Buch zu "Nymphomaniac" Georg Seeßlen füllt einige Löcher

Pünktlich zum Kinostart von "Nymphomaniac Vol. 2" erscheint Georg Seeßlens Abhandlung zu Lars von Triers vermeintlichem Porno-Projekt. Und passend zum Film füttert das Buch mehr die Neugier an, als dass es eine befriedigende Analyse böte.

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Filmplakat zu "Nymphomaniac"

Filmplakat zu "Nymphomaniac"


Ein Buch über einen Film zu schreiben, während dieser noch durch die Arthouse-Kinos tourt, hat etwas Gehetzt-Gieriges. Da es sich bei dem Film um Lars von Triers "Nymphomaniac" handelt, erscheint das aber passend - schließlich hat der Film Lust, Gier und Entsagung zum Thema. Und wenn man dann noch bedenkt, dass der Film mit seinen zwei Teilen und ihren diversen Schnittfassungen beim Publikum auch noch den Wunsch nach mehr, mehr, mehr nährt (schon länger wird spekuliert, ob die Langfassung des zweiten Teils demnächst in Cannes läuft), dann kommt es zum endgültigen Kurzschluss zwischen dem Film, seinem Konsum und seiner Kritik.

Georg Seeßlens Abhandlung "Lars von Trier goes Porno. (Nicht nur) über Nymphomaniac" ist das besagte Buch. Es ist am 3. April bei Bertz & Fischer erschienen, also an dem Tag, an dem auch "Nymphomaniac Vol. 2" in die deutschen Kinos kommt, und es ist, um ein letztes Mal die Parallelitäten zu bemühen, genauso heterogen und lohnenswert wie der Film: Auch im Buch sind die Kapitel nur lose verbunden, aber gehaltvoll genug, um allein zu stehen.

Seeßlen beginnt mit der ausuferndsten Frage, nämlich der nach dem Wesen des Filmemachers ("Who the fuck is Lars von Trier?"), und endet beim engsten Fokus, nämlich der detaillierten und chronologischen Beschreibung des Films. Das erste Kapitel liefert eine kompakte Einführung in den "Lars-von-Trier-Kosmos", daran schließt sich "ein offenes Theorem über Pornografie und Film" an, das eine kluge Analyse der Bedeutung von pornografischen Bildern im Film und in der neoliberalen Gesellschaftsordnung bietet.

Mehr Hardcore als Porno

Am produktivsten erscheint dabei die Unterscheidung zwischen Hardcore (explizite Bilder) und Pornografie (ebensolche Bilder, aber mit dem Potential zur sexuellen Stimulierung versehen). Ohne kategorisch ausschließen zu wollen, dass der Sex in Triers Filmen nicht auch erregend wirken kann, lässt sich wohl doch verallgemeinern, dass sie mit ihren Verstümmelungs-, Vergewaltigungs- und Züchtigungsszenen deutlich mehr Hardcore als Porno sind. (Ganz führt der Buchtitel aber nicht in die Irre, denn das nächste Kapitel beschäftigt sich mit dem kurzlebigen und allgemein als gescheitert geltenden Projekt der feministischen Pornos, die Ende der neunziger Jahre unter dem Dach von Triers Produktionsfirma Zentropa entstanden.)

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Lars von Triers "Nymphomaniac": Obsessionen einer Frau

Immer noch nicht beim buchstiftenden Film angekommen, liefert das mittlere der sieben Kapitel indes eine grandiose Analyse der Frauenfiguren in Triers Filmen. Von den männlich dominierten Wissensystemen Religion und Vernunft den Status als Opfer (victim) zugewiesen, wenden die Frauen in "Breaking the Waves" oder "Dancer in the Dark", "Melancholia" oder "Antichrist" diesen Status sowohl gegen sich als auch gegen die Systeme und deuten ihre Handlungen eigenmächtig zu Opfern (sacrifes) um. Haben die Frauen mit dieser (Selbst-)Zerstörung etwas gewonnen? Nein, aber - und das ist nach Seeßlen die Pointe von Triers "erregendem Nihilismus" - er gönnt es ihnen, wenn sie die Welt mit sich in den Abgrund reißen.

Aber wie passt nun die selbsternannte Nymphomanin Joe aus "Nymphomaniac" (in jungen Jahren von Stacy Martin, später von Charlotte Gainsbourg gespielt) in dieses Schema hinein? Ist sie eine Variation dieser bekannten Frauenfiguren und damit in Seeßlens Deutung wieder ein Alter Ego von Trier? Vieles deutet darauf hin, dass dem nicht so ist und in "Nymphomaniac" vielmehr zwei Alter Egos, nämlich sowohl Joe als auch ihr williger Zuhörer Seligman (Stellan Skarsgård), als Ich und Über-Ich in Widerstreit miteinander treten. Diese Ansicht hat nicht zuletzt Stellan Skarsgård selber in einem sehr lesenswerten Interview mit der Website "The Dissolve" vertreten.

Solche radikalen Gedankespiele finden sich in Seeßlens Band leider nicht. Zwar gibt er gleich zu Beginn zu erkennen, dass er sich Triers Spiel mit den Genres und Kategorien bewusst ist und jede Selbsteinschätzung des Regisseurs immer auch ein (Selbst-)Betrug ist. Dennoch hangelt sich Seeßlen die meiste Zeit an dessen Vorgaben entlang. Eine Beweisführung, warum es sich zum Beispiel bei Triers letzten drei Filmen um eine Trilogie und darüber hinaus auch noch um eine "Trilogie der Depression" handeln soll, steht weiterhin aus. Zu einem ähnlichen Schluss scheint auch Seeßlen selbst zu kommen, wenn er die drei Filme am Ende erschöpft zur "Charlotte-Gainsbourg-Trilogie" zusammenfasst.

Schnee verweist auf Schnee

Doch vom (Re-)Produzieren von Kategorien und Aufzeigen von filmübergreifenden Zeichensystemen mag Seeßlen nicht lassen, wie die drei letzten Kapitel bezeugen. Wenn es in "Nymphomaniac" schneit, muss das in Beziehung zu ähnlichen Wetterlagen in "Melancholia" und "Antichrist" stehen. Die Hypersensibilität für Bezüge und Zeichen schlägt zum Teil tolle Perspektiven zwischen den verschiedenen Filmen frei (hat er nicht schon in "Idioten" die Wirkung von Hardcore-Bildern untersucht?). Gleichzeitig wirft sie zwei Probleme auf. Denn würden alle Deutungen gleich stark präsent sein, wäre der Film ein ungenießbar überdeterminiertes Etwas - was Seeßlen natürlich weit von sich weisen würde.

Es bedarf also einer Qualifizierung der Zitate, doch diese wird nicht geliefert - womöglich weil sie mehr Brüche als Kontinuitäten offenlegen würde. Nur ein Beispiel für eine signifikante Bruchstelle: Im zweiten Teil von "Nymphomaniac" reproduziert Trier den Prolog aus "Antichrist" fast identisch. Ein so ausgiebiges Selbstzitat hat es in seinen Filmen noch nicht gegeben, und auch wenn es die Wucht der Originalszene überschreibt und damit als Selbstnegation gesehen werden kann, wirkt es letztlich reizlos eitel.

Wie kann das sein bei einem Regisseur, den bislang nichts so schnell langweilte wie die eigenen Methoden und der deshalb nur einen einzigen Film nach den selbstgewählten Dogma-Regeln drehte? Tut sich hier ein kreativer Abgrund auf? Was kann man von Trier nach "Nymphomaniac" noch erwarten?

Ausgerechnet der Frage nach dem Stellenwert des Films im Werk des Regisseurs, also der drängendsten Systematisierung, weicht Seeßlen aus. Zwar nennt er eingangs als Perspektive seines Textes die Erkenntnis, "ob sich das alles als nächster Coup im Lars-von-Trier-Kosmos auflöst oder in der Tat ein, wie auch immer 'skandalöser' neuer cineastischer Diskurspunkt von, nun ja, Körper und Seele ist". Die spätere Einordnung des Films als "am allerwenigsten ein 'Spielfilm'; er ist ein Essay" kann aber nicht die Antwort darauf sein, sie wird wohl erst möglich sein, wenn die Rezeption des Films weiter vorangeschritten ist.

Und wieder hat "Nymphomaniac" das Bedürfnis nach mehr, mehr, mehr geschaffen. Vielleicht handelt es sich ja doch um einen Porno.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
blasphemiker 03.04.2014
1.
Zitat von sysopPünktlich vom Kinostart von "Nymphomaniac Vol. 2" erscheint Georg Seeßlens Abhandlungs zu Lars von Triers vermeintlichem Porno-Projekt. Und passend zum Film füttert das Buch mehr die Neugier an, als dass es eine befriedigende Analyse böte. http://www.spiegel.de/kultur/kino/georg-seesslen-ueber-lars-von-triers-nymphomaniac-a-962235.html
Wenn ich einen Porno schauen will, dann schaue ich einen und verstecke mich bestimmt nicht hinter einen, vermeindlich, intellektuellen Feigenblatt.
billy pilgrim 04.04.2014
2.
Zitat von sysopPünktlich vom Kinostart von "Nymphomaniac Vol. 2" erscheint Georg Seeßlens Abhandlungs zu Lars von Triers vermeintlichem Porno-Projekt. Und passend zum Film füttert das Buch mehr die Neugier an, als dass es eine befriedigende Analyse böte. http://www.spiegel.de/kultur/kino/georg-seesslen-ueber-lars-von-triers-nymphomaniac-a-962235.html
genau das ist der aspekt, den ich an allen lars von trier filmen (zumindest denen mit weiblichen hauptrollen) so unglaublich irritierend, oder eher abstossend finde. man muß das aber nicht psychologisieren, es ist eher ein zeichen von unvermögen /oder anmaßung, wenn ein autor /regisseur ständig seine persönlichen befindlichkeiten in seinen werken abhandelt. sprechen die werke also für sich, sehe ich - und viele mit denen ich mich darüber unterhalten habe - in erster linie sehr problematische frauenbilder in seinen filmen; man könnte soweit gehen, sie als frauenfeindliche rollen zu beschreiben. und zum thema "eitelkeit" - es hat bislang irgendwie noch niemand im "feuilleton" erwähnt, aber die völlig deplazierte anspielung im ersten teil von nymphomaniac auf die antizionismus /antisemitismus-debatte ist einfach nur peinlich; würdelos. eitelkeit.
rom_rien 09.04.2014
3. weniger, weniger
weniger, weniger, weniger ist das Bedürfnis, welches die Autorin bei mir auslöst: Und zwar im Bezug auf ihre Kritiken.
drhwenk 20.04.2014
4. Deprerssion - Verluste!!
im "antichrist" ist der persönliche verlust des eignen babies, in "melancholia" sogar der verlust der ganzen erde zu "verschmerzen". also "objektoiv", real induzierte "depressionen". der schmerz der melancholie - depression - ist nichtsdestotrotz köprerlich. in dancer of the dark ist der verlust deseignern lebens, de arbeitsplatzes, des sohnes, des augenlichtes zu "verschmerzen", vielleicht sogar des "ewigen lebens" als glatte mörderin. je nach "schuld" interpreation, die ihren "objektiven" interpreationsspielraun hat, fällt die aktion oder reaktion der "damen" aus. drpsycvhamnaltiuschekampf mir dem überich um unser unterdrückten "polymorphe perversität", ein absoltes standardthema dort, mus wphl wiedr "eingeübt" werden. die sexualmoralität als verdängend und ihre schädlichkeit drohren dochj eoinen rollback rigidem gehorsams zum opfer zu fallen.
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