"Fluch der Karibik 3" Randalieren statt globalisieren

Der Blockbuster entert die Kapitalismuskritik. Klingt verwegen? Ist es auch. Die neue Piratensause "Pirates of the Caribbean 3" hat sich ja auch Andy Warhol ausgedacht. Nicht wirklich - aber sein Geist weht über diesem Hollywood-Spektakel wie eine wohltuende Brise.

Von Daniel Haas


Andy Warhol hat dieses Kino ausgeheckt. Die aktuelle Blockbuster-Produktion ist seinem blonden Plastikschopf entsprungen, ein Traum des Seriellen, die ewige Wiederkehr des annähernd Gleichen. "Spiderman 3", "Shrek 3", "Die Hard 4", sie alle sind filmische Erben der Marylins und Elvis', die sich in endlosen Reihen durch unser popkulturelles Gedächtnis winden.



Und jetzt der dritte Teil der karibischen Piraten. Ein Meisterwerk der Postmoderne. Also letztlich ein antiquierter Film. Denn die Postmoderne, mit ihrer Vernarrtheit ins Zitat, ins Collagieren, in die Ironie, in die Uneigentlichkeit ist out. Man hat wieder eine Agenda, eine Mission, in Cannes lässt sich das zurzeit besichtigen. Tarantinos auf Filmverweisen aufgebautes Pulp-Spektakel "Death Proof" wirkt schon fast historisch; in Amerika ist der Film durchgefallen, weil die jungen Zuschauer seine intertextuellen Spielchen schon aus Altersgründen nicht verstanden.

"Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt" wird dennoch ein Millionenpublikum begeistern, ganz einfach, weil genügend Schiffe, Festungen und Statisten in die Luft fliegen. Die Explosion ist immer zeitgemäß, ihr Erregungspotential kommt nicht aus der Mode. Ansonsten aber ist dieser Blockbuster ein melancholischer Film, der sein ideologiekritisches Programm von Szene zu Szene konterkariert, persifliert, zerspielt. Ein Millionen Dollar teurer Schwanengesang über den Preis der Globalisierung und den Siegeszug des Tauschwerts.

Denn was sind die neun Piratenfürsten (unter ihnen auch Chinas Superstar Chow Yun-Fat), die sich gegen die Handels- und Kolonialmacht England verschwören, anderes als prämoderne Globalisierungsgegner? Sie wollen sich vom multinationalen Superentrepreneur nicht die regionalen Märkte, also Gewässer, streitig machen lassen. Hier träumt der Film von anarchischer Freiheit im Angesicht des Merkantilismus. Wie sagt Captain Becker (Tom Hollander), Chef der englischen Schiffe, immer so schön blasiert: "Es ist rein geschäftlich."

Und wofür steht der Piratenschurke Davy Jones (Bill Nighy), wenn nicht für die Maßlosigkeit der Liebe? Mit dem legendären Fliegenden Holländer muss Jones durchs Diesseits und Jenseits kreuzen, weil er die Meergöttin Calypso (Tia Dalma) betrog. Zu ihr will er zurück, im furiosen Finale reißt sie ihn in Form eines ozeanischen Strudels an sich.

Diese Leidenschaft ist unersetzbar, ihr Wert kennt keine Währung, kein Deal hält sie im Zaum. Auch wenn die Krämerseele Becker Jones' Herz in einer Schatulle hütet und damit sein Leben kontrolliert: Mythisches Begehren lässt sich nicht mit irdischer, und das heißt immer auch ökonomischer Macht verrechnen.

Auch Captain Jack Sparrow, der offizielle Held des Films, ist ein Widergänger. Seine Kumpane (dargestellt von Orlando Bloom, Keira Knightley, Geoffrey Rush) müssen ihn aus einem obskuren Zwischenreich befreien, in das er aufgrund diverser Intrigen hineingeraten ist (die zahlreichen Plotlinien reichen bis zurück in den ersten Teil; nur wer die in Großstädten anberaumten Triple-Features durchsteht, wird die Zusammenhänge jemals begreifen).

Johnny Depp spielt ihn wieder als Mischung aus Drag King und Captain Hook, eine Dekonstruktion der Freibeuterfigur, die sich auf Stevensons Schatzinsel ebenso zu Hause fühlen würde wie beim Christopher Street Day. Ist Jones der Metaphysiker der Liebe, so ist Sparrow ein Hofnarr der Macht. Unberechenbar, flatterhaft, die Seiten und Interessen schneller wechselnd als ein Matrose die Geliebte, demontiert er die Idee eines auf Konstanz beruhenden Subjekts.

Identität hat so einer nicht, dafür aber ein Image. Es setzt sich aus Rock'n'Roll-Attitüden und Karnevals-Posen zusammen, ist rhetorisch (Sparrow liebt Wortspiele), nicht semantisch (sie ergeben oft keinen Sinn). Stimmig, dass Keith Richards, dieser große Untote der Rockgeschichte, kurz als sein Vater auftritt.

Überhaupt taugt Pop hier noch einmal zur kritischen Haltung. Den Zynikern der Macht begegnet man mit einem coolen Spruch, oder wie in der Anfangsszene, mit einem Lied. Da lassen die Engländer reihenweise Piraten hinrichten, die Delinquenten fangen an zu singen, die Henker sind aufgebracht. Dass man mit Songs die Revolte vorbereitet, davon träumen die Hipster seit den Anfängen von Jazz, Soul und Rock'n'Roll.

Letzterer wabert später psychedelisch durch die Kulisse, wenn Sparrow in einer Traumwelt umherirrt, die Dalí und Max Ernst nicht schöner hätten gestalten können. Alternative Welten haben immer auch eine ästhetische Signatur, sagen diese Szenen, auch hier zeigt sich noch einmal das Romantische am postmodernen Verfahren. Schließlich sind solche Existenzen wie Sparrow nur als ästhetische Phänomene gerechtfertigt. Ihr Stil, um ein bekanntes Wort abzuwandeln, ist der Wahrheit überlegen.

Rebellion als Clownerie und pathetischer Zirkus: nicht das schlechteste Motiv, was sich einem Film unterstellen lässt. So kann Kapitalismuskritik in Serie gehen - ohne aus der Reihe zu tanzen.



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