Filmförderung in Deutschland Männer bevorzugt

Die deutsche Filmförderung ist ungerecht: Anträge für Projekte mit Regisseurinnen werden ohnehin schon selten gestellt - aber noch seltener bewilligt. Das geht aus einer aktuellen Statistik hervor.

Regisseurin Caroline Link: Etabliert trotz Chancenungleichheit
ddp images/ Capital Pictures

Regisseurin Caroline Link: Etabliert trotz Chancenungleichheit

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Für Filme, bei denen eine Frau Regie führt, wird seltener Förderung beantragt als für Projekte mit einem Mann als Regisseur. Die Anträge mit Regisseurinnen werden noch seltener genehmigt, und ihr Anteil an den beantragten Fördergeldern ist noch einmal niedriger als der Anteil an den insgesamt geförderten Projekten.

Eine schon länger bekannte Tatsache, die nun noch einmal mit konkreten Zahlen belegt wird: Die minutiösen Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA), die die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), auf Anfrage der filmpolitischen Sprecherin der Grünen, Tabea Rößner, zusammengestellt hat, sprechen eine deutliche Sprache. Hier die wichtigsten Zahlen aus der schriftlichen Auskunft von Grütters, die SPIEGEL ONLINE vorliegt:

Im Zeitraum 2004 bis 2013 wurden bei der FFA insgesamt 1262 Anträge auf Projektfilmförderung gestellt, davon umfassten 271 Anträge eine Regisseurin und 991 Anträge einen Regisseur. Der Anteil von Anträgen mit einer Regisseurin betrug demnach 21,5 Prozent.

Von diesen Projekten wurden im selben Zeitraum insgesamt 480 Anträge genehmigt. An 89 der bewilligten Anträge waren Regisseurinnen beteiligt, an 391 Regisseure. Der Anteil der genehmigten Anträge mit einer Regisseurin lag somit bei 18,5 Prozent.

Im selben Zeitraum wurden insgesamt Fördergelder in Höhe von 451 Millionen Euro beantragt. Auf Projekte mit einer Regisseurin entfielen insgesamt Anträge in Höhe von 72 Millionen Euro, auf Projekte mit einem Regisseur 378 Millionen Euro. Der Anteil an den beantragten Fördergeldern von Projekten mit einer Regisseurin betrug demnach 16,1 Prozent.

"Es gibt immer noch viel zu wenige Erkenntnisse darüber, warum der Graben zwischen Männern und Frauen in vielen Filmberufen so groß ist", sagt Tabea Rößner zu den Gründen für ihre Anfrage an die Bundesbeauftragte. "Vor allem ein besonders großes Missverhältnis bei der Regie sollte uns aufhorchen lassen."

Seitdem eine Gruppe aus französischen Regisseurinnen und Künstlerinnen 2012 skandalisierte, dass im Wettbewerb von Cannes, dem wichtigsten Filmfestival der Welt, keine einzige Regisseurin vertreten war, diskutiert die Branche verstärkt über die Situation von weiblichen Filmschaffenden.

Für eine genauere Analyse fehlten aber verlässliche Zahlen, weshalb in den vergangenen Jahren an verschiedenen Stellen in der Film- und Fernsehbranche Initiativen zur Datenerhebung gestartet wurden. In Deutschland gehört dazu der Diversitätsbericht des Bundesverbands der Film- und Fernsehregisseure (BVR), der 2014 das erste Mal erschien. Er ergab, dass Frauen zwar rund 40 Prozent aller Absolventen von Regiestudiengängen ausmachen, ihr Anteil an fiktionalen Stoffen im Kino jedoch nur bei 22 Prozent und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur bei 11 Prozent liegt.

Die Zahlen der FFA ergänzen nun die Faktenlage, sie erlauben jedoch keine direkten Rückschlüsse darauf, warum Filme mit Regisseurinnen in allen drei aufgeführten Bereichen so schlecht abschneiden und was dagegen getan werden könnte. Dass nur ein Fünftel aller Anträge bei der FFA eine Regisseurin beinhaltet, liegt zum Beispiel in der Verantwortung der Produzenten und TV-Redakteure, die die Anträge erstellen.

Dass der Anteil der genehmigten Projekte mit einer Regisseurin nur bei rund 18 Prozent liegt, ist wiederum in den Entscheidungsmechanismen der FFA begründet. Über die lässt sich aber auch kein allgemeines Urteil fällen, da die Entscheidungen von Jahr zu Jahr durchaus variieren. So lag die Förderquote bei Projekten mit Regisseurin 2008 und 2012 ausnahmsweise höher als bei denen mit Regisseur.

Auch Tabea Rößner mag keine konkreten Maßnahmen aus den FFA-Datensätzen ableiten: "Die Bundesbeauftragte muss diese Zahlen jedoch zum Anlass nehmen, um zu prüfen, ob es nachvollziehbare Gründe für diese Ungleichheit gibt", fordert sie. Monika Grütters war für eine Stellungnahme nicht verfügbar.

Zusammengefasst: Frauen werden bei der deutschen Filmförderung benachteiligt. Der Anteil von Anträgen mit einer Regisseurin betrug 21,5 Prozent. Der Anteil der genehmigten Anträge mit einer Regisseurin lag bei nur 18,5 Prozent. Die Ursachen für das Missverhältnis sind noch unklar.



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