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25. Januar 2013, 13:18 Uhr

L.A.-Kinothriller "Gangster Squad"

Der Mörder ist krank, nicht das System

Von Kevin Vennemann

Besser geht's nicht, oder? Ryan Gosling, Emma Stone, Sean Penn - und dazu ein hoch gehandeltes Drehbuch. Und dann das. Der Thriller "Gangster Squad" misslingt gehörig. Ein Blick in die Geschichte des L.A. Noir enthüllt, wie Regisseur Ruben Fleischer ein ganzes Genre ins Reaktionäre kippt.

Das am Reißbrett erdachte Los Angeles war Generationen von Siedlern als von Menschenhand erschaffenes Paradies auf Erden angedreht worden. Hier nun wurde das Paradies demontiert, zur Hölle auf Erden, eine Stadt mit verrotteten Institutionen, korrupt, repressiv, rassistisch. Es regnete, immerzu war Nacht, Strand und Palmen waren nur dann zu sehen, wenn die Dinge noch nicht zum allerschlechtesten standen. Was aber sehr bald der Fall sein würde.

Der US-Historiker Mike Davis prägte vor gut 20 Jahren in seiner legendären Studie"City of Quartz" einen Sammelbegriff für eine ganze Gruppe von Hollywood-Filmen, die ab etwa 1940 entstanden: L.A. Noir.

Raoul Walshs "Nachts unterwegs" (1940) gilt vielen als erster Film des Genres, Billy Wilders "Frau ohne Gewissen" (1944) und Howard Hawks' "Tote schlafen fest" (1946) gehören zu den berühmtesten Beispielen. In den Siebzigern spielten respektvoll modernisierte Neo-Noirs wie Robert Altmans "Der Tod kennt keine Wiederkehr" (1973) und Roman Polanskis "Chinatown" (1974), bevor mit "L.A. Confidential" (Curtis Hanson, 1997) die dritte Genre-Generation begann. Seitdem wurden mindestens acht weitere große Neo-L.A.-Noirs gedreht, darunter Clint Eastwoods "Der fremde Sohn" (2008). Und gerade erst hat ein US-Kabelsender bei den Ex-Produzenten der Zombieshow "The Walking Dead" die Thrillerserie "L.A. Noir" in Auftrag gegeben.

Spätestens seit L.A. Noir gelten Los Angeles allgemein und Hollywood speziell als glitzernde, moralfreie Zone. Und es passt zu diesem Klischee, dass Hollywood es selbst geschaffen hat - und sich nur wenige Genres in der Geschichte Hollywoods als ähnlich beständig erwiesen haben wie dasjenige, das Hollywood ja eigentlich vorführen soll. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als sich 2012 andeutete, dass der junge Regisseur Ruben Fleischer (gefeiert für sein Debüt "Zombieland") mit spektakulärem Ensemble ein Drehbuch umsetzen würde, das lange als besonders heiß gehandelt wurde. Doch die Aufregung war umsonst. Von "Gangster Squad" wird bald nur noch die Rede sein, um auf all die so viel besseren Filme des Genres zu sprechen zu kommen.

Weihnachten 1949. Der Gangsterboss Mickey Cohen (Sean Penn) hat Los Angeles fest im Griff; er hat große Teile der Polizei gekauft, er kontrolliert die Kirchen, das Rathaus, die Gerichte und die Presse, seine Geschäftspartner sind längst vor allem Immobilienentwickler, Telefonanbieter und Vertreter des Transportwesens, mit deren Hilfe er auch das Glückspielwesen an sich zu reißen droht.

Sergeant John O'Mara (Josh Brolin) erhält den Auftrag, eine Undercover-Guerillatruppe aus Cops zusammenzustellen, die Cohen das Leben so lange schwer machen soll, bis er die Stadt verlässt. O'Mara nimmt den Job sofort an - und schon gerät der Film ins Schlingern. Die sechsköpfige Truppe ist schneller zusammengestellt, als wir mitdenken können, manche der Mitglieder sind dabei, ohne dass die anderen oder wir Zuschauer wüssten, wer sie sind und wo sie herkommen. Über die Hauptfiguren, O'Mara und Sergeant Jerry Wooters (Ryan Gosling), erfahren wir, dass sie im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Der eine ist anständiger Kleinbürger und angehender Familienvater, er glaubt sich nach wie vor als kämpfender Soldat. Den anderen, Wooters, hat der Krieg traumatisiert, er ist völlig gleichgültig gegenüber dem Polizeialltag, seine Zeit vertrinkt er als lakonischer Frauenheld in Cohens Bars.

Nur prügeln kann er gut

Das ist alles und nicht viel - über die anderen vier Cops lässt sich nicht einmal dieses Wenige erfahren. Keiner von ihnen scheint Motive für seinen selbst- und ruhmlosen Dienst zu besitzen, keiner hat eine Geschichte, die ihm Tiefe verleihen könnte, sie alle tun, was sie tun, ausschließlich deshalb, weil sie es tun - oder weil Regisseur Fleischer nichts einfiel, um ihr Tun zu begründen.

Die Männer ziehen los, überfallen Cohens Drogentransporte und illegale Casinos, sie plündern Läden, die zur Geldwäsche dienen. Irgendwann schwant Cohen, dass seine geheimnisvollen Widersacher Cops sein müssen, er schlägt zurück, und während eines einstündigen Showdowns zerfällt der Film in eine kaum nachvollziehbare Gewaltorgie, für die auch der wunderbare Abspann aus alten Los-Angeles-Postkarten nicht entschädigt.

Penn ist in Hochform, wie immer. Und er spielt - wie immer - viel zu intensiv, um glaubwürdig zu sein. Zu Beginn der englischen Originalfassung spricht sein Mickey Cohen noch mit wunderbarem Brooklyn-jiddischen Akzent, der plötzlich und unerklärlich verschwindet. Brolin langweilt mit einem O'Mara ohne Kontur, allein prügeln kann er sehr gut. Emma Stone ist als Mädchen, das nach Hollywood gekommen ist, um ein Star zu werden, bemitleidenswert fehlbesetzt. Anthony Mackey, Nick Nolte, Robert Patrick, Giovanni Ribisi und Michael Peña gehen unter. Gosling aber brilliert - und wird mit jedem Film noch besser.

Flucht aus einer verlorenen Stadt

Am Ende ist der hoch gehandelte Herausforderer der Genre-Klassiker eine große Albernheit: wild, riesig, laut, schnell; ein Film, der unbedingt ein moderner L.A. Noir sein will, der auch die Originale kennt und ehrt, denn selbst wenn es nicht ein einziges Mal regnet, gelingt der Nachweis einer ästhetischen Zugehörigkeit. Immerhin.

In anderer Hinsicht jedoch schlägt Fleischer eine völlig andere Richtung ein. Eine der fortschrittlichsten Erkenntnisse des L.A. Noir besteht darin, dass sich der miserable Zustand des Paradieses nicht an einzelnen Gangstern oder korrupten Cops festmachen lassen kann. Eigentlich ohne Ausnahme wissen die Privatdetektive und aufrichtigen Cops des L.A. Noir, dass sie nur die Folgen einer immer schon zugrunde gerichteten Stadt bekämpfen, einer immer schon kaputten Gesellschaft. Nie bilden sie sich ein, mit ihrem kleinen Sieg über einen Mörder, einen Gangsterboss das Problem an der Wurzel gepackt zu haben. Auch wenn sie gesiegt haben, verlassen die Helden meist am Ende fluchtartig das nach wie vor verlorene Los Angeles.

Fleischers Helden aber bleiben. Sie sind glücklich, erleichtert, am Ende sehen wir O'Mara mit seiner Familie lachend am Strand - denn Fleischer glaubt, das Verderben einer ganzen Stadt personalisieren zu können. So ist O'Mara allen Ernstes überzeugt, dass sich in seinem Kampf "um die Seele von Los Angeles" gegen Mickey Cohen, also gegen einen jüdischen Gangster aus Brooklyn, sein Einsatz im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland fortsetze. Verschiedene Mitglieder des Kommandos behaupten, dass sie im Zweiten Weltkrieg um eben jene sehr viel bessere Zukunft gekämpft hätten, die Cohen nun zu zerstören drohe, ja dass Cohen all das zugrunde richte, was in L.A. über Jahrzehnte hinweg mühevoll aufgebaut worden sei.

Dass Cohens Verbrechen ein Symptom und nicht die Krankheit sind, will Fleischer nicht in den Sinn kommen. Mit "Gangster Squad" bringt es Hollywood zum allerersten Mal fertig, Los Angeles von einem Film des L.A. Noir für genauso unschuldig erklären zu lassen, wie sich die Stadt die längste Zeit am besten hatte verkaufen lassen. Nach über 70 Jahren scheint Hollywood seinen lange geduldeten, größten internen Feind zu Tode umarmt zu haben.

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