. Und selbst wenn man ihn mag, taugt er nicht für viel mehr als das, was er sein will: ein bisschen Kurzweil.
hanstatt 04.07.2013
3. Rechtschreibung? Egal!
Der Akzent ist laut Wikipedia auf dem zweiten o. So wie auch im letzten Satz des Artikels. Dem Autor hier ist das aber egal, er macht ihn mal über das erste o mal über das zweite, wie es ihm gerade passt. Korrekte Schreibung eines berühmten Namens, wer achtet schon auf sowas?
Stäffelesrutscher 04.07.2013
4.
Zitat von hanstattDer Akzent ist laut Wikipedia auf dem zweiten o. So wie auch im letzten Satz des Artikels. Dem Autor hier ist das aber egal, er macht ihn mal über das erste o mal über das zweite, wie es ihm gerade passt. Korrekte Schreibung eines berühmten Namens, wer achtet schon auf sowas?
Und der Filmtitel "Fliegende Liebende" wird gleich meist zu "Fliegende Liebe" verkürzt. Der Autor kann vermutlich auch kein Spanisch, sonst hätte er etwas zur schönen Mehrdeutigkeit des Originaltitels "Los amantes pasajeros" geschrieben und seine Darstellung, dass der Plot eine Metapher auf die Krise in seiner Heimat ist, damit belegt, dass die fiktive Fluggesellschaft »Península« heißt, »Halbinsel«, was der üblichen Bezeichnung für Festlands-Spanien ohne Malle und die Kanaren entspricht. (Portugal könnte sich natürlich auch angesprochen fühlen.)
traubella 04.07.2013
5. Egal !
Ich freue mich schon lange auf den neuen Almodóvar und werde ihn mir auf jeden Fall anschauen.
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