"Fluch der Karibik 2" Fun über Bord

Die Filmkritiker sagten Igitt!, die Kinogeher Ahoi! "Fluch der Karibik 2" ist der Sensationserfolg am amerikanischen Box Office. Ob das deutsche Publikum ebenso gern auf Handlung und Spannung verzichtet?

Von Daniel Haas


"Das Filmbusiness ist zu einem riesigen Vergnügungspark geworden", klagte Robert Altman einmal. Nicht nur das Business, kann man jetzt anmerken, sondern auch die Filme selbst. "Fluch der Karibik" entstand anhand der Motive eines Walt-Disney-Freizeitareals; kein Roman, keine Erzählung, noch nicht einmal ein Videospiel stand Pate für den Blockbuster, der vor drei Jahren Kassenrekorde brach.

"Fluch der Karibik 2" ist der Aus- und Umbau dieses kinogewordenen Amüsierviertels für die ganze Familie. Wieder gibt es den kauzigen Freibeuter (Johnny Depp), den schönen Edelmann (Orlando Bloom) und seine Geliebte (Keira Knightley). Und auch die untoten Piraten tauchen wieder auf, in Gestalt von Stellan Skarsgård und Bill Nighy, die als Verfluchte über die Meere kreuzen. Es ist dieselbe Sause wie beim ersten Mal, die Produzent Jerry Bruckheimer und Regisseur Gore Verbinski ("The Ring") kreieren, nur lauter, bunter, schriller – und ziemlich langweilig. War der erste Teil noch überraschend schrill, ist der zweite auf schrille Weise öde. Fun über Bord.

Zu viele Orte, zu viele Figuren, ein schon zur Hälfte des Films nicht mehr nachvollziehbarer Plot: Dramaturgie scheut dieser Streifen wie der Seebär die Flaute. Aber dramaturgische Kriterien lässt diese Art von Kino einfach hinter sich; der Vorwurf der Langeweile trifft es nur, wenn man dort nach erzählerischen Strukturen sucht, wo sich längst alles in Spektakel verwandelt hat.

Als solches ist "Dead Man's Chest" immer noch zu lang - 150 Minuten Hin und Her zwischen Seeschlachten, Dschungeljagden und Kerkerkämpfen -, aber wohl genau die Art von Kino, die der postmoderne Bilderkonsument verdient hat.

Wir, die mit "Der weiße Hai" und "Star Wars" aufgewachsenen Kinogänger, sind die Schnellesser im großen Drive-in namens Blockbuster-Kino. Und wir wissen, dass die Geschmacksverstärker Action und Humor oft auf Kosten des ästhetischen Nährwerts gehen. Aber dafür haben wir uns jene gespaltene, an der Popkultur geschulte Haltung antrainiert, mit der man noch den größten Blödsinn einerseits genießen, andererseits belächeln kann.

Es gibt in "Fluch der Karibik 2" eine Figur, die genau diese Haltung repräsentiert: den Piratencaptain Jack Sparrow, der auch dieses Mal wieder als Kreuzung aus Drag Queen und Globetrotter daherkommt. Verwegen und gleichzeitig reflektiert, skurril und dabei melancholisch, verkörpert er das Verhältnis von Amüsement und Distanzierung, das der postmoderne Kinogeher seit Ende der siebziger Jahre perfektioniert.

Sparrow ist ein Clown, der den Action-Parcours mit Selbstironie und Fatalismus meistert. Er tritt gegen Kannibalen, Piraten und Soldaten an, aber seine Kämpfe sind grundsätzlich Spiegelfechtereien auf den Trümmern des Abenteuergenres. Es geht um nichts als um den verrückten Stunt, den flotten Spruch, die überraschende Volte, mit der er sich von einer Zwickmühle in die nächste dreht - ein über zwei Filmstunden ausgedehnter Mantel-und-Degen-Scherz mit einer Mischung aus Boy George und Clark Gable als Helden.

So wie Sparrow seltsam detachiert durch seine Abenteuer hastet, so betrachten wir, die Remake-gestählten Multiplex-Pilger, diesen Film. Alle Kritikerhäme konnte den Einspielergebnissen nichts anhaben; bereits am 17. Tag waren fast 321 Millionen Dollar in der Kasse. Der dritte Teil ist natürlich schon in der Mache, das Merchandising läuft auf Hochtouren.

"Fluch der Karibik 2" Mangel an dramaturgischer Konsistenz vorzuwerfen, wäre so, als beschwerte man sich über den Vitaminmangel in Popcorn. Man muss alle Hoffnung auf narrative oder sonst welche Zusammenhänge fahren lassen wie die Spelunkenbraut den Matrosen nach einem schnellen Tête-à-Tête, erst dann lässt sich dieser Film ertragen: als Kasperle-Theater des Genrekinos, wo alle kräftig Prügel beziehen und niemand wirklich Schaden nimmt.



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