François Ozon über "Der andere Liebhaber" "Mich interessiert nur das Begehren"

Mit dem Erotikthriller "Der andere Liebhaber" will sich François Ozon den Ruf des Enfant terrible zurückerobern. Im Interview spricht er über Tücken der Sexualität und Dildo-Szenen.

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  • AFP
    François Ozon, 50, ist einer der bekanntesten Filmregisseure Frankreichs. In Deutschland wurde er mit seinem Drama "Unter dem Sand" und der schrillen Krimi-Farce "8 Frauen" berühmt. Ozon verehrt das Werk von Rainer Werner Fassbinder. Auch in seinen eigenen Filmen spielen Sexualität und Liebesbeziehungen eine wichtige Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ozon, Ihr neuer Film "Der andere Liebhaber" ist eine verstörende Paar- und Zwillingsgeschichte. Viel Sex, viele Therapiesitzungen. Jedes Bild ist vollgepackt mit Zeichen und Verweisen. Was wollen Sie uns damit bloß sagen?

Ozon: Das weiß ich auch nicht. Vielleicht etwas über mich.

SPIEGEL ONLINE: Über Sie?

Ozon: Mein vorheriger Film "Frantz" ist ja ganz klassisch, eher vordergründig als in die Tiefe erzählt. Er war weltweit sehr erfolgreich und überall hieß es, wunderbar, so eine schöne Liebesgeschichte. François Ozon ist endlich erwachsen geworden! Er ist nicht mehr der Rebell, der provoziert.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Sie geärgert?

Ozon: Ja, denn das stimmt nicht, ich bin nicht brav geworden! Mein neuer Film ist deshalb ein Film gegen den vorherigen. Der Versuch, wieder zum Enfant terrible, dem Bürgerschreck zurückzukehren. Etwas härter zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Daher also die Sexszenen?

Ozon: Die sind eher psychologisch interessant. Die Sexualität ist ja untrennbar mit der Mentalität einer Person verbunden. Ein Mensch offenbart sich darüber, wie er seine Sexualität lebt.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen das Verlangen ihrer Hauptfigur Chloé?

Ozon: Diese junge Frau braucht offensichtlich einen Raum für sich. Einen Raum, in dem sie die Fantasien ausleben kann, die in der Liebesbeziehung mit ihrem Freund Paul keinen Platz haben. Jeder von uns braucht so einen Raum.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen diese Sehnsucht?

Ozon: Jeder Mensch hat in einer Beziehung schon mal eine Form von Frustration erlebt. Das bedeutet aber nicht, dass einen das zur Tat treiben muss. Fantasien sind nicht mehr als Fantasien.

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Ozon-Film: Liebe, Sex, Analyse

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film behandelt sehr ausführlich das Thema Zwillinge - vor allem das des abwesenden Zwillings. Ist man als Paar eher allein?

Ozon: Die Neurose von Chloé ist auf jeden Fall um eine Leerstelle kreiert, um einen Mangel. Sie weiß unbewusst, dass sie nicht vollständig ist. Ich habe viel zum Thema gelesen und mochte einen Ansatz sehr, der davon ausgeht, dass - unabhängig, ob wir hetero- oder homosexuelle Paare betrachten - das einzig wahre Paar das Zwillingspaar ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind homosexuell. Warum setzen Sie sich in Ihren Filmen vor allem mit der heterosexuellen Paarbeziehung auseinander?

Ozon: Ich mache für mich keinen Unterschied zwischen Hetero- und Homosexualität. Jeanne Moreau hat einmal gesagt, es gibt Menschen, die sind sexuell und andere, die sind es nicht. Das ist der einzige Unterschied. Ich mache auch keinen zwischen weiblicher und männlicher Sexualität. Mich interessiert nur das Begehren.

SPIEGEL ONLINE: Der französischen Presse haben Sie gesagt, Sie möchten mit Ihrem neuen Film die Klischees der weiblichen Sexualität aufheben. Welche sind das für Sie?

Ozon: Es geht doch immer um Dominanz und Unterwerfung. Dominanz wird der männlichen und Unterwerfung der weiblichen Sexualität zugeschrieben. Ich will zeigen, dass eine Frau sehr wohl Fantasien haben kann, die mit denen von Männern übereinstimmen. Ich spiele mit den Klischees der Sexualität, wie in der Szene mit dem Dildo.

SPIEGEL ONLINE: Chloé benutzt einen Strap-on-Dildo, um ihren Freund Paul zu penetrieren. Wie schwer war es, Ihren Schauspieler Jérémie Renier von der Szene zu überzeugen?

Ozon: Mit Jérémie gab es kein Problem. Anfangs wollte ich allerdings einen anderen Hauptdarsteller, einen sehr bekannten Schauspieler. Er war gegen die Szene und sagte, die Öffentlichkeit dürfe ihn so nicht zu sehen bekommen. Ich habe mich dann gegen ihn entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Für mich ist es eine der schönsten Szenen, unerwartet und auf sehr zugeneigte Art intim.

Ozon: Ich wollte damit auch nicht schockieren, es sollte sanft sein. Ein Akt der Liebe. Paul macht das mit, weil es die Fantasie seiner Freundin ist. Wer eine Paarbeziehung lebt, der muss auf die Sehnsüchte und das Verlangen des Partners eingehen.

SPIEGEL ONLINE: Schade ist allerdings, dass es nach dem Akt so wirkt, als hätte Paul sich geopfert. Haben Sie das bewusst so inszeniert?

Ozon: Er sagt nicht, dass er es nicht mag. Er sagt, ich habe es für dich getan.

SPIEGEL ONLINE: Eben. Das heißt ja nicht, er mochte es.

Ozon: Das ist nur die männliche Schüchternheit. Und das Machogebaren. Klar hat es ihm gefallen, er ist ja kein Masochist.

SPIEGEL ONLINE: Trotz derart moderner Szenen greifen Sie aber doch auf erschreckend viele Klischees zurück. Haben Sie sich nur halb getraut?

Ozon: Ach ja, welche denn?

SPIEGEL ONLINE: Der Film beginnt schon damit, wie der psychisch angeschlagenen Chloé die Haare abgeschnitten werden, und als Nächstes befinden wir uns in ihrer Vagina. Das ist ein sehr altes Bild: Frauen mit Problemen haben kurze Haare und ein Problem in ihrem Geschlecht.

Ozon: Haben Sie das schon mal in einem anderen Film gesehen?

SPIEGEL ONLINE: Das Innere einer Vagina?

Ozon: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Nein. Darum geht es aber nicht. Über den gesamten Film reiht sich ein Klischee der verrückten Frau mit sexuellen Problemen an das nächste.

Ozon: Das ist lustig. Die Szene mit den Haaren stand gar nicht im Drehbuch, die hatte ich nur für das Bonusmaterial der DVD aufgenommen. Die Schauspielerin Marine Vacth sollte anders aussehen als in unserem ersten Film "Jung und Schön". Etwas härter und androgyner. Zwei Wochen vor Beginn der Dreharbeiten habe ich ihre Verwandlung gefilmt. Ihr Blick war dann so stark und intensiv, dass wir diesen Moment im Schnitt ganz an den Anfang gestellt haben. Generell habe ich aber auch keine Probleme, mit Klischees zu arbeiten, um den Zuschauer mitzunehmen und woanders hinzubringen. Das ist eine gute Methode.

SPIEGEL ONLINE: Chloé wird immer wieder als hysterisch bezeichnet. Sie macht einige Therapiesitzungen bei Pauls Zwillingsbruder, der davon überzeugt ist, sie sei frigide und müsse für ihre Heilung nur ordentlich genommen werden. Einmal vergewaltigt er sie nahezu. An welchen neuen Ort bringen Sie einen damit?

Ozon: Sie haben recht, so ist die Ausgangslage des Films. Wir sollten nicht zu viel vom Ende verraten, aber die Geschichte ist ja, dass eine junge Frau auf der Suche ist. Sie spürt, mit ihr stimmt etwas nicht und vermutet, es ist ihre Sexualität. Deshalb fantasiert sie von einem Mann, der Dinge mit ihr macht, die ihr Freund eben nicht mit ihr macht. Sie denkt in diesen Klischees. Ihr Irrtum ist spannend.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauenfiguren in Ihren anderen Filmen holen sich meist selbst, was ihnen fehlt.

Ozon: Diese Frau leidet allerdings. Sie ist angeschlagen und verletzt. Krank. An der Grenze zum Wahnsinn. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie am Ende geheilt ist. Der Film ist weniger positiv im Vergleich zu meinen anderen. Für mich ist er aber nicht weniger feministisch. Er zeigt die Komplexität der weiblichen Seele, nur eben einer verletzten.

SPIEGEL ONLINE: Warum konzentrieren Sie sich dann visuell so sehr auf ihren Körper?

Ozon: Es ist der Körper, der für uns spricht, uns ausdrückt. Daher auch die Innenaufnahmen dieser Frau.

SPIEGEL ONLINE: Sie dringen auf vielen Ebenen in sie ein, wie Sie auch auf vielen Ebenen das Zwillingsthema behandeln. Es gibt zwei Männer, zwei Katzen, immer wieder Spiegelbilder, zwei Mütter, sogar zwei identische Blumentöpfe. Hatten Sie Angst, es könnte dem Zuschauer sonst entgehen?

Ozon: Es hat mich ehrlich gesagt amüsiert. Ich bin da sehr spielerisch rangegangen. Und ich wollte den Film wie einen Albtraum aufbauen. Der Zuschauer soll in der Rolle eines Psychoanalytikers sein, der auf Symbole achten muss, um zu deuten, was ihm da präsentiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie verraten ja auch sehr früh, wie der Film ausgehen könnte. Ein interessanter Ansatz.

Ozon: Die ersten Minuten des Films basieren komplett auf Worten, und alles ist schon da. Die Zuschauer hören zu, aber sie verstehen es nicht unbedingt. Erst wenn man den Film ein zweites Mal sieht, fällt es einem auf. Das ist wie in einer Therapie. Da werden einem ja auch Dinge klar, die man eigentlich schon immer gewusst hat. Eine weitere Analogie.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Therapie gemacht?

Ozon: Ich interessiere mich auf jeden Fall dafür. Ich mag es, psychoanalytische Fälle und auch Freud zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Film vielleicht auch ein ironischer Kommentar dazu, wie der moderne Mensch um sich selbst kreist?

Ozon: Oh, das gefällt mir! Ich bin ja kein Intellektueller. Ich bin mehr ein Handwerker. Es ist spannend, solche Interpretationen zu hören. Vielleicht fällt mir in 20 bis 30 Jahren, wenn ich alt und grau bin, auch etwas Schlaues zu meinem Werk ein. Das kann ich aber nicht versprechen.

Im Video: Der Trailer zu "Der andere Liebhaber"

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Seite 1
dietrichknoll 24.01.2018
1. Vielleicht doch
So wünscht man sich ein Interview, mehr Gespräch als Fragestunde und beide sind offen für die Gedanken des anderen und gehen darauf auch ein. Vielen Dank, vielleicht schaue ich den Film nun doch an.
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