Burn-out-Filmkomödie Doppel-Ich

Einen so komischen und klugen Film zum Burn-out hätte man vom deutschen Kino nicht erwartet. In "Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?" erhält eine Frau die Chance, ihr Leben mit einer Kopie von sich selbst zu stemmen.

Farbfilm

Was gibt es für tolle Schauspielerinnen in Deutschland, die vom Kino fast völlig unbemerkt bleiben! Nachdem sie jahrelang nur weit unten im Abspann (wenn überhaupt) auftauchte, spielt Lina Beckmann nun, endlich, gleich zwei Hauptrollen - in ein und demselben Film.

Lola Randl, Regisseurin bizarrer Komödien ("Die Erfindung der Liebe"), die viel mit Darstellerkörpern, Verfremdungen und Doppeldeutigkeiten anzufangen weiß, hat Beckmann schon öfter besetzt. Noch nie aber so prominent. Für ihren neuesten Streich mit dem langen Titel setzt sie ganz auf Beckmanns Präsenz, ihre abgehackten Bewegungen, ihre großen Augen, ihre prononcierte Nase, auf die Begeisterung und das Entsetzen, die aus ihrer Mimik gleichzeitig zu sprechen scheinen.

"Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?" klingt nicht nur therapeutisch, der Film ist tatsächlich eine bildgewordene Therapie: Beckmann spielt Luisa, die ironischerweise Paaren bei ihren Problemen hilft (oder helfen soll). Gleich am Anfang bittet sie eines von ihnen darum, sich so gegenseitig aufeinander abzustützen, dass sie gemeinsam eine Brücke bilden.

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"Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt...?": Luisa ist Ann, Ann ist Luisa

Währenddessen telefoniert sie nacheinander erst mit dem Ehemann und dann mit dem Lover, denn natürlich sind auch ihre Probleme zwischengeschlechtlicher Art. Der Mann (Charly Hübner) hat es mit dem Rücken, kann sich plötzlich kaum noch bewegen und muss das Klassentreffen sausen lassen. Der geplante heimliche Wochenendtrip von Luisa mit ihrem Lover (Benno Fürmann), der zugleich der Chef des Ehemanns ist, steht auf der Kippe.

Maßlos naiv und folgsam

Lola Randl hat sich für ihre Protagonistin eine sehr schöne Lösung der Probleme überlegt: Kaum ist der Mann außer Haus, entdeckt Luisa eine Frau in ihrem Bett - keine andere, bessere, schönere Frau, die ihr den Mann streitig machen könnte, sondern in jedem Detail ihr Ebenbild. Irgendwie scheint sich Luisa verdoppelt zu haben und guckt sich jetzt etwas verdattert selbst in die Augen, bevor sie der Zweiten einen Namen gibt: "Ann, so wollte ich schon immer heißen."

Es beginnt harmonisch, denn Luisa wittert gleich die Chance, ihre unliebsamen Pflichten ihrem Double zu übertragen, und Ann ist erst mal maßlos naiv und folgsam. Dass das nicht lange gut gehen kann, liegt in der Natur der Sache und des Genres.


"Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?"
Deutschland, Niederlande 2017

Buch und Regie: Lola Randl
Darsteller: Lina Beckmann, Charly Hübner, Benno Fürmann, Inga Busch
Produktion: COIN FILM GmbH
Verleih: Farbfilm
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 94 Minuten
Start: 8. März 2018


"Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?" ist ein Film zum Burn-out und zur ständigen latenten Überforderung, zu dem Symptom einer Zeit, die Gleichzeitigkeit feiert und sich ihr ausliefert. Bonbonfarben erscheint die Filmwelt, die Randl mit Liebe zur visuellen Überzeichnung inszeniert - in bester Slapstick-Tradition und ganz im Geiste ihrer popkulturellen Referenzen auf Comics. Geradezu scherenschnittartig nehmen sich manche Bilder aus, vor allem aber nutzt Randl die Architektur, um den absurden Verstrickungen ihrer Figuren einen Rahmen zu geben.

Kindisches Benehmen

Halb modernistisch, halb futuristisch angehauchte Fertighäuser verticken Mann und Liebhaber von Luisa, und selbstverständlich leben sie auch in ihnen. Ihre hektischen Versuche, den Alltag irgendwie zu normalisieren, in Bahnen zu lenken, die ihnen Freiheit und Gestaltungsraum geben, stoßen ständig auf die seltsam einschüchternde Weisheit, die aus den Räumen spricht: Hier herrschen nicht die Menschen über sich selbst, nein, die Verlockungen des Andersseins sind längst zur erdrückenden Pflicht geworden. Asymmetrie ist das Leitmotiv, und trist ist die Wirkung.

Umso größer der Spaß, Luisa, Ann und den beiden Männern dabei zuzusehen, wie sie nicht klarkommen darin. Kindisches Benehmen grundiert die Erzählung um erwachsene Fragen wie Alltagsbewältigung, Abenteuersehnsucht und individueller Entfaltung. Die drei Hauptdarsteller geben sich mit vollem Einsatz diesem Spiel hin, das wie selten in deutschen Komödien aus Situationskomik, körperlicher Extravaganz und absurder Wirklichkeitsanalyse besteht.

Für Luisa scheint die Alternative zunächst zwischen dem vermeintlich attraktiven, dafür reichlich steifen Liebhaber oder dem gemütlichen und routinierten Ehemann zu bestehen. Mit Auftritt ihres Doubles aber erhält sie die Chance, alles infrage zu stellen, vor allem sich selbst. Dass sie das vielleicht am allerwenigsten will, das passt wiederum ziemlich gut zur Therapie: Die greift erst, wenn der Wille da ist oder die Erkenntnis, dass die Krise groß genug ist. Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer? Das ist nur der Anfang.

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