Gangsterballade "You Kill Me" Der Killer mit dem Mordskater

Trocken werden, um zu töten: John Dahls feinsinnige Krimikomödie "You Kill Me" erzählt von einem Berufskiller, der zum Alkoholentzug verdonnert wird. Ben Kingsley brilliert als trunksüchtiger Todesengel.

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Bei Kinokomödien, die sich um Killer und ihre Arbeit drehen, besteht zuvorderst Gefahr für das Wohl des Zuschauers: Seit Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" den Auftragsmörder als ironisierte Ikone populär machte, musste das Publikum viel zu viel abgeschmackten Gangsterklamauk mit schwarzen Anzügen, Schusswaffen und Sprechblasendialogen ertragen. So ist der vermeintliche Mordswitz in einem durchschnittlichen Film von Madonnas Ehemann Guy Ritchie in etwa so unterhaltsam und originell wie ein Junggesellenabschied am Ballermann.

Umso erfreulicher ist dagegen "You Kill Me" geraten, denn John Dahls feinsinnige Genrevariation verzichtet auf lautstarkes Schenkelklopfen zugunsten einer ebenso amüsanten wie anrührenden Killerballade. Und lässt Ben Kingsley, zweifellos einen der besten lebenden Leinwanddarsteller, mit sichtlichem Spaß einen trunksüchtigen Todesengel spielen.

Denn ohne Alkohol übersteht Frank Falenczyk (Kingsley) nicht einmal das morgendliche Schneeschippen vor seinem Haus in Buffalo. Die weiße Pracht ist auch das Kapital einer eher bodenständigen polnischen Mafiafamilie, die in der chronisch frostigen Stadt am Lake Erie das Schneepfluggeschäft kontrolliert und Frank als Hauskiller beschäftigt. Bislang hat Franks Onkel und Boss Roman (Philip Baker Hall) die Probleme seines Neffen großzügig übersehen, doch als Frank einen wichtigen Auftrag im Rausch verschläft, verbannt ihn die Familie zum Entziehungsprogramm nach San Francisco.

Misstrauen und Misanthropie

In der heiteren und pastellfarbenen Westküstenmetropole sticht der stoische Säufer in seiner schwarzen Wintergarderobe wie ein menschgewordenes Melanom aus Misstrauen und Misanthropie hervor. Zunächst sträubt sich Frank vehement gegen den auferlegten Therapieplan, aber die Verwandtschaft hat mit dem windigen Immobilienmakler Dave (Bill Pullman) einen bissigen Aufpasser engagiert: Will er nicht selbst Teil der Opferstatistik werden, muss Frank den Treffen der Anonymen Alkoholiker beiwohnen und eine Scheinidentität als Leichenkosmetiker in einem Bestattungsinstitut annehmen.

Somit zu sozialer Interaktion gezwungen, trifft Frank zwei Menschen, die sein ganz auf den Tod ausgerichtetes Leben nachhaltig verändern. Da wäre der homosexuelle Tom (Luke Wilson), den Frank bei den AA-Meetings kennenlernt, und der sich als einfühlsamer und vor allem unerschrockener Zuhörer erweist. Und dann trifft Frank bei seiner Arbeit auf die alleinstehende Laurel (Téa Leoni), deren verstorbenen Stiefvater er für die Bestattung aufhübscht.

Zu Franks eigenem Erstaunen kennt die energische junge Frau keine Berührungsängste mit strauchelnden Berufsmördern und lässt sich auf ein Date mit ihm ein. Buchstäblich entwaffnet ob der ungekannten Zuneigung seiner neuen Bekanntschaften, findet Frank durch Freundschaft und Liebe einen Weg aus der Sucht. Im neugefundenen Glück bleibt jedoch das ursprüngliche Therapieziel ein prekäres Problem: Frank soll trocken werden, um wieder töten zu können. Und als die italienische Konkurrenz in Buffalo einen blutigen Verdrängungskampf gegen Franks Familie beginnt, muss der genesene Hitman zwischen alter Loyalität und neuen Gefühlen eine Lösung finden, die nicht für alle Beteiligten im Leichenschauhaus endet.

Ausnahmekünstler Ben Kingsley

"Ich komme aus Buffalo, da ist Trinken etwas ziemlich Naheliegendes", bekennt Frank bei seinem ersten Alkoholikertreffen. Ben Kingsley verleiht dem unaufgeregten Fatalismus seiner Figur äußerst glaubwürdig Gestalt. Am Anfang eine mit Wodka aufgefüllte Hülle eines traurigen Mannes, tastet sich Kingsleys Frank vorsichtig in das menschliche Leben zurück, dass er eigentlich nie hatte.

Die Rolle markiert einen weiteren Höhepunkt im zweiten Karrierefrühling des britischen Ausnahmekünstlers: Nachdem er bereits 2002 in dem formidablen Thriller "Sexy Beast" einen unwiderstehlich missgünstigen, vor überschüssigen Testosteron schier zerberstenden Londoner Gangster geben durfte und im Drama "House of Sand and Fog" (2003) als verbitterter Emigrant überzeugte, kann Ben Kingsley nun erneut beweisen, dass seine schauspielerische Reichweite seit seinem prägenden Auftritt in "Gandhi" (1982) viel zu oft auf perfekt verkörpertes Gutmenschentum beschränkt wurde. Gerade in den brillant gespielten Paarszenen mit der ebenfalls oft sträflich unterschätzten Téa Leoni offenbart er dabei jenen betont hüftsteifen Charme, der schon 1985 die britische Komödie "Ozeanische Gefühle" zu einem Kleinod humoristischen Understatements machte.

Regisseur John Dahl, der früher mit doppelbödigen Neo-Noir-Thrillern wie "Red Rock West" (1992) und "Die letzte Verführung" (1994) reüssierte, hat sich so mit seinem prächtig aufgelegten Ensemble einen beneidenswerten Nischenplatz zwischen klug plazierten Screwball-Pointen und präziser Charakterzeichnung eingerichtet. Bei aller erheiternden Grundmorbidität verneint "You Kill Me" nie die Tragik seiner Geschichte, die aber am Ende trotz der dauerhaften Beschäftigung mit dem Tod eine lebensbejahende, wenn auch keineswegs erwartbare Moral bereithält. Denn im pechschwarzen Panorama dieses rundum gelungenen Kriminalkunststücks strahlt nichts heller als ein Champagnerglas voll Milch, mit dem ein Verlorener seiner zweiten Chance zuprostet.



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