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"Genug": Ohrfeige für den Zuschauer

Von Oliver Hüttmann

Der Regisseur Michael Apted hat mit "Genug" ein fades Sozialdrama über den Kampf zwischen den Geschlechtern geschaffen. Auch Jennifer Lopez, die ohnehin bisher als Schauspielerin weniger von sich reden machte, kann als gepeinigte Ehefrau den Film nicht retten.

Lopez in "Genug": Durchaus profundes Schauspieltalent
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Lopez in "Genug": Durchaus profundes Schauspieltalent

Ist der Film gut, fällt Jennifer Lopez kaum auf. Etwa wie bei Steven Soderberghs stilisiertem Ganovenstück "Out Of Sight", wo sie an der Seite von George Clooney eine Polizistin spielt. Und im visuell geprägten "The Cell" bleibt sie letztlich nur Teil der Ausstattung. Ist der Film schlecht, fällt sie allerdings auch nicht auf. Denn ihr durchaus profundes Schauspieltalent ist zu beschränkt, um alleine Größe zu entwickeln. "La Guitarra" wird sie von Männern gerufen, die ihre ausladenden Hüften erotisch finden. Prominent wurde J.Lo dann als Sängerin von so genanntem Latin-Pop und als Freundin des Gangsta-Rappers Sean "P. Diddy" Combs. Auch in diesem Jahr hatte sie wieder Hits. Von ihren Filmrollen indes nimmt kaum einer Notiz.

So kann man sich denken, warum sie der Part einer betrogenen, geprügelten und verfolgten Mutter in "Genug" reizte. Das klingt nach charakterstarkem Sozialdrama, einem Aufschrei und Plädoyer an die Gesellschaft. Die Kellnerin Slim lernt den charmanten Bauunternehmer Mitch (Billy Campbell) kennen, als er sie vor einem aufdringlichen Gast bewahrt. Die beiden heiraten, ziehen in eine romantische Villa und bekommen eine Tochter. Glück wie aus dem Bilderbuch also. Einige Jahre später entdeckt sie jedoch, dass er eine Affäre hat, und es ist wohl nicht seine erste. Sie stellt ihn zur Rede, doch Mitch interessieren die Gefühle seiner Ehefrau gar nicht. Als sie wütend wird, verpasst er ihr eine Ohrfeige. Slim geht zur Polizei, die aber wegen eines Veilchens nicht einschreiten will. Also ergreift sie mit Töchterchen Gracie die Flucht, die Mitch mit der Waffe in der Hand noch zu verhindern versucht.

"Genug": Figuren sind Klischees
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"Genug": Figuren sind Klischees

Zunächst fährt Slim nach New York zu ihrem Ex-Freund Joe (Dan Futterman). Weil dort von Mitch angeheuerte Schläger auftauchen, legt sie sich panisch in einem idyllischen Provinzkaff eine neue Identität zu. Mit Hilfe des korrupten Cops Robbie (Noah Wyle) spürt Mitch sie nach einigen Monaten wieder auf. Und da ihr ein Anwalt wenig Hoffnungen macht, im Falle einer Scheidung das Sorgerecht zu erhalten, bleibt nur ein Ausweg: Sie muss Mitch töten. Deshalb trainiert sie eine Kampfsportart namens Krav Maga ­ ziemlich umständlich für einen Mord, aber gedacht als Revanche für die Backpfeife und auch plattes Symbol für den ewigen Kampf zwischen dem schwachen und starken Geschlecht im reißerischen Showdown.

Szene aus "Genug": Betrogene, geprügelte Mutter
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Szene aus "Genug": Betrogene, geprügelte Mutter

"Genug" vereint die Geschlechterrollen aus Julia Roberts erschrockenem Erwachen bei "Der Feind in meinem Bett" und Charles Bronsons Selbstjustiz in "Ein Mann sieht rot". Letzterer war eine kühle Provokation. Regisseur Michael Apted ("Enigma") aber hält weder den Thrill durch noch das exemplarische Mitgefühl für alle vom Mann gepeinigten Mütter der Welt. Das juristische Unrecht wird nur angerissen, die Figuren sind Klischees. Mitch repräsentiert das Feindbild, er muss verschlagen agieren und psychopathisch brüllen. Hier wird nichts erklärt, nur abgebildet und selbst das auf billige Weise und ohne stilistische Inspiration. "Genug" ist eine Zumutung, eine Ohrfeige für jeden Zuschauer.

Erschütternd ist vor allem auch, dass Nicholas Kazan das Drehbuch geschrieben hat. Sein Vater ist immerhin Elia Kazan, Regisseur von spannenden Sozialdramen wie "Endstation Sehnsucht" und "Faust im Nacken". Und warum Juliette Lewis sich als Slims Freundin für zwei Sätze und ein Lächeln hergibt, bleibt ein Rätsel. Denn sie hat eine Präsenz, die auch schlechte Filme retten kann.

"Genug" ("Enough"), USA 2002. Regie: Michael Apted; Drehbuch: Nicholas Kazan; Darsteller: Jennifer Lopez, Billy Campbell, Juliette Lewis, Noah Wyle, Dan Futterman; Länge: 114 Minuten; Produktion: Irwin Winkler; Verleih: Columbia; Start: 19. September 2002.

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