S.P.O.N. - Der Kritiker: Das Kino kann gerade nicht

Eine Kolumne von Georg Diez

Tja, woran liegt es? Ist der Ton zu laut? Sind die Bilder zu farbig? Oder zu verwackelt? Wohl eher nicht. Klar ist jedenfalls: Der Film steckt in einer Krise. Oder waren Sie vor kurzem im Kino und haben sich danach den ganzen Abend darüber angeregt unterhalten? Eben.

Ist eigentlich auch der Film in der Krise, nur mir hat noch niemand Bescheid gesagt? Und wie sähe sie dann aus, diese Krise? Ach: Krise, Krise, langsam liebe ich dieses Wort, Krise, Krise, überall Krise - wie sähe sie also aus? Reicht es schon, dass man sich langweilt? Oder gibt es einen tieferen Grund?

Früher, also ungefähr vor zwei Jahren, haben sich ja alle immer über Filme unterhalten, wenn sie abends irgendwo eingeladen waren und die Unterhaltung sich so dahin schleppte. Das war das Thema, auf das sich alle einigen konnten, und es war im Grunde immer das Zeichen, dass es Zeit war zu gehen - heute unterhalten sich alle über amerikanische Fernsehserien oder eben die Krise, also die Krise der Krise: Der Film, so scheint es, versinkt langsam im 20. Jahrhundert, wo er geboren wurde und wo er bleibt.

Woran aber liegt es? Daran, dass der Ton mal wieder zu laut ist? Dass die Bilder mal wieder zu farbig oder zu verwackelt sind? Dass einem mal wieder die Wirklichkeit oder die Künstlichkeit in ihrer ganzen eineinhalbstündigen Art um die Ohren gehauen wird? Dass die Erzählung mal wieder knarzt, weil die Geschichte sich ganz offensichtlich so abspielt, wie sich die Drehbuchautoren sich das so vorstellen, in ihrer Allmachtstellung?

Dabei ist Gott doch tot, und auch der Gott als Drehbuchautor. Ich habe in den vergangenen Wochen Filme gesehen im Flugzeug, auf dem Computer, unter offenem Nachthimmel, an einem regnerischen Nachmittag in Paris und in einem kleinen Vorführsaal in Berlin. Aber neu und berauschend war nur der Abend im Offenen, es war noch sommerlich warm, als ich einen Film sah, den ich lange nicht verstand, ich war zufällig vorbei gekommen, die Leute saßen auf langen Bänken im Freien, ich trank einen Gin Tonic und starrte auf die große Leinwand, es war in Moskau, das kam vielleicht noch dazu, und erst nach und nach begriff ich, dass der lustige Typ mit dem Bart dort der großartige Vincent Gallo war, der Englisch sprach, während die anderen Italienisch sprachen, die Bilder waren schön und schwarz-weiß, sie blieben lange stehen und zeigten mal eine karge Insel, mal eine dünne, halb nackte Frau, die Kaspar Hauser hieß.

Der Film sucht Halt im Theatralen

Alles war hier anders als sonst: Es roch nicht nach Popcorn, ich wusste nicht, was mich erwartet - und vor allem wusste auch der Film nicht: Was er wollte, an wen er sich richtete, er kannte sein Publikum nicht, er kannte seine Geschichte nicht, er war frei und voller Geheimnisse und zeigte doch nur ein paar Menschen, die oft und sehr lange zu elektronischer Musik tanzten. Die Bilder waren dabei zugleich nüchtern und von sich selbst berauscht, wie der ganze Film, "La leggenda di Kaspar Hauser" von Davide Manuli, es war, als ob Ingmar Bergman ein paar Pillen zu viel genommen hätte, es war roh und direkt und klug, wie Kaspar Hauser eben, und so ganz anders als all die Filme, die sich immer noch an ihrer Geschichte abarbeiten, an Erzählung, Psychologie und einer Kunstform, die eben doch mittlerweile sehr alt ist.

Und die das nicht so recht wahrhaben will. Der Film, diese Kunst der Schnitte, der Sprünge, der Auslassungen und Ellipsen, versucht immer noch, an einem Ort, dem Kino, in einer Zeit, 90 Minuten plus minus, eine Geschichte zu erzählen. Die Videokunst in Museen und Galerien und auch einige Literatur, hat man den Eindruck, sind da viel weiter, viel freier, viel mehr im 21. Jahrhundert angekommen, mit seinem verwirrenden Reichtum, seiner faszinierenden Neuigkeit: Der Film, dort, wo er gelobt werden will und gelobt wird, geht eher zurück und sucht Halt ausgerechnet im Theatralen.

Michael Hanekes "Liebe" etwa ist ein Kammerspiel wie von Strindberg. Und "Holy Motors" von Leos Carax macht das Rollenspiel selbst zum Thema, zeigt die Kostümierung der Wirklichkeit und den Fundus unserer Erfahrungen - mich hat das an eine Passage aus dem großartigen Buch "Das Jahrhundert" von Alain Badiou erinnert. Es geht um das 20. Jahrhundert, "das den Begriff der Inszenierung erfunden hat", schreibt der Philosoph Badiou: "Es macht das Denken der Aufführung selbst zur Kunst".

Statisten-Casting als Dauerzustand

Badiou findet im Theater, in der Inszenierung, in der Bühne einen Kern, einen Begriff des Politischen, was vielleicht auch Lars von Triers theatrale Anwandlungen erklärt. "Eine Frage wird ständig erörtert: In welchem Bezug steht das individuelle Schicksal zum historischen Ansturm der Massen", schreibt Badiou. "Dem zwanzigsten Jahrhundert stellt sich wieder die Frage des Chors und des Protagonisten, sein Theater ist mehr griechisch als romantisch."

Wenn der Film zum Theater zurückkehrt, sucht er dann das: das Politische, was auch immer das heute sein kann? Eine Relevanz und Dringlichkeit, die ihm abhanden gekommen ist?

Einen Film immerhin habe ich gesehen, der sich der Krise stellt, der Krise des Films als Film, in seiner Hybris, in seiner Kaputtheit, in seiner Manie: Das war der manische, kaputte, hybride Film "Klappe Cowboy!" von Timo Jacobs, klein und das Gegenteil von Kunst ist dieser Film und damit frei dafür zu zeigen, wie verfangen der Film in sich selbst ist. Da ist kein Glamour, nur Großmäuligkeit, da ist keine Verzauberung, nur Verzweiflung, da wird Wirklichkeit hergestellt, weil sie hergestellt werden muss, es geht halt nicht anders, das Statisten-Casting als Dauerzustand.

Und so billig sich dieser Film auch zeigt, er ist doch nah an dem, was Badiou, aus anderen Gründen, so formuliert hat: "Das Theater ist ein Apparat zum Konstruieren der Wahrheiten."

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1. Machen Sie sich keine Sorgen:
andy_lettau 05.10.2012
Anfang November findet Kino und Film wieder statt. Dann kommt der neue Bond.
2. Was soll denn gedreht werden?
peeka 05.10.2012
Es gibt eben keine Themen, die neu wären, keine Themen, die noch aufregen, es kann keine Darstellung im Film mehr geben, die jenseits des Mainstreams spielt, weil inzwischen jede Meinung und jede Gegenmeinung zur Meinung längst Mainstream geworden ist. So bleibt das Genre Film noch als Prekariatsunterhaltung oder als Neuverfilmung eines ohnehin bekannten Stoffes. Ich werde mir als nächstes wohl "Der Fluss war einst ein Mensch" anschauen, ohne wirklich spektakuläres zu erwarten. Aber eine schlechte Kritik auf den Film ob der Erzählweise, die dem Kritiker nicht stringent genug erschien, macht das Werk dan interessant. Ansonsten haben wir doch alles schon einmal durch: Die DDR-Jugend wird heute nicht besser erzählt als in "Die Wunderbaren Jahre" aus den 1980ern, die DDR-Komödien haben wir zum Glück hinter uns. Die RAF hatte noch ein paar Aufreger, aber wohl auch nur, weil die Erregten damals nicht Margarete von Trotta gesehen haben. Die BRD-Nachkriegsgeschichte haben Fassbinder und Co. erzählt, die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts in einem insgesamt wohl eine Woche dauernden Film in drei großen Teilen mit "Heimat" Edgar Reitz. International haben wir auch alle Konflikte hundertmal im Kino gesehen, und ob Irak die gleichen Stories wie Vietnam hergeben wird, mag bezweifelt werden. Naturfilme hatten wir jetzt in den letzten paar Jahren, weil die Technik mehr hergibt als weiland Koyaanisqatsi. Redende Schweine will keiner mehr sehen, ein schwuler Kommissar der kifft wäre heute tatortkompatibel. Wenn man sich um den Film Sorgen macht, müsste man erst einmal beantworten können, was denn bisher nicht gedreht wurde. Warten wir also auf die Spielfilme aus dem arabischen Frühling. Etwas anderes fällt mir im Moment nicht ein.
3. Krise von Film und Gesellschaft
Spiegelkritikus 05.10.2012
Zitat von sysopTja, woran liegt es? Ist der Ton zu laut? Sind die Bilder zu farbig? Oder zu verwackelt? Wohl eher nicht. Klar ist jedenfalls: Der Film steckt in einer Krise. Oder waren Sie vor kurzem im Kino und haben sich danach den ganzen Abend darüber angeregt unterhalten? Eben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/georg-diez-der-film-in-der-krise-und-die-rueckkehr-zum-theater-a-859670.html
Warum sollte ausgerechnet der Film nicht in einer Krise stecken, wo doch unsere gesamte Gesellschaft und die Eurozone mit einer selbigen konfrontiert sind? Das Sein spiegelt mit dem Bewußtsein logischerweise auch den Film und dieses bzw. dieser paßt nicht mehr so recht zur heutigen Realität. Mit anderen Worten: gesellschaftliches Bewußtsein und Film sind auf breiter Basis antiquiert, sie wurden von der gesellschaftlichen Wirklichkeit überholt. Dieses Phänomen ist allerdings mitnichten neu, es gehört zur Geschichte wie technische und soziale Revolutionen. Natürlich können menschliches Denken bzw.Bücher, Theater und Filme auch in die Zukunft ausgreifen, man denke an Science Fiction, doch bleiben diese Ausblicke immer virtuell und hypothetisch, also letztlich unverbindlich. Theater und Kino sollten in der heutigen, prekären Zeit wieder stärker kritische politische Inhalte transportieren, die Menschen sind insbesondere die ideologisch durchsetzen amerikanischen Kino- und Fernsehprodukte satt. Gerade die Europäer spüren, daß da etwas Grundlegendes nicht stimmt: der Realitätsgehalt. Es wäre daher sicherlich kein Fehler, sich auf Brechts episches bzw. dialektisches Theater zu besinnen und dieses für Theater und Film weiter zu entwickeln. Unsere im Interesse der Herrschenden manipulierten und organisierten Gesellschaften lechzen im Grunde nach Aufklärung und Kritik als Basis für informierte Veränderung! Die Kunst muß dabei ihren Beitrag leisten.
4. optional
humanimal 05.10.2012
Also für inhaltlichen Schrott zahle ich keine 12 €. Dann ist auch egal wer da mitspielt. Mein aktuell bestes Beispiel ist der 3. Teil der momentanen Batman-Serie. In 2 Teilen schön aufgebaut, und im 3. wieder alles zu nichte gemacht, mit hollywoodbekanntem Sprücheklopfen. Nein danke..
5.
_derhenne 05.10.2012
Hmmm, nähert sich "Der Kritiker" dem Medium Film nur auf künstlerischer Ebene, oder gibt er sich auch zufrieden, wenn ein Film nur hinreichend unterhält? Das ergibt sich für mich nicht aus dem Artikel. Fakt ist: Momentan ist's egal von welchem Standpunkt aus (Kunst/Unterhaltung) man die Ergüsse bewertet, ein "Gut" kommt selten dabei rum. Es wird einfach zuviel "auf Zielgruppe" produziert, aber wem soll man es verübeln? Wer möchte schon das unternehmerische Risiko eines mutigen, vielleicht komplexen, vielleicht auch schweren oder gar schwermütigen (oh Gott!) Films tragen, wenn er auch einfach Resident Evil 5 für die Nerds produzieren kann? Es wird Zeit dass dieser ganze Pomp und Kitsch (nichts anderes ist es heute) in unseren Kinos floppt, vielleicht ist dann wieder mal Platz für Neuerungen, eine neue Nior-Welle wäre wunderbar. :) Ich zieh mir jetzt Taxi Driver rein. Oder The Deer Hunter.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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