Kino-Krimi "Fritz Lang" Augenmensch am Abgrund

Was verband den "Metropolis"-Macher mit einem Serienmörder? Die Spielfilm-Collage "Fritz Lang" erhellt ein dunkles Kapitel in der Biografie des Meister-Regisseurs. Heino Ferch glänzt in der Hauptrolle.

Von Jörg Schöning


Nein, das ist nicht der Fritz Lang, wie die Filmgeschichtsschreibung ihn üblicherweise darstellt - energisch, elegant und in jedem Augenblick Herr des Geschehens. Und es ist auch nicht der Fritz Lang, wie er sich selber auf der Leinwand präsentiert hat, etwa 1963 als Hölderlin-Rezitator in Jean-Luc Godards "Die Verachtung": weltmännisch, warmherzig und selbst noch nach 30 Jahren in Amerika mit leichtem Wiener Zungenschlag.

Der Fritz Lang dieses Films ist arrogant, kalt und geradezu preußisch brutal. Einer, der sich das Kokain gleich löffelweise reinzieht. Einer, den die "übliche Nachtroutine" zu Prostituierten führt und die er dann bei der Triebabfuhr bedenklich grob traktiert. Heino Ferch spielt diesen herrenmenschlichen Kraftkerl in einer Weise, dass Langs Behauptung, NS-Propagandaminister Goebbels habe ihm 1933 die Leitung des deutschen Filmwesens angetragen, auf einmal richtig glaubhaft wirkt.

Und dies ist auch nicht jener Peter Kürten, der als "der Vampir von Düsseldorf" durch die Kriminalgeschichte geistert, seitdem er 1931 wegen neunfachen Mordes und mehr als 20-fachen Mordversuchs durchs Fallbeil gerichtet wurde. Dieser Kürten ist keine "Bestie in Menschengestalt", keine "entartete Kreatur", sondern ein freundlicher, höflicher Biedermann. Samuel Finzi spielt den Triebtäter so, dass einen eher das Mitleid ergreift als der sonst für das Genre übliche wohlige Grusel.

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Spielfilm-Mashup: Wie unschuldig war Fritz Lang?
Der Frauenschlächter Kürten war eines der Rollenvorbilder für den von Peter Lorre gespielten Kindermörder in Langs erstem Tonfilm "M". In seiner Spielfilm-Collage "Fritz Lang" entwirft Gordian Maugg nun ein Making-of des bis heute hoch geschätzten Großstadt-Thrillers von 1931. Und noch mehr: Er spürt der persönlichen Motivation Langs nach, der mit "M" das Thema fand, das dann auch seine Filme im Hollywood-Exil bestimmen sollte. "Unschuld mit allem äußeren Schein von Schuld, andererseits Schuld mit allem Anschein von Unschuld" - so hat Lang es selbst einmal zusammengefasst.

Was aber bewog den Macher monumentaler Stummfilmmärchen wie "Die Nibelungen" (1923) und "Metropolis" (1927), auf seinem mit dem Raketenabenteuer "Frau im Mond" (1929) fortgesetzten Höhenflug als Science-Fiction-Visionär abrupt innezuhalten? Und sich stattdessen mit "M", einem schmutzigen kleinen Krimi, in die Abgründe der menschlichen Psyche zu stürzen?

Verschmelzung vorgefundener Artefakte mit neuem Content

Gordian Maugg und sein Co-Autor, der Schriftsteller Alexander Häusser, haben zwischen dem Filmregisseur und dem Serienkiller einen missing link aufgespürt: den Berliner Kriminalisten Ernst Gennat. Der leiblich wie intellektuell schwergewichtige Polizist, der tatsächlich im Fall des Düsseldorfer Sexualverbrechers ermittelt hat und in Aufsätzen über ihn den Begriff des "Serienmörders" prägte, gab nicht nur das Vorbild für den Kommissar Lohmann in "M" ab. Sondern, so erzählen es Maugg und Häusser, er habe zehn Jahre zuvor einen Todesfall untersucht, in den Fritz Lang involviert war.

Tatsächlich gibt es eine Leerstelle in der Biografie des berühmten Filmemachers. Am 25. September 1920 traf eine Pistolenkugel Langs erste Ehefrau Lisa tödlich. "Brustschuss. Unglücksfall" heißt es lapidar im Totenschein. Zum Hergang in der gemeinsamen Berliner Wohnung hat Fritz Lang stets geschwiegen. Er hat damit ein Vakuum geschaffen, das der Film klugerweise nur umkreist, ohne es bis zur letzten Konsequenz auszumalen. Vielmehr schöpft er aus der Lücke den Mut zur Fiktion - die er aber, wie Lang seinerzeit "M", dokumentarisch grundiert.

"Mashup" heißt die Verschmelzung vorgefundener Artefakte mit neu entwickeltem Content. Was im Web und in der Popmusik schon lange üblich ist, kann im Kino immer noch überraschen. Und niemand handhabt die Einbindung zeitgeschichtlichen Filmmaterials so souverän wie Gordian Maugg. Die authentischen Straßenszenen aus dem frühen 20. Jahrhundert, die Bilder von Weltkriegs- und Straßenschlachten, aus Biergärten und Hinterhöfen und selbst noch die Szenen aus alten französischen Pornos, die "Fritz Lang" zum authentischen Zeitbild machen, sind nicht etwa beliebiges Illustrationsmaterial, sondern integraler Teil der Handlung. An sie knüpfen die dem klassischen "Noir"-Film nachempfundenen Schwarzweißaufnahmen des Kameramanns Lutz Reitemeier ("Das Mädchen Wadjda") nahtlos an.

Die Ambivalenz der Unschuld

Und so versetzt Maugg "seinen" Lang zwecks Recherchen für "M" nicht nur von Berlin nach Düsseldorf, sondern bettet ihn in den Kriminalfall Kürten geradezu ein - am prägnantesten in dem Moment, als Heino Ferch, einkopiert in einen Ausschnitt aus "M", Fritz Lang zum Statisten in dessen eigenem Film werden lässt, während er zugleich auch zum Augenzeugen der "M" zugrunde liegenden Wirklichkeit wird. Die Begegnung mit Polizeikommissar Gennat (von Thomas Thieme gespielt in bester Gert-Fröbe-Manier) wirft ein Schlaglicht auf die eigene dunkle Vergangenheit.

Einen "Augenmenschen" hat der Kritiker Hans Feld den Filmemacher Lang genannt. Seherisch begabt ist er bei Maugg jedenfalls: Seine Monokel verstaut er im Etui, als wären sie Patronen für den stets mitgeführten Revolver, und noch ehe Kürten kriminaltechnisch überführt ist, offenbart er sich dem Künstler in einer Vision. Diese Sicht der Dinge reklamiert Mauggs Film auch für sich, indem er bewusst eine Realität konstruiert, die von der Faktentreue der Kriminalhistorie und Filmgeschichtsschreibung unterscheidet.

"Fritz Lang" ist eben kein handelsübliches Dokudrama. Deshalb macht es auch nichts, wenn sich hier einmal die Spiralschnur an einem Bakelit-Telefon der Dreißigerjahre so anachronistisch ausnimmt wie die scherzhaft vorgeführte Armbanduhr am Handgelenk eines Nibelungen. "Fritz Lang", der Film, stellt ja gerade die Fälschung und Manipulierung von Bildern in den Dienst einer eigenen filmischen Wahrheit. Im Kern geht es bei der Konfrontation des Regisseurs mit dem Serienmörder auch in Mauggs schönem, kleinem schmutzigem Krimi um die Ambivalenz einer Unschuld mit allem äußeren Schein von Schuld. Und andererseits einer Schuld mit allem Anschein von Unschuld.

Im Video: Der Trailer zu "Fritz Lang"

"Fritz Lang"

    Deutschland 2015

    Regie: Gordian Maugg

    Drehbuch: Gordian Maugg, Alexander Häusser

    Darsteller: Heino Ferch, Thomas Thieme, Samuel Finzi

    Verleih: W-Film

    Länge: 104 Minuten

    FSK: ab 12 Jahre

    Start: 14. April 2016

  • Offizielle Website zum Film

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Seite 1
Newspeak 11.04.2016
1. ...
Der Film klingt interessant. Auch die Idee der Vermischung zwischem Realem und Fiktivem ist es an sich. Trotzdem gibt es ein kleines Unbehagen bei mir, wenn man einen Film "Fritz Lang" nennt und dann doch, im Detail, kein Fritz Lang darin ist. Es erscheint dann auch weniger klar, ob der Mashup bewusst inszeniert ist, ob z.B. anachronistische Elemente bewusst die Illusion der Realität heraufbeschwören und exponieren sollen, oder einfach dem Unvermögen, es richtig zu machen, entspringen? Ich bin der Meinung, daß dies einen solchen Film am Ende ruinieren kann, wenn man nämlich gerade nicht die Details richtig hinbekommt. Es mag ja sein, daß die Geschichte auch ganz anders verlaufen sein könnte, oder daß man mit der Ungewissheit von Fakten spielt, nur dort, wo die Fakten unzweifelhaft sind, was spricht dort dagegen, sie genau so zu schildern, wie sie waren? In dem Sinne, daß man nicht nur eine Vorstellung von der Zeit, der Person und ihren Umständen bekommt, sondern wirklich die historischen Fakten dazu. Am Ende wird es noch in 1000 Jahren so erscheinen, als sei Fritz Lang eine Filmfigur und jede Koinzidenz zu einer echten Person, von der man munkelt, daß es sie auch gegeben haben könnte, sei zufällig. Wird man so der Figur Fritz Lang gerecht? Und wenn das nicht beabsichtigt ist, wieso nennt man den Film nicht anders?
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