Gefängnisdrama "Hunger": Die Kunst des Grauens

Von Daniel Sander

Der preisgekrönte Film "Hunger" des britischen Künstlers Steve McQueen beschreibt den tödlichen Hungerstreik eines IRA-Häftlings in einem nordirischen Gefängnis. Ein schwer zu ertragendes aber ungemein fesselndes Dokument darüber, wozu Menschen fähig sind.

Man muss sich ja freuen, dass dieser Film heute - knapp anderthalb Jahre nach seiner Premiere in Cannes - überhaupt noch in ein paar deutsche Kinos zu sehen sein wird. Merkwürdig allerdings: Schon vor einem Monat kam "Hunger" von Steve McQueen als Leih-DVD auf den Markt, nächste Woche gibt es den Film bereits als DVD zu kaufen. Der kleine Kinostart ist wohl eher als Werbemaßnahme für die DVD zu verstehen und nicht als ernst gemeinter Versuch, mit dem Film auch in dem Kinos Geld zu verdienen. Traurig, eigentlich.


Denn "Hunger" - in Cannes mit der Goldenen Kamera für das beste Erstlingswerken ausgezeichnet - ist einer der bemerkenswertesten Filme, die das britische Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Der Künstler und Turner-Preisträger McQueen hat für sein Spielfilmdebüt ein hoch kontroverses Thema gewählt: den legendären Hungerstreik mehrerer IRA-Häftlinge im nordirischen Gefängnis Maze, bei dem 1981 zehn Insassen starben. Erzählt aus der Sicht ihres fanatischen Anführers Bobby Sands, der nach 66 Tagen der erste Tote war.

Doch hier geht es nicht darum, einem Märtyrer ein Denkmal zu setzen. McQueen zeigt das Grauen auf beiden Seiten des Konflikts.

Der Film beginnt mit einem Blick in den Morgen des Gefängniswächters Ray Lohan (Stuart Graham) - wie er sich das Hemd zuknöpft, sein Frühstück isst und dann mit stiller Routine nachschaut, ob unter seinem Auto eine Bombe versteckt ist. Dann erst der Schnitt ins Gefängnis selbst.

Die IRA-Häftlinge protestieren dagegen, dass sie ihren Status als politische Gefangene verloren haben - mit totaler Selbstverwahrlosung. Sie waschen sich nicht, beschmieren die Wände mit ihren Exkrementen, überall liegen Essensreste, von Maden durchzogen. Die Wärter reagieren mit Knüppelschlägen und Tritten, sie sind ratlos und wütend, verzweifelt. Es gibt nur Wortfetzen, kaum Dialoge, nur brutale, schwer zu ertragende Bilder. Man spürt den maßlosen Hass, der das ganze Gefängnis erfüllt hat, den Gestank, den Ekel.

Erst später wird Bobby Sands (Michael Fassbender) selbst vorgestellt, und mit ihm der Plan des Hungerstreiks. Der Mittelteil des Films nimmt abrupt alle Geschwindigkeit raus, plötzlich sitzen da nur noch Sands und ein Priester (Liam Cunningham) und diskutieren den Sinn des Streiks - ein selbstloses Opfer für ein großes Anliegen, wie Sands findet; oder purer egoistischer Selbstmord, wie es der Priester sieht. Über 16 Minuten hält Regisseur McQueen die Kamera reglos auf das Profil der beiden, ohne Schnitt, als eine einzige zermürbende, seltsam intensive Sequenz.

Danach sieht der Zuschauer Sands beim Sterben zu. Mit bedingungsloser wie fragwürdiger Hingabe hat sich Hauptdarsteller Fassbender dafür so weit heruntergehungert, bis er selbst mehr Skelett als Mensch war. Dialoge geraten wieder in den Hintergrund, einen richtigen Plot gibt es nicht mehr, nur noch die Bilder eines angekündigten Sterbens, kompromisslos und hart. McQueen hat eher einen Kunstfilm geschaffen als einen Gefängnis-Thriller, nie folgt er den Regeln klassischen Erzählkinos. Doch gerade mit diesem leicht verzerrten, künstlerisch-künstlichen Blick gelingt es ihm, umso tiefer in die menschlichen Abgründe vorzudringen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Phu
bürger mr 13.08.2009
Zitat von sysopDer preisgekrönte Film "Hunger" des britischen Künstlers Steve McQueen beschreibt den tödlichen Hungerstreik eines IRA-Häftlings in einem nordirischen Gefängnis. Ein schwer zu ertragendes aber ungemein fesselndes Dokument darüber, wozu Menschen fähig sind. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,642077,00.html
Habe den Artikel gelesen (und die Bilder gesehen), muß anmerken daß ich diese Indentifikation mit der Rolle fast schon zum Fürchten finde. Jetzt mal abgesehen von der Realvorlage und den politischen Hintergründen. Werde mir dieses Werk besorgen und bin mal gespannt wie es mich beeindrucken bzw. beeinflussen wird.
2. Auf Thema antworten
chrome_koran 14.08.2009
Zitat von bürger mrmuß anmerken daß ich diese Indentifikation mit der Rolle fast schon zum Fürchten finde.
Es ist aber nicht das erste Mal in der Filmgeschichte, dass sich Schauspieler mit ihren Rollen so weit identifizieren und sich für diese aufopfern. Ist nun mal Knunst, und die verlangt Opfer ;) Für "La passion de Jeanne d'Arc" hat sich die Hauptdarstellerin den Kopf kahl rasieren lassen - im Jahr 1928 keine Selbstverstädigkeit für eine Frau. Von neueren Filmen fällt mir natürlich "El maquinista" aka "The Machinist" ein - da hat sich Christian Bale für seine Hauptrolle bis auf die Haut und Knochen heruntergehungert, nach eigenen Angaben unter strenger ärztlicher Aufsicht. Ganz mal abgesehen von Theater-Theoretikern wie Grotowski & Co., die von den Schauspielern schon mal bedingungsloses Gehorsam verlangten, oder von Experimenatatoren wie Werner Herzog, der schon mal für den Dreh die gesamte Crew hypnotisieren ließ ("Herz aus Glas").
3. xx
Peggy Bundy 15.08.2009
Zitat von sysopDer preisgekrönte Film "Hunger" des britischen Künstlers Steve McQueen beschreibt den tödlichen Hungerstreik eines IRA-Häftlings in einem nordirischen Gefängnis. Ein schwer zu ertragendes aber ungemein fesselndes Dokument darüber, wozu Menschen fähig sind. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,642077,00.html
Mich würde der Film interessieren - als Vergleich zu einem Gefängnisfilm aus dem Jahr 1985 - „Kuss der Spinnenfrau“ mit William Hurt in der Hauptrolle - eine schauspielerische Meisterleistung, für die er einen Oscar gewann. Eindringliche Bilder in einem unvergesslichen Film. Hat der Regisseur die düstere Wirklichkeit ebenso erfolgreich eingefangen, ist der Film sicher sehenswert.
4. falsch!
SchwarzRot 18.08.2009
Ich frage mich oft wo die Leidenschaft, Beobachtungsgabe und Enthusiasmus für das Kino im Spiegel sind. In Hunger geht es nicht um die "Abgründe der menschlichen Seele", sondern um den Hungerstreik von Bobby Sands. Den Hintergrund der Proteste und somit die Grundlage des Films wird im Artikel nicht erwähnt (die Aberkennung deri rechte als politische Gefangene und der damit eingehenden Konsequezen wie z.B Zwangsarbeit, einheitliche Kleidung). Zentrales Motiv des Films ist Widerstand. In solch einer Ausnahmesituation der kompletten Entindividualisierung, ist der einzige Weg ds Widerstands der körperliche, d.h für den "schmutzigen Protest" der IRA-Häftlinge z.B Essenreste zu Brei vor der Zellentür zu verarbeiten und somit die Pisse auf den Wärtergang zu leiten. Wenn Steve McQueen dann einen Wärter zeigt, der in voller Hygiene-Schutzkleidung den Gang von oben bis unten wischt, und das alles in einer einzigen, minutenlangen Einstellung, macht das die Auswirkungen des Widerstands für den Zuschauer erfahrbar. Der Dialog zwischen Priester und Sands ist natürlich auch nicht richtig widergegeben. Die Kommunikation der beiden findet auf verschiedenen Ebenen statt: auf der Argumentations- und der Beziehungsebene. Und es ist eben NICHT eine klischeehaftes "Der Priest kommt mit der Moral, der Freiheitskämpfer mit der Selbstlosigkeit" Gespräch, sondern ein intensiver Gedankenaustausch der innerste Überzeugungen nach außen bringt. Natürlich beinhaltet Sanders Artikel auch inhaltliche Fehler. Er beschreibt nicht die blutigen Knöchel des Polizisten, die faschistoiden Prügelattacken und Methoden der Regierung Thatcher, die explizit gezeigt werden. Auch beinhaltet die lange Dialog-Szene sehr wohl einen Schnitt. Sie fährt in diesem an die Gesichter heran, und macht nach der Körpersprache die Mimik erfahrbar, und damit die Figuren komplexer und nachvollziehbarer. Bekommt man eigentlich Gehalt für solche Artikel, wie den unqualifizierten Humbuk den Herr Sanders hier veröffentlichen darf?
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