Island-Film "Gegen den Strom" Ja, dies ist ein Comedy-Drama-Thriller

Halla ist eine herzensgute Frau - und radikale Naturschützerin: In "Gegen den Strom" verübt die idealistische Isländerin Anschläge auf Stromleitungen. Aktivismus zwischen Lavafeldern und heißen Quellen, skurril!

Pandora

Ob Splattermovie, RomCom oder Biopic: Filmgenres funktionieren als Verkaufsetikett. Mit ihrer Hilfe sollen Zuschauer den Weg ins passende Kino finden, auf dass Verleih und Publikum gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Das Ziel: bloß keine Enttäuschung, gar Erschütterung.

Was aber tun mit einem Film wie "Gegen den Strom", der vom militanten Antiglobalisierungskampf einer lebenslustigen Chorleiterin erzählt? Der als Komödie vermarktet wird, bei der Filmdatenbank IMDb unter "Action" und "Thriller" läuft und den die englischsprachige Wikipedia so umständlich wie ratlos einen "comedy-drama thriller film" nennt?

Regisseur und Autor Benedikt Erlingsson treiben solche Fragen nicht um, in einem Interview verglich er den kreativen Prozess seiner Arbeit mit der Zeugung eines Kindes: Während des Aktes denke man schließlich auch nicht darüber nach, welches Geschlecht der Nachkomme haben wird.

In diesem Fall ist es ein Mädchen: Hauptfigur von "Gegen den Strom" ist die 50-jährige Halla (Halldóra Geirharðsdóttir), die vom beschaulichen Island aus einen globalen Krieg führt. Mit Pfeil und Bogen legt sie regelmäßig Stromleitungen, die die erhabene Natur der Vulkaninsel durchziehen, lahm. Die Sabotageakte schaden vor allem dem heimischen Aluminiumkonzern, dessen Verhandlungen mit einem ausländischen Investor der Umweltaktivistin ein Dorn im Auge sind.

Während wir Halla bei einem ihrer Anschläge kennenlernen und der anschließenden Flucht vor Polizeihubschraubern, schätzt man sie zu Hause in Reykjavík wegen ihres gewinnenden Wesens und der Leitung eines Laienchors. Dass sie zur Probe fürs Sommerkonzert nicht ganz pünktlich erscheint, sieht man ihr gerne nach. Den wahren Grund für ihre Verspätung kennt hier nur Baldvin (Jörundur Ragnarsson), Mitglied der Regierung und heimlicher Mitwisser von Hallas Aktionen.

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Fotostrecke: Eine herzensgute Frau

Trotz ihres bisweilen plakativen Idealismus, von dem Rosa-Luxemburg- und Gandhi-Fotos in ihrer Wohnung zeugen, zieht Erlingsson seine Heldin nie ins Lächerliche. Vielmehr zeigt er leise Sympathie für Halla und spielt die natürliche Absurdität aus, die im Doppelleben der herzensguten Frau mit radikalen Ansichten liegt.

Dennoch ist "Gegen den Strom" deutlich ernsthafter als Erlingssons abgründiger Erstling "Von Menschen und Pferden". Dessen tragikomische Episoden erzählten von lasterhaften Zweibeinern und ihren Gefährten, nicht ohne dabei genüsslich so manches Island-Klischee auszuspielen.

Diesmal dient die Insel vor allem als landschaftliche Folie, vor der Halla ihren Kampf für den Naturschutz ausficht. Zu diesem Zweck eignet sich wohl kaum ein Land Europas besser, eindrucksvoll wirken im Film die meterdicken Gletscherschichten und dampfend heißen Quellen, absolut erhaltenswert die schier endlosen, moosbedeckten Lavafelder.


"Gegen den Strom"
Originaltitel: "Kona fer í stríð"
Island/ Frankreich/ Ukraine 2018
Drehbuch: Ólafur Egilsson, Benedikt Erlingsson
Regie: Benedikt Erlingsson
Darsteller: Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Juan Camillo Roman Estrada
Produktion: Slot Machine, Gulldrengurinn, Vintage Pictures, Köggull Filmworks
Verleih: Pandora Film Verleih
Länge: 101 Minuten
Start: 13. Dezember 2018


Zugleich beruht der Kampf gegen Aluminiumfabriken auf wahren Begebenheiten. Vor einigen Jahren engagierte sich Sängerin Björk mit anderen prominenten Isländern im Rahmen eines "Eco-Konzerts" gegen die industrielle Nutzung der unberührten Natur. Ohnehin scheint Island prädestiniert als Hort gesellschaftspolitischer Utopien, weltweit gilt man als Vorbild in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Dass in Benededikt Erlingssons Film eine Frau für den Naturschutz kämpft, dürfte also kein Zufall sein. Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir, die in ihrer Heimat als Clownin arbeitet, zumeist aber ernsthafte, auch männliche Theaterrollen übernimmt, spielt in "Gegen den Strom" ihre Wandlungsfähigkeit aus: nicht nur im Doppelleben der Protagonistin, zugleich in einer Doppelrolle als Halla und deren Zwillingsschwester Ása, einer Yogalehrerin mit Indiensehnsucht.

Im Video: Der Trailer zu "Gegen den Strom"

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Den gewagtesten Kunstgriff setzt Erlingsson allerdings bei der musikalischen Untermalung ein: Eine dreiköpfige Band spielt ihren Soundtrack in den jeweiligen Szenen live ein. Die Musiker stehen im Hintergrund, wenn Halla die Stromleitungen kappt, wenn sie ihr Manifest verfasst und es als Flugblatt auf Reykjavík niedersegeln lässt.

Ein Verfremdungseffekt, der zunächst tatsächlich auch befremdet, dem Film aber letztlich eine Leichtigkeit verleiht, die bei aller Gesellschaftskritik seine Selbstzuschreibung rechtfertigt: Wir haben es hier - trotz rar gesäter Lacher - eben doch auch mit einer Komödie zu tun. Eigenwillig und mit reichlich Sinn fürs Skurrile.

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