Gefängnisdrama "Hunger": Die Kunst des Grauens
Der preisgekrönte Film "Hunger" des britischen Künstlers Steve McQueen beschreibt den tödlichen Hungerstreik eines IRA-Häftlings in einem nordirischen Gefängnis. Ein schwer zu ertragendes aber ungemein fesselndes Dokument darüber, wozu Menschen fähig sind.
Man muss sich ja freuen, dass dieser Film heute - knapp anderthalb Jahre nach seiner Premiere in Cannes - überhaupt noch in ein paar deutsche Kinos zu sehen sein wird. Merkwürdig allerdings: Schon vor einem Monat kam "Hunger" von Steve McQueen als Leih-DVD auf den Markt, nächste Woche gibt es den Film bereits als DVD zu kaufen. Der kleine Kinostart ist wohl eher als Werbemaßnahme für die DVD zu verstehen und nicht als ernst gemeinter Versuch, mit dem Film auch in dem Kinos Geld zu verdienen. Traurig, eigentlich.
Denn "Hunger" - in Cannes mit der Goldenen Kamera für das beste Erstlingswerken ausgezeichnet - ist einer der bemerkenswertesten Filme, die das britische Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Der Künstler und Turner-Preisträger McQueen hat für sein Spielfilmdebüt ein hoch kontroverses Thema gewählt: den legendären Hungerstreik mehrerer IRA-Häftlinge im nordirischen Gefängnis Maze, bei dem 1981 zehn Insassen starben. Erzählt aus der Sicht ihres fanatischen Anführers Bobby Sands, der nach 66 Tagen der erste Tote war.
Doch hier geht es nicht darum, einem Märtyrer ein Denkmal zu setzen. McQueen zeigt das Grauen auf beiden Seiten des Konflikts.
Der Film beginnt mit einem Blick in den Morgen des Gefängniswächters Ray Lohan (Stuart Graham) - wie er sich das Hemd zuknöpft, sein Frühstück isst und dann mit stiller Routine nachschaut, ob unter seinem Auto eine Bombe versteckt ist. Dann erst der Schnitt ins Gefängnis selbst.
Die IRA-Häftlinge protestieren dagegen, dass sie ihren Status als politische Gefangene verloren haben - mit totaler Selbstverwahrlosung. Sie waschen sich nicht, beschmieren die Wände mit ihren Exkrementen, überall liegen Essensreste, von Maden durchzogen. Die Wärter reagieren mit Knüppelschlägen und Tritten, sie sind ratlos und wütend, verzweifelt. Es gibt nur Wortfetzen, kaum Dialoge, nur brutale, schwer zu ertragende Bilder. Man spürt den maßlosen Hass, der das ganze Gefängnis erfüllt hat, den Gestank, den Ekel.
Erst später wird Bobby Sands (Michael Fassbender) selbst vorgestellt, und mit ihm der Plan des Hungerstreiks. Der Mittelteil des Films nimmt abrupt alle Geschwindigkeit raus, plötzlich sitzen da nur noch Sands und ein Priester (Liam Cunningham) und diskutieren den Sinn des Streiks - ein selbstloses Opfer für ein großes Anliegen, wie Sands findet; oder purer egoistischer Selbstmord, wie es der Priester sieht. Über 16 Minuten hält Regisseur McQueen die Kamera reglos auf das Profil der beiden, ohne Schnitt, als eine einzige zermürbende, seltsam intensive Sequenz.
Danach sieht der Zuschauer Sands beim Sterben zu. Mit bedingungsloser wie fragwürdiger Hingabe hat sich Hauptdarsteller Fassbender dafür so weit heruntergehungert, bis er selbst mehr Skelett als Mensch war. Dialoge geraten wieder in den Hintergrund, einen richtigen Plot gibt es nicht mehr, nur noch die Bilder eines angekündigten Sterbens, kompromisslos und hart. McQueen hat eher einen Kunstfilm geschaffen als einen Gefängnis-Thriller, nie folgt er den Regeln klassischen Erzählkinos. Doch gerade mit diesem leicht verzerrten, künstlerisch-künstlichen Blick gelingt es ihm, umso tiefer in die menschlichen Abgründe vorzudringen.
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- Donnerstag, 13.08.2009 – 08:45 Uhr
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