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26. September 2016, 10:57 Uhr

Weltkriegsepos "Frantz"

Liebe, grenzenlos

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In "Frantz" erzählt François Ozon von einer deutsch-französischen Annäherung nach dem Ersten Weltkrieg. Ein filmisches Meisterwerk über die Kunst des Verzeihens - und die Kunst der Lüge.

"Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen." Das sagt der deutsche Vater, der im Krieg seinen Sohn verloren hat, dem ehemaligen französischen Soldaten, der im Krieg Deutsche getötet hat. Ein ungeheuerlicher Satz im Frühjahr 1919, als im Friedensvertrag von Versailles die Bedingungen für eine Neuordnung Europas ausgehandelt wurden, die von den meisten Deutschen als Demütigung empfunden wurden. Ein Franzose, der einen Deutschen glücklich machen soll? Unvorstellbar.

Und doch erfüllt der junge Franzose dem alten Deutschen und dessen Frau einen Wunsch: Er spielt auf der Geige des toten Sohnes und erweckt ihn damit für einen kurzen Moment in der engen guten Stube des Elternhauses wieder zum Leben. So ein kleiner Raum, so viel Liebe darin.

Doch was der französische Regie-Star François Ozon ("8 Frauen") am Anfang seines Filmes "Frantz" als Bild der deutsch-französischen Annäherungen in Szene setzt, ist mehr als ein erster Salut auf dem langen, langen Weg zur europäischen Einigung. Ozon, der Meister der Doppelcodierungen, Umdeutungen und Travestien, verlässt schon bald die offiziellen Versöhnungsstrang und macht einen Subplot unterschiedlichster, einander ergänzender, überlagernder, widersprechender Erzählungen auf.

Geschichte wird bei ihm zum Dickicht aus Geschichten, Zeitgeschichte ein Ineinander aller Erzählformen, von der Musik über die Kunst bis zum Kino, in kargem Schwarzweiß als auch in praller, farbiger Panorama-Optik.

Dabei ist der Anfang so düster, hoffnungslos gar. Die junge Anna (Paula Beer) besucht im kleinen deutschen Ort Quedlinburg die Ruhestätte ihres Verlobten, der da natürlich gar nicht gebettet ist, sondern irgendwo in einem Massengrab fern der Heimat liegt. Irgendwann sieht sie einen Fremden (Pierre Niney) an dem Grabstein sitzen, es ist der junge Franzose Adrien, der sich als Freund des Verstorbenen aus Pariser Tagen vorstellt.

Tanzabende in Paris, Spaziergängen durch den Louvre

Anna und Adrien freunden sich an, die Eltern des Verstorbenen nehmen den Franzosen nach ersten Zweifeln und trotz aller Anfeindungen im Ort bei sich auf. Das Reden bricht das Eis, die Musik versöhnt, die Kunst überwindet das Nationale. Der junge Fremde erzählt von gemeinsamen Tanzabenden in Pariser Cafés mit dem deutschen Freund, von Spaziergängen durch den Louvre. Eine beredte Abbitte dafür, dass er selbst am Leben geblieben ist, während der andere gestorben ist.

Das Grundszenario für seinen Film hat sich Ozon bei Ernst Lubitsch geliehen. Der deutsche Regisseur hat zwischen den beiden Weltkriegen mit ein paar Dutzend Stummfilmen die DNA der klassischen Kinokomödie entwickelt; wer heute in einem Kino irgendwo lacht, lacht immer auch dank Lubitsch. Der Mann hat also möglicherweise mehr für die Völkerverständigung getan als jeder Politiker.

1931 drehte er "Broken Lullaby"; auch in diesem Film reist ein französischer Soldat zu einer deutschen Familie, getrieben von einer unbestimmten Sehnsucht und einem schlechten Gewissen. Es war Lubitschs einziger richtig ernster Film, ein richtig ernster Kassenflop war er leider auch.

Ozon greift nun den Plot des Unglücksfilms auf, verlagert den emotionalen Schwerpunkt aber von dem jungen Franzosen auf die junge Deutsche, die sich den Erzählungen des Fremden hingibt, um dem toten Verlobten nahe zu sein - dabei aber in Wirklichkeit eben dem Fremden immer näherkommt.

Ozon-Filme handeln fast immer auch davon, wie sich Menschen durchs Erzählen neu erschaffen oder zumindest eine Version von sich selbst zu Leben erwecken, die ihrer inneren Wahrheit entspricht. Zuletzt war das in seinem Erotikdrama "In ihrem Haus" über das Zusammenspiel von Schriftstellerei und Spannerei zu sehen oder in der romantischen Crossdresser-Schnurre "Eine neue Freundin", in dem sich ein junger Witwer als Frau neu erfindet, als wäre es das Einfachste der Welt.

Das deutsch-französische Versöhnungspuzzle "Frantz" ist nun komplexer. Auch weil der Regisseur seine Figuren im Rückgriff auf alle möglichen Kunstdisziplinen über sich selbst sprechen lässt und zugleich auch noch reichlich weitere Zitate in seinen Film einstreut.

Eine zentrale Rolle spielt "Der Selbstmörder" von Édouard Manet. Das 1881 fertiggestellte Gemälde wurde oft als Vorbote des sich ankündigenden Jahrhunderts der Selbstzerstörung und Massenvernichtung gedeutet; in der ambivalenten Inszenierung von Ozon steht es sowohl für die Todessehnsucht einer ganzen Generation von jungen europäischen Männern sowie für das Überwinden eben dieser Todessehnsucht. Immer wieder versammeln sich die Protagonisten vor dem im Louvre hängenden Gemälde und versinken darin. Die Gespräche, die sie dabei oder danach führen, klingen zuweilen so, also ob sie sich aus ihrer Depression fabulieren wollten.

Grandios, wie Ozon auf diese Weise die Schwermut aus seinem Weltkriegsdrama vertreibt. Zeitweise erzählt er gar im Rhythmus eines beschwingten Reigens und entwickelt vor dem rußschwarzen, grabsteinplattengesäumten Weltkriegshintergrund ein Spiel aus Sehnsüchten und Selbsterkundungen.

Nicht von ungefähr fühlt man sich an François Truffauts Liebesdrama "Jules und Jim" aus dem Jahr 1962 erinnert, in der es um eine deutsch-französische Dreiecksgeschichte vor und nach dem Ersten Weltkrieg geht. Liebe wird hier zur Technik der Entgrenzung, durch die bürgerliche als auch nationale Identitätskonstruktionen überwunden werden können.

Wie Truffaut in seinem Nouvelle-Vague-Klassiker mit seiner Kombination aus eingefrorenen Bildern und entfesselten Kamerafahrten findet auch Ozon unerwartete Mittel der filmischen Befreiung, etwa wenn er die Perspektive vom Kammerspiel lakonisch ins farbsatte Naturspektakel weitet oder wenn er ebenso lakonisch Flashbacks aus der Vorkriegswelt einflechtet. Und wie Truffaut erzählt auch er im Kern eine Ménage-à-trois.

Zwar ist Annas Verlobter schon tot, aber durch die Erzählungen der beiden anderen wird er lebendig und gibt deren Miteinander entscheidende Impulse. Ob sich die Utopie einer freien Liebe erfüllt, sei hier nicht verraten. Die Momente des Glücks aber, die sich in und mit "Frantz" einstellen, sind so oder so grenzenlos.

Im Video: Der Trailer von "Frantz"

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