Friedhofsfilm "Im Himmel, unter der Erde" Lächeln im Angesicht des Todes

Weder Nazis noch Verkehrsplaner konnten dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee etwas anhaben - er gilt als größte noch genutzte Stätte seiner Art in Europa. Jetzt stellt die liebevolle Kino-Dokumentation "Im Himmel, unter der Erde" diesen verzauberten Ort und seine Besucher vor.

Salzgeber

Von Laura Hamdorf


Es regnet dicke Tropfen auf die Steine. Ein Kind spielt mit seinem knallroten Regenschirm. Der Schirm hat schwarze Punkte und Glubschaugen - ein Marienkäfer. Etwas weiter steht ein alter Mann, schnäuzt sich, und legt kleine Steine auf das Grab seiner Frau. Ein Mädchen in kurzem Rock und Kniestrümpfen hüpft eine Allee entlang, springt über die Pfützen. Es ist ruhig, bis auf das Rauschen der Bäume. Der Ort scheint zu lächeln.

"Ist es fröhlich auf dem Friedhof? Nein.", sagt Friedhofsdirektor Ron Kohls. Dann lacht er. Britta Wauers Dokumentarfilm "Im Himmel, unter der Erde" über den jüdischen Friedhof Weißensee ist nicht fröhlich, aber auch keine Ermahnung zu schwerer Trauer. Der Film, der diese Woche in deutschen Kinos anläuft, verrät ein Geheimnis, erzählt von einem verzauberten Ort: Ein friedlicher Park mit uralten Bäumen, ein Garten voller Namen - alles von einer Efeu-Decke überwuchert, die den Boden zu einem weichen, sattgrünen Teppich werden lässt. Dazwischen bewegen sich Menschen, die zärtlich die Erinnerung bewahren, ohne dabei in Schwermut zu versinken.

"Ich habe keinen Friedhof, sondern ein Museum" sagt Kohls. Seit dem Jahr 1880 gibt es dieses Museum. 115.600 Gräber erzählen Geschichten: Prachtvolle Mausoleen würdigen den jüdischen Wohlstand des 19. Jahrhunderts. Weniger pompöse Grabsteine listen mehrere Namen unter demselben Todesdatum auf - der Tag des Freitods einer Familie nach Erhalt des Deportationsbriefes.

Es ist der größte jüdische Friedhof in Europa, der noch genutzt wird. Weder Nazis noch die Verkehrspolitik konnten ihm etwas anhaben. Die Nationalsozialisten fürchteten Geister, die die Totenstätte bewachten, und betraten deshalb nie den heiligen Boden. Über Jahrzehnte verfolgten Berliner Verkehrsplaner die Absicht, den Friedhof mit einer sechsspurige Straße zu teilen. Sie wurde nie gebaut.

Schwungvoll durch den Säulengang

Viele Besucher sind Ahnenforscher. Baruch Bernhard Epstein lebt schon viele Jahre in Süd-Florida. Nun wird er mit seiner Frau zu Feld C geführt. Dort ruhen seine Vorfahren. Er schluchzt auf, legt die faltigen Hände zitternd auf den Stein. "Großmutter Helen, wir sind gekommen um dich zu besuchen. Opa kann dich nicht besuchen, er wurde vergast in Auschwitz. Dein älterer Sohn, mein Vater, ist gestorben an der russischen Front. Warum bin ich noch am Leben? Was habe ich falsch oder richtig gemacht?" fragt er, weinend.

Es sind diese ungekünstelten Menschen, die diesen Film besonders machen. Die ihren Schmerz preisgeben, gleichzeitig ihre Ehrfurcht und grenzenlose Liebe. Oder die sich an ihre Kindheit erinnern, die sie geschützt zwischen den Friedhofsmauern verbracht haben: Harry Kindermann erzählt von den glücklichen Zeiten seines Lebens, während er von einem schweigsamen Gärtner über den Friedhof gefahren wird. 1927 kam er in Berlin zur Welt. Sein Vater war Maurer auf dem Friedhofsgelände, ließ seinen Sohn dort mit den Kindern der anderen Angestellten spielen. So lernte er seine Jugendliebe Marion kennen, mit der er einige gemeinsame Sommer in Weißensee verbrachte, bis Marion deportiert wurde.

An keiner Stelle ist diese Dokumentation langatmig, nirgendwo trist und starr. Nicht zuletzt wegen der Musik von Karim Sebastian Elias: Leicht melancholisch und sehr lebendig begleitet sie die Bilder, genauso könnten Kinderstreiche untermalt werden. Wenn ein 82-jähriger Rabbiner dazu schwungvoll durch einen lichtdurchfluteten Säulengang geht, seine Fußspitzen dabei fröhlich nach außen streckt, dann hat Autorin und Regisseurin Britta Wauer schon den Zauber sichtbar gemacht.

Was kann Menschen dazu bringen, die Angst vor dem Tod zu verlieren? Vielleicht dieser Film, mit seiner liebevollen Vorstellung eines Laubwalds in Berlin, der geschichtsträchtiger ist, als manches Museum. Und der trotzdem ein Geheimnis bleibt.



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