Geplante Versteigerung Tauziehen um Orsons Oscar

Der einzige Oscar von Autor und Filmemacher Orson Welles ist im Londoner Auktionshaus Christie's wegen eines Streits aus dem Katalog geflogen. Welles' Tochter möchte die Statue aus Geldnot verscherbeln, doch auch die Oscar-Academy meldet Ansprüche an.


Umkämpftes Stück: Orson Welles' Oscar für "Citizen Kane" (1941)
REUTERS

Umkämpftes Stück: Orson Welles' Oscar für "Citizen Kane" (1941)

London - Bruce Springsteens Gitarre und der Frack von Charles Foster Kane aus dem Film "Citizen Kane" (1941) stehen beide noch bei Christie's im Versteigerungs-Verzeichnis. Gemeinsam mit anderen prominenten Erinnerungsstücken sollen sie am Freitag im Londoner Auktionshaus unter den Hammer kommen. Doch der Oscar, den Orson Welles für "Citizen Kane" bekommen hatte, wird nicht dabei sein.

Zwischen Welles-Tochter Beatrice und der Academy of Motion Pictures, Arts and Sciences (AMPAS), die die Oscars jährlich verleiht, brodelt eine Kontroverse. Die väterliche Auszeichnung gehöre ihr, sagt Welles und deshalb dürfe sie damit tun und lassen, was sie wolle. Die Academy sieht das anders, ist es dort doch schon seit 1950 Usus, sich das Recht vorzubehalten, die Oscars für einen Dollar zurück zu kaufen - sollten diese jemals öffentlich feil geboten werden.

Oscar in der Versenkung

Im Fall des Welles-Oscars ist die Lage jedoch etwas komplizierter. Die Original-Statue von 1942 verschwand nämlich 1988 für 16 Jahre in der Versenkung. Beatrice Welles hatte deshalb ein Duplikat der Auszeichnung bei der Academy beantragt. Für dieses Duplikat unterschrieb sie eine Ein-Dollar-Rückkauf-Vereinbarung.

Überraschend war der echte Oscar dann aber wieder aufgetaucht und die jüngste der drei Welles-Töchter hatte per Gericht erstritten, dass die Statue ihr zusteht. Sie hatte im Prozess hervorgehoben, dass ihr die Auszeichnung unglaublich viel bedeute, sagte ein AMPAS-Anwalt der BBC.

Bekam für sein Meisterwerk "Citizen Kane" nur einen Oscar: Orson Wells
AP

Bekam für sein Meisterwerk "Citizen Kane" nur einen Oscar: Orson Wells

Neun Jahre später, im Juni 2003, erfuhr AMPAS, dass das umkämpfte Stück beim Londoner Auktionshaus Christie's versteigert werden soll. Entrüstet teilten die Academy-Obersten der von Geldnöten geplagten Welles mit, die Statue, deren Wert auf etwa 465.000 Euro geschätzt wird, sei "kein Kommerzartikel". Sie boten ihr sogar finanzielle Hilfe an, wenn im Gegenzug die beiden Oscars - Original und Duplikat - wieder zum Verleiher zurückkommen.

Beatrice Welles prozessiert weiter

Doch Beatrice Welles stellte sich stur. Anscheinend hat sie Gefallen am Prozessieren gefunden, denn prompt nach dem Angebot flatterte AMPAS eine Klage ins Haus. Der Vorwurf: Die Organisation habe versucht, sich in ihr "Recht einzumischen, mit ihrem Eigentum nach eigenem Gutdünken umgehen zu können", bestätigte Welles' Anwalt. Im Februar hatte sich die debattierfreudige Tochter bereits wegen der Filmrechte an "Citizen Kane" mit Turner Entertainment und den RKO Pictures Studios angelegt.

Welcher Seite die Gerichte diesmal günstig gestimmt sein werden, ist noch nicht klar. "Uns wurde gesagt, dass der Streit vor der Auktion am Freitag beigelegt sein würde", erklärte ein Sprecher von Christie's. "Das ist nicht geschehen, deshalb haben wir den Oscar aus dem Katalog zurückgezogen."

Oscar-Verkaufs-Blockade

In der Vergangenheit hatte die Academy bereits mit Hinweis auf ihre Ein-Dollar-Vereinbarung den geplanten Verkauf der Clark-Gable-Oscars und mehrerer anderer Auszeichnungen verhindert. Einer der wenigen Menschen, die jemals eine geschichtsträchtige Statue erwerben konnten, ist Popstar Michael Jackson. 1999 zahlte er für den Oscar des Klassikers "Vom Winde verweht" mehr als 1,5 Millionen Dollar.

"Citizen Kane" gilt als wichtiger Meilenstein der Filmgeschichte. Orson Welles, damals 25 Jahre alt, hatte selbst das Drehbuch zu dem Film um Aufstieg und Fall des Medien-Moguls Charles Foster Kane geschrieben. Außerdem führte er Regie und tüftelte zusammen mit Kameramann und Technikern für diese Zeit einzigartigen Spezialeffektenaus. Dennoch war der Film umstritten. Der US-amerikanische Zeitungszar William Randolph Hearst sah darin eine Persiflage auf seine eigene Vita. Letztendlich erhielt Welles auch wegen dieser Kontroverse nur einen einzigen Oscar für sein Meisterwerk - und zwar in der Kategorie "Bestes Drehbuch". Orson Welles starb im Jahre 1985.



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