Gender-Forscherin zu Tykwer-Film: "Bisexualität ist ein moderner Mythos"

Tom Tykwers Film "Drei" bringt ein Heilsversprechen für eingeschlafene Beziehungen ins Kino: Wir sind alle bisexuell! Stimmt das? Gender-Forscherin Christina von Braun erklärt im Interview, warum es unseriös ist, Sexualität definieren zu wollen und plädiert für Skepsis gegenüber Zeitgeistmoden.

Tom Tykwers "Drei": Sind wir nicht alle ein bisschen bisexuell? Fotos
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SPIEGEL ONLINE: Alle Menschen sind von Geburt an bisexuell - sagte schon Freud. Und laut dem Kinsey-Report von 1948 sind über 90 Prozent aller Menschen bisexuell. Nun wird rund um Tom Tykwers "Drei" die Idee wieder heiß diskutiert - was ist dran?

Braun: Es scheint mir inzwischen fast eine Banalität zu sein, Bisexualität wird heute als selbstverständlich akzeptiert. Die These kam schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf, lange vor Freud. Das ist kein revolutionäres Thema mehr.

SPIEGEL ONLINE: So mancher mag das durchaus revolutionär finden. Sind wir etwa alle bisexuell und wissen es nur nicht?

Braun: Sobald man zu der Überzeugung kommt, dass die heterosexuellen Normen nicht mehr so evident sind, ist es schwer zu definieren: Wo fängt jemand an, homosexuell zu sein? Ab wann ist jemand bisexuell? Diese Grenzen sind fließend. Haben Sie nie Lustgefühle gegenüber einer Frau und einem Mann empfunden?

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie denn Bisexualität?

Braun: Man kann Bisexualität wahrscheinlich nur ex negativo definieren, als Abgrenzung gegenüber Heterosexualität oder Homosexualität. Positiv lässt sie sich nicht erfassen. Das kann man sehr schön an dem Begriff der "Reinheit" sehen. Das Wort lässt sich nie positiv definieren, immer nur in Abgrenzung zu dem, was unrein ist. So ist es mit der Bisexualität auch. Nur dass die Bisexualität eher das Unreine repräsentiert.

SPIEGEL ONLINE: Wer in sein will, muss bi sein, scheint momentan das Credo. Ist Bisexualität die neue Zwangsheterosexualität?

Braun: Der Begriff der Zwangsheterosexualität nervt mich sowieso. Weil er voraussetzt, dass alle heterosexuellen Menschen irgendwie unter Zwang leben. Ich schlafe gerne mit Männern und ich lasse mir nicht sagen, dass das ein Zwang ist. Das ist genauso bei der Bisexualität. Wenn man von einer zwangsläufigen Bisexualität spricht, wird das zu einem Dogma.

SPIEGEL ONLINE: Verschiedene Studien beschäftigen sich damit, ob Bisexualität eine eigene sexuelle Orientierung ist oder nur eine Übergangsphase - warum?

Braun: Man muss sich klarmachen, dass unsere westlichen Gesellschaften die ersten sind, die so gut wie kein Regulativ für Sexualbeziehungen haben. Sexualität mit Kindern ist das einzige Verbot, alles andere ist freigegeben. Und das schafft in der Gesellschaft einen enormen Wunsch, Kategorien zu haben, an denen man sich festhalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Ebenso versucht die Sexualforschung immer wieder zu beweisen, dass die sexuelle Orientierung angeboren sei. Was meinen Sie?

Braun: Schon Magnus Hirschfeld, Sexualforscher und Mitbegründer der Homosexuellenbewegung, sagte: Homosexualität ist angeboren, deshalb müssten die Gesetze gelockert werden. Das war von ihm, glaube ich, eher taktisch gemeint, weil damals alle an die Biologie glaubten. Sobald man sich über den Einfluss der Kultur auf die Sexualität einig war, kam eben das andere Argument. Jetzt kommen wieder die Biologen, die sagen: "Es ist ein bisschen kulturell und ein bisschen angeboren". Ich finde es unseriös, diese Grenze definieren zu wollen. Unsere Sexualität hat etwas mit dem Körper zu tun und ist zugleich derart kulturell beeinflusst, dass wir das vermutlich überhaupt nicht mehr herausfinden können.

SPIEGEL ONLINE: Im Film müssen die Charaktere lernen loszulassen, sich den Trieben hinzugeben...

Braun: ...das würde ich so nicht sagen. Das meiste Testosteron wird doch heute an der Börse ausgeschüttet, beim Geld. Also ist eigentlich eher das Gegenteil der Fall, Menschen haben weniger Sex, hören weniger auf ihre Triebe. Daher holt sich das Paar die Bisexualität ins Boot, um die eigene Beziehung aufzupeppen. Bisexualität hat so etwas Schillerndes, Aufregendes, Geheimes, eben weil es so schwer ist, sie zu definieren. Und das scheint ein moderner Mythos zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Bisexualität als Strategie, um aus einer langweiligen Beziehung herauszukommen?

Braun: Um aus der Langeweile der Sexualität selbst herauszukommen. Das Paar im Film ist ja nicht langweilig, die beiden haben ein interessantes Verhältnis zueinander, gehen respektvoll miteinander um, haben interessante Berufe. Aber Bisexualität scheint zumindest ein Rettungsanker zu sein. Film ist ja ein kollektives Phantasma und keine Einzelanleitung "Wie rette ich meine Ehe". "Drei" versucht exemplarisch an diesem einen Paar etwas zu zeigen, was einen Nerv in der Gesellschaft, einen gewissen Zeitgeist treffen soll.

SPIEGEL ONLINE: Gelingt das?

Braun: Ich bin nicht sicher. Der Film versucht, Bisexualität als einen Ausweg aus einer nicht so aufregenden Sexualität zu sehen. Aber ich bin nicht sicher, ob Bisexualität das überhaupt noch kann. Ob sie nicht selbst schon Teil dieser ganzen Selbstverständlichkeit der Sexualität geworden ist. Was ich aber an dem Film interessant finde, ist die Tatsache, dass er die Frage der freien Sexualität mit der Reproduktionsmedizin verbindet. Die Trennung von Reproduktion und Sexualität hat die Fortpflanzung verändert - aber eben auch die Sexualität von der Fortpflanzungspflicht freigesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst Filmemacherin. Welchen Film würden Sie über Bisexualität drehen?

Braun: Ich würde vielleicht die Geschichte meiner Freundin erzählen, die Psychoanalytikerin ist und früher mit Frauen zusammen war, manchmal auch mit Männern. Ihre großen Liebesbeziehungen waren mit Frauen. Und dann heiratet sie einen Mann, sie kriegen Kinder, aber irgendwann merkt sie, dass ihr etwas fehlt, sie wird unruhig. Und dann sucht sie sich eine Frau, sie sagt es ihrem Mann, und der sucht sich auch eine andere. Aber ich würde in meinem Film die Frage stellen, inwiefern wir einen Zeitgeist ausleben oder eine unvermeidbare Leidenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Kann man den Unterschied überhaupt erkennen?

Braun: Das ist nicht einfach. Aber wenn ich weiß, woher der Zeitgeist weht, kann ich mir zumindest eine gewisse Skepsis gegenüber dem eigenen Begehren bewahren. Der Zeitgeist scheint mir nicht unvermeidbar.

Das Interview führte Diana Aust

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insgesamt 122 Beiträge
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1. Kmisch!
denosen, 23.12.2010
Diese Diskussion ist schon etwas seltsam! Ich hatte bislang nicht das Gefühl, unsere Mitmenschen werden alle Bi. Im Gegenteil scheint mir (trauriger Weise) die Homophobie noch sehr weit verbreitet. Oder liegt das an verdrängten homoerotischen Fantasien? Schwer zu sagen.
2. Genderforschung?
AUXEROIS 23.12.2010
Zitat von sysopTom Tykwers Film "Drei"*bringt ein Heilsversprechen für eingeschlafene Beziehungen ins Kino: Wir sind alle bisexuell! Stimmt das? Gender-Forscherin Christina von Braun erklärt im Interview, warum es unseriös ist, Sexualität definieren zu wollen und plädiert für Skepsis gegenüber Zeitgeist-Moden. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,736125,00.html
Soso, ein Film über männliche Gelegenheits-Bisexuelle mit ein bisserl Menage-a-3 und Hetero-Fusion. Sind das jetzt leinwandgewordene feuchte Träume eines durchgeknallten Drehbuchautors/Regisseurs? Oder soll die Zielgruppe der zahlungskräftigen Schwulenszene adressiert werden. Fragen über Fragen. Wird sicher preisgekrönt.
3. Nun is' mal gut!
Olaf 23.12.2010
Zitat von sysopTom Tykwers Film "Drei"*bringt ein Heilsversprechen für eingeschlafene Beziehungen ins Kino: Wir sind alle bisexuell! Stimmt das? Gender-Forscherin Christina von Braun erklärt im Interview, warum es unseriös ist, Sexualität definieren zu wollen und plädiert für Skepsis gegenüber Zeitgeist-Moden. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,736125,00.html
Also ich denke mal, wir haben jetzt alle verstanden das wir unbedingt ins Kino gehen sollen, um Herrn Tykwers tollen, neuen Film zu sehen. Aber die das nicht wollen, werden sich auch nicht dadurch überzeugen lassen, dass dieses Thema nun im dritten Thread wieder aufgewärmt wird.
4. Ambisexualität
la borsa, 23.12.2010
Zitat von sysopTom Tykwers Film "Drei"*bringt ein Heilsversprechen für eingeschlafene Beziehungen ins Kino: Wir sind alle bisexuell! Stimmt das? Gender-Forscherin Christina von Braun erklärt im Interview, warum es unseriös ist, Sexualität definieren zu wollen und plädiert für Skepsis gegenüber Zeitgeist-Moden. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,736125,00.html
ist ein Schlagwort, um die Gräben zwischen den Orientierungen zuzuschütten. Mehr nicht. Eines bleibt: Der Mensch will sich Fortpflanzen, dem seine Neigungen letztlich untergeordnet sind - ob er will oder nicht.
5. .
oberteil 23.12.2010
Die Hauptdarstellerin sieht bloed aus, einer der maennlichen Darsteller traegt einen 6-Tage-Bart und immer eine Strickmuetze auf dem Kopf, ausser er tummelt sich mal in warmem Wasser mit seinem Rivalen-Freund. Das soll es sein?
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Drei

Deutschland 2010

Regie: Tom Tykwer

Drehbuch: Tom Tykwer

Darsteller: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow, Annedore Kleist, Angela Winkler, Alexander Hörbe, Winnie Böwe, Hans-Uwe Bauer, Senta Dorothea Kirschner

Produktion: X Filme Creative Pool

Verleih: X Verleih (Warner)

Länge: 119 Minuten

Start: 23. Dezember 2010

Offizielle Website zum Film