"Frankenweenie" von Tim Burton: Ein Herz für tote Tiere

Von Simon Broll

Er will doch nur spielen: Hollywoods dunkler Magier Tim Burton lässt im Animationsfilm "Frankenweenie" einen Bullterrier von den Toten auferstehen. Mit dem liebevollen Zombiewerk schafft der Regisseur eine Hommage an das Horrorkino der dreißiger Jahre - und verarbeitet eigene Traumata.

Aus seiner unglücklichen Kindheit hat Filmemacher Tim Burton nie einen Hehl gemacht. Einsam sei er gewesen, erklärte der Meister schauriger Kultwerke wie "Sleepy Hollow" immer wieder, zuletzt in einem Gespräch mit der britischen Tageszeitung "The Guardian". Ein scheuer Außenseiter, der so gar nicht hineinpasste in die kalifornische Kleinstadtidylle der Gemeinde Burbank bei Los Angeles, wo Burton in den sechziger Jahren aufwuchs.

Genau wie dem US-Regisseur ergeht es auch seinem neuesten Filmhelden, dem kleinen Victor Frankenstein. Der 10-Jährige gilt bei Nachbarn und Klassenkameraden als Freak - und das nicht nur wegen des beunruhigenden Nachnamens. Victor ist ein ungewöhnlicher Junge: Statt draußen zu spielen, werkelt er zu Hause auf dem Dachboden herum. Den Speicher hat er in ein Filmstudio umgewandelt, in dem er selbsterdachte Monsterfilme dreht. Mit Bullterrier Sparky in der Hauptrolle.

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Trickfilm "Frankenweenie": Mein Hund ist leck
Als Sparky von einem Auto überfahren wird, verliert Victor seinen einzigen Freund. Und beschließt, ihn zurückzuholen. Bei einem Schulexperiment lernt der Junge, dass Strom die Beine eines toten Frosches zum Zucken bringt. Kurzerhand gräbt er Sparky wieder aus und verfrachtet ihn ins hauseigene Labor. Mit Hilfe von Flickzeug, zahlreichen Küchengeräten und einem Regenschirm erweckt Victor während einer Gewitternacht sein geliebtes Haustier zum Leben.

Monster mit Kuschelfaktor

Filmvisionär Tim Burton ist mit "Frankenweenie" eine seiner liebevollsten Geschichten gelungen. Die Gruselstory könnte für ganz junge Zuschauer ein wenig düster geraten sein, doch so richtig Angst haben muss man vor dem Zombiehund nicht. Anders als in Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein" ist dieses Monster handzahm - auch wenn ihm mal ein Ohr abfällt oder beim Trinken Wasser aus den Nähten spritzt.

Burton spielt genüsslich mit dem Makabren, ohne geschmacklos zu werden. So unschuldig der Terrier mit den Metalldioden am Hals auch ist, seine Wiederkehr aus dem Totenreich sorgt dennoch für Chaos. Sparky büxt aus, die Nachbarskinder erfahren vom Experiment und fangen an, ihre eigenen verstorbenen Haustiere zu reanimieren. Bald schon wimmelt es in der Stadt von untoten Kreaturen, mit ungeahnten Folgen für die Bewohner.

Wer mit Burtons Werk vertraut ist, wird in "Frankenweenie" viele Déjà-vu-Momente erleben. Victor wirkt mit seinen hohlen Wangen und den Wuschelhaaren wie eine Kindsversion von "Edward mit den Scherenhänden", seine Nachbarin Elsa van Helsing erinnert an die kleine Lydia Deetz (Winona Ryder) aus "Beetlejuice".

Diese Referenzen passen grandios in einen Film, der allein schon von seiner Thematik an Burtons Frühwerk anknüpft. 1984 hatte der damals 26-Jährige Regisseur die gleiche Story in einem Kurzfilm erzählt, mit Kinderschauspieler Barret Oliver ("Die unendliche Geschichte") als Victor. Für Burtons Auftraggeber Disney war die halbstündige Version jedoch zu gruselig ausgefallen. "Frankenweenie" kam nicht in die Kinos, sondern wurde mit großer Verzögerung auf Video herausgebracht.

Horrorhommage in Stop-Motion-Technik

Fast drei Jahrzehnte später kann Burton seine Story in der ihr angemessenen Form präsentieren: als Animationsfilm. Selten war das Stop-Motion-Verfahren so gut gewählt wie in diesem Fall. Genau wie Victor erweckt auch Burtons Kreativteam leblose Puppen mit Hilfe der Filmtechnik zum Leben.

33 Animatoren arbeiteten zwei Jahre lang, um ihre fiktive Gemeinde New Holland zu erschaffen. Dabei wird die Kleinstadt - genau wie in Burtons früheren Animationsfilmen "Corpse Bride" und "Nightmare Before Christmas" - von typisch skurrilen Figuren mit Eierköpfen, Telleraugen und fadenlangen Gliedern bevölkert. Nur dass sie diesmal durch die 3-D-Technik noch plastischer erscheinen.

Der Regisseur knüpft gekonnt an die Schwarz-Weiß-Ära der großen Horrorklassiker an. Victors Schulfreunde sehen aus wie der Gruselstar Boris Karloff oder der bucklige Assistent Igor, bekannt aus zahlreichen Mad Scientist Movies. Mit Biolehrer Mr. Rzykruski lässt Burton zudem sein großes Idol Vincent Price auferstehen, einen der bekanntesten Darsteller von Edgar-Allen-Poe-Verfilmungen. Und auch andere Genre-Erfolge wie "Godzilla", "Gremlins" oder "American Werewolf" werden in dem Trickfilm ironisch überzeichnet.

Dass bei solch einer Recycling-Wut dennoch eine herzerwärmende Geschichte herauskam, ist das große Wunder von "Frankenweenie". Burton gelingt ein zutiefst ehrlicher Film über Freundschaft und Forschergeist. Auch ein toter Freund scheint das Beste zu sein, das es gibt auf der Welt.


Frankenweenie. Start: 24.1. Regie: Tim Burton. FSK: 12 Jahre.

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1.
doppelblind 24.01.2013
Eigentlich bin ich ein Fan von Tim Burton. Da ich u.a. "The Nightmare before Christmas" und "The Corpse Bride" sehr gut fand, dachte ich, dass mir dieser Film gefallen würde, leider fand ich ihn dann nicht so toll. Meine Begründung dafür würde einiges von der Handlung verraten, deswegen lasse ich das. Die Idee für den Film ist im Ansatz gut, aber über den Gesamtverlauf haben mir bezüglich der Handlung, vor allem gegen Ende hin, die Ideen gefehlt, die dem Ganzen den gewissen Pep geben.
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