Großstadtkomödie "Frances Ha": Die Frau der Stunde

Von David Kleingers

Die schönste Komödie des Sommers ist da: In "Frances Ha" schlägt sich eine Endzwanzigerin durch das Dickicht von New York. Frei von biederem Hipster-Chic begeistert Hauptdarstellerin Greta Gerwig als junge Frau, die im Leben anzukommen versucht. Irgendwo, irgendwie.

Frances rennt. Durch New York und sehr schnell. Sie sucht einen Geldautomaten, denn Frances will unbedingt die Rechnung im Restaurant übernehmen, wo ihre männliche Begleitung wartet. Das Lokal hat ihre Kreditkarte nicht akzeptiert, sie braucht Bares. So läuft die 27-Jährige, beseelt vom Glauben, dank Steuerrückzahlung ausnahmsweise genug auf dem Konto zu haben. Dann überholt ihr Oberkörper die Beine, und sie stürzt. Was gar nicht mal so ungelenk aussieht, Frances ist ausgebildete Tänzerin. Sogleich wieder auf den Füßen, rennt sie weiter. Dass sie sich verletzt hat, merkt sie erst später. Auch dass es weder mit dem Geld noch mit dem Mann für Frances so richtig funktioniert, registriert sie mit Verzögerung. Aber das ist in diesem Moment egal. Vielleicht, weil die pure Freude über das Vorankommen genügt, um den Schmerz zu vergessen.

Regisseur Noah Baumbach und seine Co-Autorin, Hauptdarstellerin sowie Lebensgefährtin Greta Gerwig, haben ebenfalls Spaß daran, die Dinge in "Frances Ha" einfach laufen zu lassen. In schimmernden Schwarzweißbildern passiert ihr Film dabei diverse Inspirationsquellen: die spielerische Phase der französischen Nouvelle Vague, Woody Allens bittersüße Großstadtoden "Annie Hall" und "Manhattan", Baumbachs situationskomische Dramen und Gerwigs Anfänge im Mumblecore-Genre, bei dem die Grenzen zwischen Inszenierung und Alltag, zwischen Darsteller und Rolle fließend sind. Das alles geschieht mit einer kunstvoll inszenierten Beiläufigkeit, die nur auf den ersten Blick ziellos wirkt. Beim zweiten offenbart sich einer der schönsten Filme dieses Jahres.

Durch eine lose Szenenfolge folgen wir Gerwig als Frances bei ihren Versuchen anzukommen: in der prekären Grauzone zwischen Universitätszeit und Berufsleben, in einer bezahlbaren Wohnung, in der man vielleicht nicht nur auf der Feuertreppe rauchen darf, und in einem flüchtigen sozialen Umfeld, das Frances immer einen Schritt voraus scheint.

Zuneigung: ja, Mitleid: nein

Halt verspricht sie sich eigentlich von ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Sophie (Mickey Sumner). Doch die entscheidet sich für die Beziehung zu Patch (Patrick Heusinger), ein Loft in Tribeca, und damit für den Abschied aus der Zweier-WG. De facto obdachlos, kommt Frances bei Lev (Adam Driver, "Girls") und Benji (Michael Zegen) unter. Oberflächlich betrachtet sind die jungen Männer zwei Bohemiens, machen in Kunst oder verfolgen ironisch-illusorische Drehbuchprojekte wie "Gremlins III". Doch die Hängermentalität verschleiert den Umstand, dass sie schlicht genug Geld für ein Dreizimmerapartment in Chinatown haben, das - wie trocken und hinreißend kommentiert wird - "very aware of itself" ist. Sich an 4000 Dollar Monatsmiete für ein Hipster-Heim zu beteiligen, ist für Frances mit ihrem wackeligen Engagement als Balletthinterbänklerin unmöglich.

Also zieht sie weiter, tänzelnd, strauchelnd oder forsch voranschreitend. Nun ist Frances mitnichten unschuldiges Opfer durchkapitalisierter Verhältnisse. Keinesfalls frei von Fehlern, kann sie ungerecht und ignorant gegenüber Realitäten sein. Und niemand zwingt sie zu diesem Leben, außer vielleicht sie selbst. So viel Zuneigung Frances auch verdient, Mitleid braucht sie auf keinen Fall. Das macht auch den großen Unterschied zu Lena Dunhams Erfolgsserie "Girls" aus, in der die mittelprächtigen Lebensumstände ihrer Hauptfiguren oftmals wie schwerste Schicksalschläge ausagiert werden.

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"Frances Ha": Planlos in Chinatown
Im Gegensatz zu Dunhams Hannah braucht Frances ebenso wenig einen romantischen Retter, der ihr sanft auf den Pfad zu Glück und Zufriedenheit hilft. Dabei geht es hier durchaus um Liebe, nur eben nicht im Sinn konventioneller Paarbildung. Leidenschaft gilt vielmehr den Freundschaften, die an unterschiedlichen Lebensplänen zu zerbrechen drohen.

Das macht Frances um ein Vielfaches interessanter als jene weiblichen Figuren, die in den letzten Jahren in Kino und TV für Indie-Chic standen: Schrammelpop-hörende, Retro-Kleid-tragende, Pony-frisierte und gefällig angeschrägte Kindfrau-Klischees mit Kassengestell auf der Stupsnase, die der Filmkritiker Nathan Rabin so treffend als "Manic Pixie Dream Girls" beschrieb.

Ein kleines bisschen Autobiografie

"Manic Pixie Dream Girls" (hier auch als Video erklärt) fungieren als Projektionsfläche von Männern, deren Traummädchen zwar independent aussehen, aber unselbständig bleiben und stattdessen den Mann mit Inspiration und Selbstbewusstsein versorgen. Von diesem Stereotyp ist Frances so weit entfernt wie von der Kür in Schwanensee. Darum ist Greta Gerwig auch nicht das nächste It-Girl. Eher schon die erste It-Woman.

In "Frances Ha" geht die Frau der Stunde auch auf Reisen, etwa zurück an ihr College. Doch der Besuch in der Vergangenheit gestaltet sich ähnlich frustrierend wie eine kurze Flucht nach Paris. Mit Frances' verunfalltem Aufenthalt in der vermeintlichen Stadt der Liebe gelingt Baumbach nebenbei ein tragikomisches Kabinettstück, das die amerikanische Postkartenansicht von Old Europe unterläuft. Als Frances die Weihnachtsfeiertage bei ihrer Familie in Kalifornien verbringt, verdeutlichen die Schnappschüsse im Kreis der Verwandten dagegen, dass sich Frances allen Ungewissheiten zum Trotz aufgehoben fühlen kann.

Dass in dieser Szene Greta Gerwigs leibliche Eltern als Vater und Mutter von Frances auftreten macht aus "Frances Ha" ebenso wenig eine eitle Selbstbespiegelung wie die Paarbeziehung zwischen Gerwig und Baumbach. Ungeachtet autobiografischer Fährten gewähren Baumbach und Gerwig ihrer Figur die nötige Eigenständigkeit. Obschon wir Frances stetig begleiten, bleibt ihr Porträt daher bewusst unfertig - so wie ihr Name im Titel.

Sie darf bis zuletzt ihr Geheimnis behalten, eine herausragende Qualität des Films. Und der Grund, warum sich das Publikum hoffnungslos in Frances Ha verlieben wird.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. optional
LH526 31.07.2013
Endzwanziger-Frau, New York, Greta Gerwig ... wo ist die Abgrenzung zu "Lola vs."? ;)
2. Wunderbar ....
juergw. 31.07.2013
Zitat von sysopMFADie schönste Komödie des Sommers ist da: In "Frances Ha" schlägt sich eine Endzwanzigern durch das Dickicht von New York. Frei von biederem Hipster-Chic begeistert Hauptdarstellerin Greta Gerwig als junge Frau, die im Leben anzukommen versucht. Irgendwo, irgendwie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/frances-ha-von-noah-baumbach-und-greta-gerwig-a-912932.html
ein Film für ARTE !In einem halben Jahr ab 21:45....!Versuchen wir denn nicht alle, irgendwann im Leben anzukommen.
3. Was soll der Link?
Mclmeo 31.07.2013
"'Manic Pixie Dream Girls' (hier auch als Video erklärt)"... Nein, eben nicht "erklärt". Vielleicht hätte sich der Autor mal die verlinkte Seite anschauen sollen. Die Videos, welche von deren Kommentatorin gemacht werden, sind umstritten. Sie zeigen eine stark sexistische (bzw feministische) Färbung und ziehen in dieser Form über die bösen Mechanismen der männergemachten Medienwelt her, und das unter der Fahne der Aufklärung. Wäre das Ganze wenigstens witzig... Aber diese humorlose Art erinnert schon stark an die bibeltreuen Christen... Fast schon Propaganda. Bitte solches Material nicht verlinken, das ist dem Niveau des Films nicht angemessen.
4. Greta Gerwig gegen den Rest der Welt
kultur-manic 01.08.2013
Ein wundervoller Film. Grandios spielt die Muse des amerikanischen Arthaus-Kinos eine unbeholfene 27-jährige Tänzerin beim Kampf um Karriere und Überleben im mondänen New York. Greta Gerwig gegen den Rest der Welt.
5. Mann oh Mann
snowbow 01.08.2013
Zitat von sysopMFADie schönste Komödie des Sommers ist da: In "Frances Ha" schlägt sich eine Endzwanzigern durch das Dickicht von New York. Frei von biederem Hipster-Chic begeistert Hauptdarstellerin Greta Gerwig als junge Frau, die im Leben anzukommen versucht. Irgendwo, irgendwie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/frances-ha-von-noah-baumbach-und-greta-gerwig-a-912932.html
Ich hab selten so eine verkrampfte Filmkritik gelesen. Kommt mir so vor, als würde der Kritiker auf Teufel komm raus mit seinem holprigen Geschwurbel zeigen wollen, wie umfassend er sich auskennt. Unangenehm zu lesen.
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Frances Ha

USA 2012

Regie: Noah Baumbach

Buch: Noah Baumbach, Greta Gerwig

Darsteller: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driger, Michael Zegen, Grace Gummer

Produktion: Pine District Pictures, RT Features, Scott Rudin Productions

Verleih: MFA

Länge: 86 Minuten

Start: 1. August 2013