"Frida" Eine Frau bekennt Farbe

Gewalt und Farbe, Schrecken und Vision: Die mexikanische Malerin und Meisterin der Moderne Frida Kahlo wird zur Filmfigur - in einer teils biederen, teils phantasievollen Lebensverfilmung von Regisseurin Julie Taymor und Hauptdarstellerin Salma Hayek.

Von Daniel Haas


Salma Hayek als Malerin Kahlo: Die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschmelzen
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Salma Hayek als Malerin Kahlo: Die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschmelzen

Es ist eines der Gründungsmotive abendländischer Kultur, dass sie aus dem Schrecken, dem Schmerz geboren wird. Der antike Mythos erzählt die Geschichte der Medusa, jenem schlangenhäuptigen Ungeheuer, aus dessen Kopf der Pegasus, das Wappentier der Kunst, entspringt. Julie Taymors Film "Frida" ist ganz diesem Gedanken verschrieben: Leiden, körperliche, geistige und seelische, sind die Insignien kreativer Kraft; aus ihr beziehen Künstler und Künstlerin die Essenz ihres Schaffens.

Deshalb präsentiert "Frida" seine Heldin im Vorgriff auf das Geschehen als Todkranke. Ans Krankenlager gefesselt nimmt die Malerin Frida Kahlo (Salma Hayek) an ihrer ersten und einzigen Ausstellung in Mexiko teil. Kurzerhand lässt sie sich inklusive Bettgestell in die Ausstellungsräume tragen. Die zweite Urszene künstlerischer Initiation steht am Anfang der Chronologie: Die junge Kahlo wird bei einem Busunglück schwer verletzt; eine Metallstange durchstößt ihr Rücken und Becken. Der Film zeigt die Katastrophe als bildgewaltigen Taumel, in der die entscheidenden Motive bereits zusammenkommen: Gewalt und Farbe, Schrecken und Vision.

Szene aus "Frida" mit Ashley Judd und Salma Hayek: Ein exzentrisches Leben macht noch keine überragende Kunst
DDP

Szene aus "Frida" mit Ashley Judd und Salma Hayek: Ein exzentrisches Leben macht noch keine überragende Kunst

Frida Kahlo, Großmeisterin der Moderne, Kommunistin, Ehefrau des berühmten Wandmalers Diego Rivera (gespielt von Alfred Molina), Geliebte von Josephine Baker und Leo Trotzki: Ihr Leben scheint prädestiniert für eine Künstlerbiografie auf Zelluloid. Doch das Genius eines Kreativen lässt sich aus äußeren Daten nur schwer ablesen; ein exzentrisches Leben macht noch keine überragende Kunst - und umgekehrt. So ist "Frida" immer dann am besten, wenn die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschmelzen und die Erzählweise sich jener Stillage angleicht, für die der magische Realismus eines Garcia Marquez die künstlerische Blaupause geworden ist.

Wenn Kahlo nach ihrem Unfall zwischen Leben und Tod gefangen ist, verwandelt sich die Szene in ein groteskes Theater der Animation: Da tanzen skelettgestaltige Ärzte um ihr Krankenbett, begleitet von zerborstenen Körperteilen, Motiven aus Kahlos Werken nachgebildet. Wenn Kahlo und Diego in New York ihr Glück versuchen, erscheinen sie als Papierpuppen in einer dadaistischen Collage, die u.a. mit Motiven alter King-Kong-Filme spielt. Hier verabschiedet sich "Frida" ganz von jenem Naturalismus, der den Film ansonsten beschwert.

Künstlerin Kahlo: Leiden und Schmerz als Insignien kreativer Kraft
DPA

Künstlerin Kahlo: Leiden und Schmerz als Insignien kreativer Kraft

Das gewissenhafte Abhaken der biografischen Stationen, das Festhalten am romantischen Plot, der die Ehe mit Diego ins Zentrum rückt und damit zum x-ten Mal die Geschichte des Künstlerpaars jenseits von Konvention und Moral nachstellt, sie machen Taymors Oscar-nominiertes Biopic zum behäbigen Erzählkino. Doch die Ausflüge ins Surreale, Phantastische, Malerische gleichen den Film der Kunst seiner Heldin in kongenialer Weise an. Dann ist "Frida" nicht mehr biederes Porträt, sondern ein Bild von einem Film - bunt, phantasievoll und rätselhaft.

"Frida". USA 2002. Regie: Julie Taymor. Buch: Diane Lake, Gregory Nava, Clancy Sigal, Anna Thomas nach dem Buch von Hayden Herrera; Darsteller: Salma Hayek, Alfred Molina, Geoffrey Rush, Ashley Judd, Antonio Banderas, Edward Norton; Produktion: Handprint Entertainment, Lions Gate Films, Trimark Pictures, Miramax; Verleih: Buena Vista; Länge: 123 Min.; Start: 6. März 2003



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