Regie-Legende Coppola: "Hollywood übernehmen? Totaler Alptraum!"

Er drehte "Der Pate". Und er ist selbst einer. Francis Ford Coppola war eine Macht in Hollywood, heute mischt seine Familie die Branche auf. Im Interview erzählt der 73-Jährige, warum sein früheres Leben "Bullshit" war, er jetzt kleine Horrorfilme dreht - und wer ihn nachts im Traum verfolgt.

Vom "Paten" zum Indie-Horror: Ein Pate in Altersteilzeit Fotos
REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Herr Coppola, in Ihrem neuen Film "Twixt" erzählen Sie von einem Bestsellerautor, der durch die kalifornische Provinz reist und Bücher signieren will. Nur kommt kaum jemand zu seinen Lesungen.

Coppola: Ja, ein Kerl wie ich, jemand, der früher mal ziemlich berühmt war. Er schreibt Horrorromane, und ich habe ja selbst in den Sechzigern mit Horrorfilmen angefangen. Ich finde die Parallelen überaus amüsant.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind doch immer noch berühmt.

Coppola: Ich bin wie ein Büßer, der sich die Haare abgeschnitten und ein Leinengewand übergeworfen hat. Ich habe mich gereinigt von all dem Bullshit in meinem Leben, von "Der Pate" oder "Apocalypse Now".

SPIEGEL ONLINE: "Der Pate" und "Apocalypse Now" sind Bullshit?

Coppola: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe alle meine Filme. Sie sind wie meine Kinder. Ich habe allerdings ein paar Filme machen müssen, nur um Geld zu verdienen. Aber auch eine Prostituierte versucht, an jedem Freier etwas zu finden, das für ihn spricht, die schönen Augen, die sanfte Stimme oder den Humor. Sonst könnte sie ihren Job nicht machen. So habe ich es auch gehalten. Was ich nicht mehr wollte, war der Trubel in Hollywood.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Coppola: Die Verlockungen des aufregenden Lebens dort können dich zerstören. Viele Künstler haben mit Anfang 20 ein großes Werk erschaffen haben und nie wieder dieses Niveau erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Hat Hollywood auch Sie zerstört?

Coppola: Nein, im Gegenteil, ich fange gerade noch mal neu an. "Twixt" ist für mich ein Studentenfilm. Ich habe viel experimentiert, mit Farben, Effekten und 3D.

SPIEGEL ONLINE: Und mit den Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum: Einmal erscheint dem von Val Kilmer gespielten Schriftsteller sogar Edgar Allan Poe.

Coppola: Das geht zurück auf einen Traum, den ich nach einer durchzechten Nacht in Istanbul hatte. Darin erschien mir Poe und erklärte mir, was es bedeutet, etwas zu schreiben, was wirklich von Herzen kommt. Er sagte: "Du musst nach deinem Schmerz suchen." Poe hat seine Cousine Virginia geheiratet, sie war 14 Jahre alt. Sie erkrankte an Tuberkulose. Er aber war sehr arm und konnte ihr nicht helfen. Er sah Virginia immer schwächer werden und sterben. Also schrieb Poe über sie, immer und immer wieder, in jeder einzelnen Geschichte findet sich sein Schmerz. Diesen Schritt musste ich auch wagen. Ich stelle mich in "Twixt" dem Tod meines ersten Sohnes Gian-Carlo.

SPIEGEL ONLINE: Er kam 1986 bei einem Unfall mit einem Speedboot ums Leben.

Coppola: Kunst macht man eben nicht, um Leute zu unterhalten, sondern um etwas über sich zu lernen. Poe sagte zu mir: "Du willst doch weiterkommen, oder? Mach den Schritt, er wird dir gut tun."

SPIEGEL ONLINE: "Twixt" ist sehr privat. An manchen Stellen fühlt man sich fast unangenehm berührt.

Coppola: Kann ich verstehen. Doch irgendwann musst du dich hinsetzen und so etwas aufschreiben. Das bedeutet: Du musst es ausbluten. Und das kannst du nur mit deinem eigenem Blut. Deshalb schreibt jeder Autor letztlich über sich und seine Familie. Die meisten verstecken es nur besser. Aber mal ehrlich: Wen kennt man denn überhaupt? Außer sich selbst und seiner Familie?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Familie ja mal mit einem Wanderzirkus verglichen.

Coppola: Viele Künstler waren ständig unterwegs, denken Sie nur an Goethe. Es war sein Programm, unentwegt Wissen und Erfahrung zu sammeln. Auch die größten Filmemacher verstanden sich als Gaukler, Bergman oder Fellini etwa. Im Zirkus Coppola war ich mal der Direktor, mal hing ich am Trapez, mal stand ich in der Manege und sicherte den Seiltänzer. Aber oft war ich ganz allein da oben unter dem Zeltdach. Die Risiken, vor allem die finanziellen, musste ich allein tragen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Kinder früh in die Manege geschickt: Ihre Tochter Sofia debütierte sogar als Neugeborenes in "Der Pate".

Coppola: Sobald Zirkuskinder stehen können, lernen sie, aufs Trapez zu klettern. Und was soll ich auch machen, wenn ich mitten im Dschungel bin und die nächste Stadt hundert Meilen entfernt ist? Wo soll ich da ein Kind herkriegen? Da nehme ich natürlich mein eigenes.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kinder sind am Set aufgewachsen.

Coppola: Ja, das waren große Spielplätze für sie. Sie haben die Gewerke auf allen Vieren kennengelernt, die Requisite, die Kostümwerkstatt, die Maske. Kinder lieben das. Absolut folgerichtig, dass sie jetzt im Filmgeschäft sind.

SPIEGEL ONLINE: Blieb ihnen etwas anderes übrig?

Coppola: Ich habe sie ja nicht auf eine Galeere geschickt! Im Gegenteil! Vor Jahren war die Fliegerei eines der begehrtesten Berufsfelder für junge Leute, heute ist es das Kino. Was, ehrlich gesagt, auch eine Art von Fliegerei ist. Man kann schnell abstürzen.

SPIEGEL ONLINE: Sofia war 19, als Sie ihr im letzten Teil der "Pate"-Trilogie eine Hauptrolle gegeben haben. Die Kritiker sprachen ihr jegliches Talent ab. Tut es ihnen leid, sie besetzt zu haben?

Coppola: Wäre Sofia nur eine kleine, unbekannte Italienerin gewesen, hätte es nie diese harsche Kritik gegeben. Die Attacken galten mir.

SPIEGEL ONLINE: Das machte es für ihre Tochter vermutlich nicht leichter.

Coppola: Nichts quält einen Vater mehr, als sein eigenes Kind leiden zu sehen. Doch Sofia hat es überlebt. Und schauen Sie sich an, wo sie heute steht: Sie ist eine gefeierte Regisseurin. Sie hat es allen gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Der Schmerz hat ihr gut getan?

Coppola: Das will ich nicht sagen. Aber vielleicht hat er ihr geholfen, den richtigen Weg zu finden. Sie wollte ja gar nicht unbedingt zur Schauspielerei. Ich spürte nur sehr früh, dass sie das Talent hat, andere Menschen zu unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie hat zwei Filme gedreht, die in Hotels spielen: "Lost in Translation" und "Somewhere". Ein Zufall?

Coppola: Nein, auf keinen Fall. Wir lebten ja ständig in Hotels, so ist sie aufgewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Setzt Ihre Tochter eine Familientradition fort?

Coppola: Ich bin seit über 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Ingmar Bergman hatte dagegen jedes Jahr eine neue Frau. Glauben Sie, so ein Mann kann sich um seine Kinder kümmern, eine Familie aufbauen? Bergman war kein guter Vater, Picasso mochte keine Kinder, Fellini war gar kein Vater. Kein Wunder, dass diese großen Künstler keine würdigen Nachfolger gefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Künstlerische Tradition ist also eine Frage der Genetik?

Coppola: Macht ist eine Frage der Genetik. Schauen Sie sich mal um: Von den Menschen, die Sie hier auf der Straße sehen, sind viele mit Dschingis Khan verwandt. Seine DNA steckt in uns. Er hat seine Gene so weit verbreitet, wie er konnte. Ein großer Mann, dieser Dschingis Khan.

SPIEGEL ONLINE: In Hollywood stößt man ständig auf Menschen, die mit Ihnen verwandt sind: Die Schauspieler Nicolas Cage und Jason Schwartzman, der Kameramann John Schwartzman. Das Prinzip Dschingis Khan?

Coppola: Nein, aber natürlich sehe sich meinen Verwandten gerne dabei zu, wie sie Erfolge feiern. Meine Enkeltochter Gian-Carla macht ja auch schon von sich reden.

SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 1975 erhielt die Familie Coppola insgesamt ein halbes Dutzend Oscarnominierungen. Hatten Sie da das Gefühl: Wir machen aus Hollywood einen Familienbetrieb?

Coppola: Hollywood übernehmen? Totaler Alptraum! Dazu muss man ein Verwalter sein, ein Buchhalter. Das bin ich nicht, mir reichte ein Stück vom Mythos. Mein Größenwahn kennt Grenzen. Sonst wäre ich nicht pleitegegangen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Zoetrope, dem Studio, das Sie in den Siebzigern gegründet haben.

Coppola: Ich verstehe den Begriff "Vater" in einem sehr weiten Sinn. Steven Spielberg ist ein großartiger Vater, weil er viele junge Regisseure unter seine Fittiche genommen hat. Ich habe das auch versucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Regisseure wie Wim Wenders nach Hollywood geholt. Sie hatten die Vision einer großen Künstlerfamilie ...

Coppola: ... zu der nicht nur die Blutsverwandten gehören, ja. Ich wollte jungen Talenten einen geschützten Raum geben, sie ausbilden, kreativen Austausch ermöglichen. Zoetrope war das erste Studio, das über ein eigenes Computernetzwerk verfügte! Wir waren die Pioniere der Digitalisierung.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gingen Sie bankrott. War Ihre Künstlerfamilie zu groß geworden, gab es zu viele Münder zu füttern?

Coppola: Nein, am Ende hing alles vom Erfolg eines einzigen Films ab, "Einer mit Herz". Ich hatte innerhalb von fünf Jahren die beiden "Paten"-Filme und "Apocalypse Now" gedreht, und es gibt Miesmacher, die nicht wollen, dass du vom Boden hochkommst. Sie wollten mich abschießen - und "Einer mit Herz" war ein leichtes Ziel, kaum zu verfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Der Liebesfilm mit Frederic Forrest und Nastassja Kinski kostete rund 30 Millionen Dollar und spielte keine 700.000 Dollar ein.

Coppola: Der Film basierte auf einer verrückten Idee, er war von Beginn an sehr fragil. Nicht besonders heldenhaft, ihn zu erledigen. Ich war Fünfzig, und alles, was ich mir aufgebaut hatte, war dahin. Jahrzehntelang musste ich die Schulden abstottern.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn die verrückte Idee des Films?

Coppola: Ich wollte ihn drehen wie eine Liveübertragung im Fernsehen, mit vielen verschiedenen Kameras. Doch mein Kameramann sagte, wenn er das Bild für zwölf Kameras ausleuchten würde, sähe alles völlig matschig aus. Ich gab nach. Einer der wenigen Fehler in meinem Leben, die ich zutiefst bedauere. Das wäre die Zukunft des Kinos gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Livefernsehen ist das Kino der Zukunft?

Coppola: Live und interaktiv. Ich will mit Filmen auf Tournee gehen, auf das Publikum reagieren können, jeden Abend die Szenen neu arrangieren. Technisch ist das bereits möglich. In Hollywood hat das nur noch kaum jemand begriffen. Die sind dort viel zu unbeweglich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Hollywood auch deshalb den Rücken gekehrt?

Coppola: Wenn Sie Hollywood als Zentrum kommerziellen Filmemachens meinen - das existiert ohnehin nicht mehr. Die sogenannten Hollywood-Filme werden auf der ganzen Welt gedreht, mit deutschem, französischem oder japanischem Geld.

SPIEGEL ONLINE: Das auch ihre Filme finanziert?

Coppola: Nein, kein Investor würde mir Geld für Filme geben. Der einzige, der das tut, bin ich selbst. Und ich kann es mir leisten. Ich könnte einen 100 Millionen-Dollar-Film finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also wieder Geld?

Coppola: Ich habe ein Vermögen im Filmgeschäft verloren - und ein Vermögen im Weingeschäft gemacht. Ich bin in ein Metier gewechselt, in das mir die Miesmacher nicht folgen konnten. "Twixt" habe ich im Wald neben meinem Anwesen im Napa Valley gedreht. All die Leute, die in Hollywood an einem Film herumfummeln, lähmen dich. Filme musst du drehen mit der Geisteshaltung von Robin Hood - jederzeit bereit zuzuschlagen. Und glauben Sie mir: Ich werde Beute machen.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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1. sehr cool
moonoi 17.12.2012
der alte - und ich habe wieder etwas gelernt! - danke
2. Naja ...
morpholyte 17.12.2012
der Gute hat in seinem Leben nur eine handvoll vernünftiger Filme gemacht. Wenn man es genau nimmt sogar nur zwei (Der Pate 1-3, Apocalypse Now). Total überbewertet, genauso wie Kollege "Kinderfreund". Aber Hauptsache Schuld haben die anderen. Mir kommen die Tränen.
3.
moonoi 17.12.2012
Zitat von morpholyteder Gute hat in seinem Leben nur eine handvoll vernünftiger Filme gemacht. Wenn man es genau nimmt sogar nur zwei (Der Pate 1-3, Apocalypse Now). Total überbewertet, genauso wie Kollege "Kinderfreund". Aber Hauptsache Schuld haben die anderen. Mir kommen die Tränen.
wieviel vernuenftige filme haben Sie denn gemacht? und was soll der heimlich feiste hinweis auf den "kinderfreund"? meinen Sie Roman Polanski? meinen sie die "Gmeiner protokolle"? dann lesen sie die mal. Roman Polanski - the Samantha Geimer protocol - HangoverGuide.Com (http://www.hangoverguide.com/factbook/polanski/htdocs/00.php)
4. Hauptsache
Thomas Mank 17.12.2012
Schönes Interview und in der Tat: es gibt daraus etwas zu lernen. Auch hier sei Goethe wie folgt zitiert (1825, "Kunst und Altertum"): "Älter werden heißt selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse ändern sich und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen".
5.
HWGerlacher 17.12.2012
Zitat von morpholyteder Gute hat in seinem Leben nur eine handvoll vernünftiger Filme gemacht. Wenn man es genau nimmt sogar nur zwei (Der Pate 1-3, Apocalypse Now). Total überbewertet, genauso wie Kollege "Kinderfreund". Aber Hauptsache Schuld haben die anderen. Mir kommen die Tränen.
Nicht traurig sein, irgendwann wird der Spiegel auch Sie interviewen zu Ihrer großartigen Lebensleistung.
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Zur Person
Francis Ford Coppola, Jahrgang 1939, schuf mit "Der Pate" und "Apocalypse Now" zwei Klassiker des Weltkinos. Er führte Regie bei einer Vielzahl weiterer Filme ("Rumble Fish", "Cotton Club", "Bram Stoker's Dracula") und trat auch immer wieder als Produzent in Erscheinung. Mit seinem Studio American Zoetrope hatte er jedoch Pech: Es bescherte ihm nur Schulden, ganz im Gegensatz zu seinem Weingut im Napa Valley. Seine halbe Familie verdient ihr Geld im Filmgeschäft: Tochter Sofia ist eine erfolgreiche Regisseurin, Neffe Nicholas Cage erzielt Höchstgagen als Schauspieler, auch der Schauspieler Jason Schwartzman gehört zum Coppola-Clan.