Von Jörg Schöning
Groß, schlank, brünett - die dunkle Hornbrille kann nicht verbergen, dass Maïwenn eine sehr attraktive Frau ist. In ihrem Film "Poliezei" aber spielt sie das hässliche Entlein, eine Fotografin, die vom Polizeichef engagiert worden ist, um die Arbeit der Polizisten zu PR-Zwecken abzulichten. Die entstellende Brille ist dabei ebenso Tarnung wie die Schüchternheit, mit der sie vorgeht.
In Wahrheit ist diese Melissa nicht nur ebenso schön wie Maïwenn, sondern selbstbewusst und souverän. Innerhalb der Jugendschutz-Einheit, die sie bei ihren Einsätzen begleitet, ist sie die einzige, die "verdeckt" ermittelt und damit das eigene Ich negiert. All die Polizisten um sie herum zeigen Gefühle, Melissa aber hält sie unter Verschluss. Erst als ein junger Beamter, der sich in sie verliebt hat, die Maskierung durchschaut und sie die Brille ablegt, kommt Melissa tatsächlich bei der "Poliezei"* an - und der Kinozuschauer bei Maïwenn.
Maïwenn ist ursprünglich Schauspielerin, und das ist für diesen Film ganz entscheidend, Masken sind ihr vertraut. Beide Elternteile hatten denselben Beruf, Maïwenn Le Besco wuchs im Theater auf. Mit sieben Jahren, 1983, stand sie erstmals vor der Filmkamera. Zehn Jahre später hat sie in "Leon - Der Profi" mitgewirkt. Luc Besson, der Regisseur und Produzent, war damals ihr Mann.
"Poliezei", das ist ein Film gewordener Hilferuf. Nicht nur der kindlichen Missbrauchsopfer und jugendlichen Missetäter wegen, deren Fälle Maïwenn in ihrem Film zur Sprache bringt, ohne sie im Bild selbst vorzuführen. Sondern auch aufgrund jener Polizisten, die zwar der Strafverfolgung dienen, vor allem aber Sozialarbeit leisten - und dabei durchweg überfordert sind.
Ganz unten in der Polizeihierarchie
Wer nur hinter "Kinderfickern" herjagt, steht in der Polizeihierarchie nicht gerade weit oben. Da sind Frustrationen programmiert. Ebenso wie Minderwertigkeitsgefühle. Denn so einer Einheit stehen nun mal bloß zwei Dienstwagen zu Verfügung. Und es soll sich doch bitte keiner beschweren, wenn einer davon ans Drogendezernat ausgeliehen wird. Denn dort werden echte Verbrecher gejagt, Noteinsatz hin oder her.
Rund zehn Polizeibeamte hat Maïwenn ziemlich gleichberechtigt in den Mittelpunkt des Filmgeschehens gestellt. Über ihre Schreibtische, durch ihre Verhöre und Telefonate zieht sich ein nicht enden wollendes Band emotionaler Ausnahmezustände. Die junge Ausreißerin wird hier ebenso ins Gebet genommen wie der alte geile Bock, der sich an seiner Enkelin vergriffen hat. Die minderjährige Rumänin, die von ihren Eltern als Taschendiebin losgeschickt wird, darf auf menschliche Zuwendung zählen; der vermögende Pariser Bürger aber, dessen Spiele mit der eigenen kleinen Tochter ("Papa liebt mich zu sehr!") nur noch Abscheu provozieren, muss mit Schlägen rechnen, weil er sich beim Verhör auf seinen "guten Draht zum Chef" beruft.
Die Fälle sind real, die Charaktere fiktiv. Die Regisseurin hat die Beamten der Pariser Jugendschutz-Einheit selbst begleitet, nicht nur während der Arbeit, auch nach Dienstschluss, wenn die Einsätze ihre Spuren zeigen: als Aggression und Depression, in einer gescheiterten Ehe oder einem verkrampften Verhältnis zum eigenen Kind.
Mit dem Gespür der Schauspielerin für das Ensemble hat Maïwenn Typen besetzt, deren Individualität sich erst im Laufe des Geschehens ausprägt. Und wie die Regisseurin wohl selbst, wird auch der Kinozuschauer von Anfang an vom Strudel der Ereignisse erfasst; für Erläuterungen ist hier keine Zeit. Namen, Ränge, persönliche Hintergründe, all das erfährt man erst nach und nach.
Die Kamera folgt den Zuschauern - nicht umgekehrt
Was aus den Strafsachen später wird, erfährt man überhaupt nicht. Auch das gehört zum Dokumentarcharakter, den Maïwenns Spielfilm besitzt. Ihr Credo "Die Kamera muss den Schauspielern folgen und nicht umgekehrt" ist angewandtes Cinéma vérité. So wie französische Dokumentarfilmer in den fünfziger, sechziger Jahren mit ihren 16mm-Kameras die Wirklichkeit auf den Straßen einfingen, will "Poliezei" menschliches Verhalten in all seinen Facetten festhalten.
Mit mehreren Digitalkameras gleichzeitig gedreht, ist "Poliezei" aus 150 Stunden Rohmaterial entstanden - ein Verhältnis, das es sonst nur im Dokumentarfilm gibt. Drehbuch und Dialoge gab es zwar, aber eben auch viel Raum zur Improvisation. Ein "Cineast", ein "Auteur" hätte das wohl nicht gestattet. Für eine "Aktrice" aber gibt es nichts Erfüllenderes.
Zu den unglaublichsten Szenen dieses an Unglaublichem reichen Film gehört eine Karaoke-Party der Polizisten nach Feierabend. Namhafte Mitwirkende wie die Schauspielerin Karin Viard ("Das Schmuckstück") oder der Gangsta-Rapper Joey Starr ("Authentik") müssen sich hier einmal nicht als gestresste Beamte zeigen, sondern dürfen ihre Talente als Sänger und Tänzer ausleben.
So hält Maïwenn ihr Ensemble bei Laune und den Zuschauer bei der Stange. "Poliezei" besitzt bei all dem Hässlichen, von dem der Film zu berichten hat, eine Schönheit, die aus seinem Streben nach Wahrhaftigkeit stammt.
*"Poliezei" ist übrigens der eher schlecht gelungene Versuch des hiesigen Verleihers, den Originaltitel des Film einzudeutschen: "Polisse", so der Titel im Original, ist schlicht eine nachlässig, kindlich ausgesprochene Form des französischen Wortes "Police".
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