Oscar-Kandidat "Foxcatcher" Von Männern und Mördern

Die wahre Geschichte eines Millionärs, der sich zum Mäzen des US-Ringer-Teams aufschwingt und dann einen Schützling tötet: "Foxcatcher" ist eine Mischung aus Sportlerdrama, Psychogramm und Satire - mit drei herausragenden Darstellern.

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Mark Schultz (Channing Tatum) hat schon einige Zeit auf dem Anwesen Foxcatcher gelebt, als ihn sein Gönner John du Pont (Steve Carell) zu sich ruft. Der Profi-Ringer Schultz, der 1984 in Los Angeles Olympisches Gold gewonnen hat, ist das Aushängeschild für die Trainingsanlage, die du Pont zur landesweit besten aufbauen will. Schultz wiederum ist dem Erben der du-Pont-Dynastie dankbar, weil der ihm aus der Klemme half, als nach dem Olympia-Triumph das Geld knapp wurde. Nun scheinen beide bereit zu sein, ihre Beziehung vom rein Geschäftlichen zum Freundschaftlichen auszuweiten. Und tatsächlich bittet du Pont Schultz eindringlich, ihn nicht länger mit "Mister" anzureden. "Die meisten meiner Freunde nennen mich Adler. Oder Goldener Adler."

Lachen, weil die Szene so grotesk ist. Erschrecken, weil die Szene so grotesk ist. "Foxcatcher" löst widersprüchliche Gefühle aus. Der Film ist ein Sportlerdrama, aber auch eine Satire auf das US-Klassensystem und ein Psychogramm männlicher Minderwertigkeitskomplexe und entwickelt dabei eine Spannung, wie man sie selten erlebt.

Dabei beruht der Film auf einer wahren Geschichte: Du Pont holte nach Mark auch dessen Bruder Dave Schultz, der ebenfalls Olympia-Sieger im Ringen war, nach Foxcatcher. Bis 1996 arbeitete Dave erfolgreich als Trainer auf dem Anwesen, dann erschoss ihn du Pont überraschend. Du Pont wurde als Mörder verurteilt und starb 2010 während seiner Haftstrafe.

Die sensationellsten Aspekte der Geschichte, die zweitägige Belagerung von Foxcatcher durch die Polizei, den Prozess gegen du Pont, seine Beerdigung im Ringer-Kostüm, lässt Regisseur Bennett Miller ("Capote", "Moneyball") weg. Er greift sich heraus, was ihn am meisten interessiert.

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"Foxcatcher": Im tödlichen Clinch

Das ist zunächst die Beziehung von Mark Schultz und John du Pont. Mark kann nichts außer Ringen, weshalb er sich von der Selbstverständlichkeit, mit der du Pont über Menschen und Dinge verfügt, so leicht beeindrucken lässt. Du Pont wiederum plagen die stillen Selbstzweifel von old money, nichts von seinem Wohlstand eigenständig verdient zu haben. Wenn in einem grausamen Moment seine greise Mutter (Vanessa Redgrave) im Rollstuhl in die Sporthalle fährt, kurz ihren Blick über die Ringer in ihren knappen Leibchen streifen lässt und ihren Sohn dann voller Verachtung ansieht, werden die Zweifel zu Gewissheit.

Ehrgeiz, Konkurrenz, Nähe, Aggression

Zwei in ihrem Selbstbewusstsein erschütterte Männer: Von Channing Tatum und Steve Carell werden sie kongenial gespielt. Wie schon in "Magic Mike" gelingt es Tatum, die schmerzhafte Zerrissenheit eines Mannes darzustellen, der zu körperlichen Höchstleistungen fähig ist, aber mental zunehmend abdriftet. Im US-Kino gibt es zurzeit keinen Mann, der das besser spielen könnte. Trotzdem wurde Tatum bei den Oscar-Nominierungen zu Gunsten seines Co-Stars Steve Carell als bester Hauptdarsteller übergangen.

Carell, der in den USA ein Comedy-Star ist ("The Office", "Crazy Stupid Love"), trägt in dem Film eine markante Nasenprothese, die das Raubvogelhafte des echten John du Pont unterstreicht. Man könnte das als billige Staffage abtun, mit der einem Komödianten der Wechsel ins ernsthafte Fach erleichtert werden soll. Doch Carell eignet sich die Rolle auf bezwingende Weise an. Nicht nur die Nase ist ihm ein Fremdkörper, ständig zuckt es in seinem Gesicht, blinzelt ein Auge, verzieht sich ein Mundwinkel, verzögert sich ein Wort. John du Pont ist offensichtlich gestört. Worin aber diese Störung liegt, lässt sich nicht fassen, und genau das macht ihn zu einer der beängstigendsten Kinofiguren der jüngeren Zeit.

Die Beziehung zwischen du Pont und Mark Schultz ist schon angespannt genug. Als Marks Bruder Dave (Mark Ruffalo, als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert) dazu kommt, kippt sie jedoch ins Toxische. Ruffalo ist ein natürlicher Sympathieträger - eine Qualität, derer sich Filmemacher wie Joss Whedon ("The Avengers") oder Ryan Murphy ("The Normal Heart") gern bedienen, um eine einfache Identifikationsfigur im Ensemble zu haben.

In der Rolle des Dave Schultz verbindet sich Ruffalos einnehmende Art nun mit Alpha-Männchen-Charakterzügen. Dave hat Frau, Kind, körperliche Kraft, technischen Verstand, Autorität und Einfühlungsvermögen. Was das in Mark und du Pont auslöst, ist auch die Dynamik, die die schreckliche Geschichte von "Foxcatcher" vorantreibt und die Bennett Miller grandios einfängt. Wenn Mark mit Dave trainiert oder du Pont plötzlich selbst einen Griff vorführen will, prallen nicht nur massige Leiber aufeinander, dann trifft alles zusammen: sportlicher Ehrgeiz, brüderliche Konkurrenz, Sehnsucht nach körperlicher Nähe, ungefilterte Aggression.

Allein in den Ringszenen zeigt Miller mehr Können als andere in kompletten Filmen. In Cannes wurde er 2014 als bester Regisseur ausgezeichnet. Dass er jetzt nach "Capote" zum zweiten Mal für den Oscar nominiert ist, war eine der schönsten Überraschungen der diesjährigen Nominierungen. Am Ende wird es wohl für keinen der Beteiligten reichen.

Aber in goldenen Statuen lässt sich der künstlerische Triumph, der "Foxcatcher" ist, ohnehin nicht beschreiben. Den muss man einfach im Kino erleben.

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"Foxcatcher"

USA 2014

Regie: Bennett Miller

Buch: E. Max Frye, Dan Futterman

Darsteller: Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave, Sienna Miller

Produktion: Annapurna Pictures, Likely Story, Media Rights Capital

Verleih: Studio Canal

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 5. Februar 2015

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insgesamt 3 Beiträge
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Jens.Daniel 02.02.2015
1. Stimmt..
Tatum und Carell liefern klasse Figuren ab (Rufallo macht eigentlich nicht viel außer gesetzt auszusehen), die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren sind toll herausgearbeitet und auch die ganze Bildführung ist sehr stimmungsvoll, aber als Gesamterzählung versagt der Film meiner Meinung nach. Da werden Spannungsbögen aufgebaut und Fährten gelegt, die ins Nichts führen, das Ende ist zu abrupt und wirkt beinahe wie eine Verlegenheitslösung (egal, ob die Hintergrundgeschichte real ist oder nicht). Wenn man die echte Du Pont / Schultz-Geschichte nicht kennt, weiß man nie so recht, worauf der Film eigentlich hinaus will. Erwartungen des Zuschauers bleiben unerfüllt. Fazit: Anstelle eines Spielfilms wäre eine Dokumentation der Story vielleicht gerechter geworden.
kalma 02.02.2015
2. langweilig
Ich habe diesen Film vor 2 Wochen als Sneak Preview gesehen. In meinen Augen als gelegenheits Kinogänger ist dieser Film vor allem eines: und zwar unfassbar langweilig weil absolut nichts passiert. Als zu einem Zeitpunkt, zu dem man als Zuschauer das Ende des Films erwartet, die Leinwand für einige Sekunden dunkel wurde klatschte das Publikum in Erwartung der Film wäre zu Ende. Als jedoch die nächte Scene kam, stöhnte das Kino kollektiv auf, da man es immer noch nicht geschafft hatte. Wenn man die Hintergrundgeschichte der Protagonisten nicht kennt weiß man bis zum Abspann nicht, was der Film denn erzählen soll. ich stimme Jens.Daniel in seinem Fazit daher voll zu.
lasse.wissmann 03.02.2015
3. @kalma
zufällig in kiel? die beschriebene Stimmung passt fast exakt zu meinem sneak Erlebnis hier - schade, dass menschen, die einen Film nicht sehen wollen, nicht einfach das Kino verlassen statt laut ihren Unmut äußernd anderen den (großartigen) Film zu vermieden. tatums schauspielerische grenzen wurden allerdings leider auch bei diesem Film wieder sichtbar.wofür ruffallo nominiert ist, verstehe ich auch nicht ganz. aber erzählweise und v.a. Carrell machen den Film zu einem must-see!
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