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Flieger-Abenteuer "Der rote Baron": Dandy mit Maschinengewehr

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Zwischen poppiger Fliegerparade und pazifistischem Schmierentheater: Das aufwendige Kriegsepos "Der rote Baron" reaktiviert die alten Klischees einer fairen Luftwaffe, die während des Ersten Weltkriegs mit dem Feind einen sportlichen Wettkampf pflegte.

High sein, frei sein, ein bisschen Gewalt darf dabei sein: Waren die Kampfpiloten der deutschen Luftwaffe die Hippies des Ersten Weltkriegs? Ihre Doppel- und Dreidecker sind in diesem Film jedenfalls bemalt wie später die VW-Busse der Blumenkinder, kunterbunte Embleme unterschiedlichster Herkunft weisen sie als freigesinnte Geister aus. Einer der Flieger hat sich zum Beispiel einen Davidstern an den Rumpf gemalt, ein anderer einen lustig dreinblickenden Totenkopf. Von preußischer Pedanterie keine Spur. In dieser Truppe darf jeder glauben, denken und fühlen, was er will – solange er ab und an eine Maschine der Engländer oder Franzosen vom Himmel holt und dies auch noch mit einer gewissen Fairness tut. Dem getöteten Gegner wird dann in einem mutigen Tiefflugmanöver auf feindlichem Terrain mit einem Kranzabwurf aufs offene Grab die letzte Ehre erwiesen.

Mit dieser verwegenen Szene jedenfalls beginnt "Der rote Baron", eine 18 Millionen Euro teure Mixtur aus poppiger Fliegerparade und pazifistischem Schmierentheater, in dem ein äußerst legerer Umgang mit den Fakten gepflegt wird: Der Titelheld Manfred von Richthofen, der sich mit 80 Feindabschüssen doch auf recht blutige Weise in die Geschichtsbücher brachte, wird hier zum friedliebenden Freigeist.

Wahr ist, dass der fesch ausstaffierte Jagdflieger zu Lebzeiten wie ein Popstar gefeiert wurde, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. Im Film sieht man einmal, wie von Richthofen Kriegsgefangenen Zettel signiert. Ein Deutscher, der Franzosen Autogramme geben muss – das hat erst 90 Jahre später wieder Bill Kaulitz von Tokio Hotel geschafft.

Wahr ist auch, dass die Generalität des Deutschen Reiches den Popstar-Status seiner "Flieger-Asse" durchaus pflegte und förderte. Schließlich brauchte man im verlustreichen Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs ein paar Helden, zu denen das Fußvolk aufschauen konnte. Unverwundbare Götter mussten das sein – und um diese bei Laune und am Leben zu halten, ließ man sie ein gewisses Dandy-Dasein führen, Austernfrühstück inklusive.

Wahr ist auch, dass die deutschen Kampfflieger zum Feind ein sonderbar aufgeschlossenes Verhältnis pflegten – stammten die meisten von ihnen doch aus Adelsfamilien und verfügten über verwandtschaftliche Verbindungen ins europäische Ausland. Es war also denkbar, dass man mal einen englischen Cousin vom Himmel schoss.

Vernichtungsfreudiger Freiherr

Ganz und gar unwahr aber ist, dass man quasi autonom jenseits der Weltkriegs-Tötungsautomatik am Himmel über Frankreich einen sportlichen Wettstreit pflegte. Dies aber wird über weite Strecken von "Der rote Baron" suggeriert. Laut historischen Forschungen ging es Manfred von Richthofen sehr wohl um die unbedingte Ausschaltung des Feindes, geradezu manisch hat er die französischen und englischen Maschinen in Brand geschossen, so dass das Überleben der gegnerischen Piloten ausgeschlossen werden konnte. Im Film aber wird der vernichtungsfreudige Freiherr zum Ehrenmann, der den Männern seiner Staffel Noblesse einbläut: Sie seien Sportler, keine Mörder.

Wie gut das klingt! Zumal aus dem Munde von Matthias Schweighöfer, der mit wehendem weißen Schal und zurückgeworfenen Goldlöckchen Dante und Oscar Wilde zitiert. Um sich herum hat dieser obrigkeitsverachtende Freiherr einen Haufen Paradiesvögel gescharrt, mit denen er immer wieder frohgemut und in tiefer Verbundenheit aufsteigt. Während der Luftschlachten bleibt diesen tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten immer noch vor ihrer Arbeit mit dem Bord-MG reichlich Zeit, sich bedeutungsschwere Blicke zuzuwerfen.

Es gibt also ein paar gute Gründe dafür, weshalb "Der Rote Baron" von den Cinemaxx-Kinos in speziellen "Lady-Nights" vorgeführt wird: Schweighöfer und auch Co-Star Til Schweiger als Pilot Voss, der zu seiner Fokker ein gerade zu libidinöses Verhältnis pflegt, sind echte Posterboys.

Die Verwüstungen des Krieges graben sich im Verlauf des Filmes kaum in ihre Gesichter ein; die vom Motorenausstoß rußschwarzen Visagen nehmen sich gar pittoresk aus. Auf diese Weise übernimmt Regisseur Nikolai Muellerschoen ("Orchideen des Wahnsinns") gleichsam die propagandistische Überhöhung aus den Tagen des Ersten Weltkriegs: Die wollen doch nur spielen!

Dass Krieg kein Spaß ist, weiß Muellerschoen natürlich schon. Deshalb lässt er immer wieder dramaturgisch unverbindlich eine unglaublich schöne französische Krankenschwester (Lena Headey) ins Bild treten und mit unglaublich schönen französischem Akzent Friedensansprachen halten vor dem uneinsichtigen Flieger. In einer gänzlich missratenen Szene führt sie von Richthofen des Nachts in ein überfülltes Feldlazarett und knipst mit großer Geste das Licht an, um den Blick freizugeben aufs verstümmelte Kanonfutter aus den Schützengräben. Da dämmert es auch "dem roten Baron", dass er Teil einer ungeheuerlichen Tötungsmaschinerie ist.

Diese dümmliche Didaktik ärgert umso mehr, wenn man bedenkt, dass schon vor 70 Jahren ein Film gedreht wurde, der die spätaristokratischen Wahrnehmungsstörungen bei den Fliegern des Ersten Weltkriegs ohne jedes Motorengebrumm auf den Punkt brachte: In Jean Renoirs "Die große Illusion" gab Erich von Stroheim den deutschen Flieger-Blaublüter, der nur noch von Ganzkörpergehhilfen aufrecht gehalten wird und als Ehrenmann alter Schule über dem Irrsinn des gemeinen Krieges zu stehen glaubt. Klug wird hier die Idee der Autonomie in Zeiten des Krieges als Selbstbetrug entlarvt.

"Der Rote Baron" aber reaktiviert gerade diese Illusion von ehedem – und mir ihr ein paar gefährliche Stereotype über die als Helden gefeierten "Flieger-Asse". Wohin also mit diesem reaktionären Abenteuerschmonzes? Am besten auf den Müll. Flieger, grüß mir die Tonne!

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"Der Rote Baron": Soldatensaga als Abenteuerschmonzette


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