Genetik-Thriller "Splice" Engel mit Giftschwanz

Aufruhr in der Petrischale: In Vincenzo Natalis Horror-Thriller "Splice" kreuzt ein Forscherpaar tierisches mit menschlichem Erbgut, schafft eine ebenso betörende wie gefährliche Chimäre - und schlittert in die Katastrophe.

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Da wächst zusammen, was nicht zusammen gehört: Im naturwissenschaftlichen Horror-Thriller "Splice" vermengen ehrgeizige Forscher munter artfremde Gene. Freilich hat derart prometheisches Treiben im Genrekino nicht nur moralische, sondern auch ganz handfeste Konsequenzen. Die zeigt Regisseur und Co-Autor Vincenzo Natali in schrecklich-schönen Bildern, was seinen Film zu einem gelungenen Experiment mit der Angst vor menschlicher Schöpfungshybris macht.

Wie so oft ist der Weg in die Hölle dabei mit guten Absichten gepflastert. Denn die jungen Biochemiker Clive Nicoli (Adrien Brody) und Elsa Kast (Sarah Polley) suchen im Auftrag eines Pharmakonzerns nach potentiellen Heilmitteln gegen Krebs. Ihr unkonventionelles Labor in Toronto firmiert unter dem hübschen Akronym N.E.R.D. (Nucleic Exchange Research & Development), und auch sonst scheint das professionell wie privat liierte Paar denkbar weit entfernt vom Klischee des verrückten Professors.

Als der kommerzielle Druck auf die Wissenschaftler wächst und dem Projekt mangels verwertbarer Ergebnisse die Pleite droht, wagt Elsa ein absolutes No go in der Genforschung: Sie kreuzt tierisches mit menschlichem Erbgut, letzteres pikanterweise ihrem ureigenen Genpool entnommen.

Illegaler Sprössling im Verborgenen

Das so erzeugte Leben entwickelt sich rapide vom amorphen Glibberklumpen im Inkubator zum agilen Organismus mit unverkennbarem Kindchenschema. Clive und Elsa taufen das offenbar weibliche Geschöpf auf den umgedrehten Firmennamen Dren und ziehen ihren illegalen Sprössling im Verborgenen auf. Dren durchläuft mit erstaunlicher Geschwindigkeit weitere Wachstumsphasen und wandelt sich von der wissbegierigen Schülerin zu einer rätselhaft betörenden Chimäre: Sie verfügt über engelsgleiche Flügel und einen höllisch gefährlichen Schwanz mit Giftstachel, doch sind es ihr apartes Antlitz sowie die darin abzulesenden Gefühlsregungen, die ihre selbsternannten Eltern immer mehr die Distanz verlieren lassen.

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Genetik-Thriller "Splice": Betörend schöne Chimäre
Während Dren die Grenze zwischen hilflosem Forschungsobjekt und selbstbewusstem Subjekt überwindet, werden die Schöpfer zunehmend von Affekten und Emotionen geleitet. Das führt die fragile Kleinfamilie auf bizarren Umwegen in eine Katastrophe, in der Sex und Tod eine fatale Nähe pflegen und weder Regeln noch Tabus gelten.

Dass die Chemie in Natalis beklemmendem Kammerspiel stimmt, ist zuvorderst der Besetzung zu verdanken. Mit Adrien Brody und Sarah Polley haben sich zwei herausragende Charakterdarsteller für das tragische Forschergespann gefunden, und beide bleiben wider allen physischen und psychischen Ungeheuerlichkeiten glaubwürdig. Ebenso überzeugt Delphine Chanéac, die dem Wesen Dren ein anrührendes Gesicht und markante Persönlichkeit verleiht. Die schauspielerischen Leistungen des Trios überstrahlen denn auch die - durchaus wirkungsvollen - Effekte, was in einem allzu oft auf visuelle Reizmomente reduzierten Genre immer bemerkenswert ist.

Schon 1997 konnte Vincenzo Natali mit seinem klaustrophoben Science-Fiction-Würfelspiel "Cube" einer vertrauten Verschwörungsparanoia überraschend neue Seiten abgewinnen, und bereits damals erwies sich die inszenatorische Selbstbeschränkung auf wenige Sets und Figuren als Stärke.

Körperentfremdet und reizüberflutet

Nun reiht sich der Filmemacher in die Erbfolge seines Landsmanns David Cronenberg ein, dem kanadischen Übervater des Body Horror. Gerade Cronenbergs frühe, düstere Phantasmagorien von "Shivers" (1975) bis "Videodrome" (1983) formulierten in drastischen Gewalt- und Sexszenarien eine unversöhnliche Zivilisationskritik, welche mit bitterbösem Humor die humanistische Aufklärung verhöhnte. Diese filmgewordenen Alpträume einer ebenso körperentfremdeten wie reizüberfluteten Konsumgesellschaft hallen wider, wenn in "Splice" verdrängte Ängste, Sehnsüchte und Begierden die Versuchsanordnung kontaminieren.

"Wenn Gott nicht will, dass wir sein Reich erkunden, warum hat er uns dann eine Karte gegeben?", fragt Elsa an einer Stelle spöttisch. Dass zwischen Erkenntnisdrang und Ethik ein unauflösbares Dilemma liegt, ist da nur die vordergründige Lektion. Weit schwerer wiegt dagegen das monströse Moment, das der Mensch aus dem Selbst heraus seinen Schöpfungen einpflanzt.

Den Feind nicht mehr in der fremden Kreatur, sondern im eigenen Innersten zu verorten, ist darum eine ebenso hellsichtige wie beunruhigende Pointe. Und wie schon in James Whales unerreichtem "Frankenstein" aus dem Jahr 1931 gehören die Sympathien des Publikums zu Recht dem missverstandenen Geschöpf, das idealisierte Wunschprojektionen und grausame Willkür ertragen muss.

Denn erst Drens Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe machen sie so bedrohlich für ihre Gegenüber, die sich den eigenen emotionalen Defiziten nicht stellen können. So ist es letztlich kein intellektuelles Versagen, das den Horror heraufbeschwört, sondern die Unaufrichtigkeit des Herzens.

Deshalb betont "Splice" zum Schluss erneut jene Ambivalenz, die das Experiment Mensch von Beginn an so unberechenbar machen: Das Gute und das Grauen, beides liegt uns in den Genen.

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