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"Full Metal Village": Teufelsanbeter im Paradies

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Headbangen und Kühemelken: Sung-Hyung Cho zeigt in ihrer preisgekrönten Dokumentation "Full Metal Village", wie Horden von Metal-Fans alljährlich zum Rockfestival ins kleine Dorf Wacken einfallen. Ein Heimatfilm der etwas anderen Art.

Bauer ist nicht gleich Bauer. Man braucht sich ja nur mal den Multi-Agrarwirt Trede und den Milchwirt Plähn, beide weit über 60, anschauen: Der eine verschlingt schon beim Frühstück die Börsennachrichten im Fernsehen, um den aktuellen Wert seiner Aktien zu checken, knattert dann auf dem Quadbike über seine Felder und referiert schließlich mit norddeutscher Gewieftheit – "Man muss dem Geld entgegenlaufen!" – über die Agrarwirtschaft der Zukunft. Der andere hockt stoisch auf seinem alten Trecker, steckt sich genüsslich die ungefähr zwanzigste Zigarette des Vormittags an, schaut auf sein glücklich vor sich hin muhendes Vieh und grient: "So macht Landwirtschaft Spaß."

Stundenlang könnte man in diese Widersprüche und Wunderlichkeiten eintauchen, die es in der 1800-Seelen-Gemeinde Wacken zu studieren gibt. Und am liebsten würde man sich gleich im Kinosessel eine Zigarette anzünden, weil die ketterauchenden Charaktere in diesem Film mit solcher gemütlichen Selbstverständlichkeit über die Vorzüge der alten und der neuen Agrarkultur dozieren

Dabei ist die gebürtige Südkoreanerin Sung-Hyung Cho eigentlich doch mit kleinem Filmteam nach Wacken gereist, um einen "Clash der Kulturen" zu dokumentieren. Denn einmal im Jahr werden die Ortsschilder aus Angst vor marodierenden Andenkensammlern abmontiert, die Regale des Mini-Supermarkts komplett mit Sixpacks und Dosenravioli bestückt und von der örtlichen Feuerwehrblaskapelle Heavy-Metal-Lieder einstudiert. Dann fallen junge Menschen in das Nest eine gute Autostunde nördlich von Hamburg ein, um dort drei Tage lang zu Bands wie Kreator, Motorhead oder Cannibal Corpse bis in die glückliche Besinnungslosigkeit hinein die Haare zu schütteln.

Teufelsanbeter im Kaff

Der krasse Gegensatz hat seinen Reiz. Denn kann man sich einen größeren Unterschied vorstellen als den zwischen einem zu höchsten Dezibelzahlen headbangenden Schwermetaller und einem stoisch die Euter einer Kuh zupfenden Bauern? Doch der Regisseurin Sung-Hyung Cho muss während der Recherche zum Film wohl klar geworden sein, dass eigentlich nichts schillernder, geheimnisvoller und exotischer ist als das vermeintlich schlichte Landleben. Mit dem Blick der Ethnografen studiert sie das Dorf und seine Bewohner – und muss zugleich die bitterste Erkenntnis jedes Ethnografen akzeptieren: Geschlossene Systeme gibt es nicht, von Fremdeinfluss unversehrte Studienobjekte sucht man auch im schleswig-holsteinischen Nirgendwo vergeblich.

Dass der paradiesische Urzustand schon lange aufgehoben ist, liegt im Falle von Wacken aber nicht nur daran, dass alljährlich Horden von Teufelsanbetern in das Kaff einfallen. Im Gegenteil, die satanistisch grimassierenden, im Grunde genommen aber vollkommen harmlosen Death-, Black- und Gothic-Metaller bringen den Boden zwar zum Beben, erschüttern die Dorfgemeinschaft aber keineswegs in ihren Grundfesten. Gäste und Einheimische moshen und schunkeln am Anfang der Open-Air-Festlichkeiten sogar gemeinsam beim traditionellen Eröffnungskonzert der Wackener Feuerwehrkapelle.

So stellt der Ansturm der Metaller also für viele Einheimische eine willkommene Ablenkung von der dörflichen Tristesse dar. Denn wer fühlt sich in Wacken denn schon wirklich zuhause? Die beiden halbwüchsigen Mädchen, die sich einen Schuppen zum Fitnessstudio umgebaut haben, um dort für die Modelkarriere trainieren, wohl kaum. Oma Irmchen, die der Regisseurin beim Besuch gedeckten Apfelkuchen reicht, ist offensichtlich ebenfalls mental in den letzten 60 Jahren nicht richtig in Norddeutschland angekommen. Wenn die gebürtige Ostpreußin von der Flucht übers Kurische Haff im Winter 1944/45 erzählt, von Bomben und Ertrinkenden, scheint das gerade erst gestern geschehen zu sein.

Verstörendes Idyll

Und auch der arbeitslose Bauarbeiter, der hier vor der Kamera steht, scheint sich in der Heimat nicht recht heimisch zu fühlen. In den frühen Tagen war er Mitorganisator des Open-Airs, doch er stieg aus, als die Böhsen Onkelz ins Programm gebucht werden sollten – allerdings nicht aus politischen Gründen, sondern wegen der finanziellen Vorleistungen, die die Veranstalter in den Ruin hätten reißen können. Heute lamentiert der Maurer über Polen und Russen, die ihn seiner Arbeit auf dem Bau beraubt hätten.

Die langhaarigen, schwarzbetuchten und eisenbehangenen Metal-Fans indes schweißen die Landbewohner eher zusammen, denn Widersprüche und Ungereimtheiten im dörflichen Miteinander werden durch sie zum Verstummen gebracht. Deshalb ist es nur konsequent, dass Sung-Hyung Cho in ihre Produktion, die als erste Dokumentation mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, die Wackener die meiste Zeit unter sich zeigt, also vor dem großen Open-Air-Ansturm. Der Alltag fördert einfach mehr Wahrheiten zutage als der Ausnahmezustand einmal im Jahr.

Einen Heimatfilm hat die Regisseurin ihr Werk kokett genannt – um darin unerhört leichthändig vom Fremden, vom Verstörenden und vom Unversöhnten innerhalb der kleinen Wackener Welt zu erzählen. Das ländliche Idyll, auch ohne marodierende Schwermetaller bleibt es Illusion.

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Heimatfilm "Full Metal Village": Headbangen auf der Kuhweide


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