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Geraldine Chaplin über "Sand Dollars": "Ich bin alt, faltig, weiß"

Ein Interview von

"Sand Dollars": Sextourismus im Alter Fotos
DPA

Geraldine Chaplin spielt in "Sand Dollars" eine Sextouristin, die sich in der Dominikanischen Republik in eine junge Frau verliebt. Ein Gespräch über die aktuelle Flüchtlingssituation und - Werwölfe.

SPIEGEL ONLINE: Frau Chaplin, Ihre Figur in "Sand Dollars" ist eine ältere Weiße, die in eine junge, blühende Schwarze verliebt ist. Viel Text haben Sie nicht, das meiste drücken Sie über Körpersprache aus. Was haben Sie sich vorher überlegt?

Chaplin: Nicht so viel. Ich hatte aber ein wenig Angst, dass die Frau, die das Mädchen spielt, von mir angeekelt ist. Sie ist nämlich keine Schauspielerin und wir hatten viele intime Szenen, haben das aber vorher nicht genau durchgesprochen. Ich glaube, sie hat sich tatsächlich ein bisschen geekelt - und das war auch gut so, das kann man im Film spüren.

Zur Person
  • Getty Images
    Geraldine Chaplin, 71, ist eine amerikanisch-britische Schauspielerin. Sie ist das erste von acht Kindern von Charlie Chaplin und Oona O'Neill. Sie wurde als Balletttänzerin ausgebildet, widmete sich ab 1964 dem Film. Ein Jahr später wurde sie für ihre Rolle als Tonya, Ehefrau von "Doktor Schiwago", berühmt. Seither hat sie in über 60 Filmen mitgespielt, darunter die Komödie "Die drei Musketiere" (1973) und der Horror "Wolfman" (2010).
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das gemerkt?

Chaplin: An der Art, wie sie ihren Körper bewegt. Ich war ja die einzige Profi-Schauspielerin. Die anderen waren Laien und haben sich ganz natürlich verhalten. Mir war aber durchaus bewusst, wie groß der Altersunterschied ist. Ich mag meinen Körper nicht mehr so gern, ich bin alt, faltig, weiß. Aber mein Körper ist natürlich mein Werkzeug, also sind die Falten und die Blässe auch Werkzeuge. Und im Film geht es nun mal um die Liebe zwischen einer alten weißen Sextouristin und einem armen schönen Mädchen aus der Dominikanischen Republik. Um den Kontrast zwischen den beiden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das die letzte Liebe der älteren Frau?

Chaplin: Auf jeden Fall. Ich betrachte sie als sterbendes Tier, das eben nicht auf einen Elefantenfriedhof geht, sondern an einen paradiesischen Ort in der Karibik, an dem man vom Sterben abgelenkt wird. Der letzte Akt ihres Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Die beiden Charaktere sind sich trotz der Kontraste gar nicht so unähnlich: Beide wollen einfach nur das Beste aus dem Leben machen.

Chaplin: Genau. Beide bewegen sich an der schmalen Linie zwischen Liebe und Missbrauch. Die Junge hat die Macht ihres Körpers, die Alte hat Geld. Natürlich kann man mit Geld keine Liebe kaufen, aber Illusionen. Also kauft sie die Illusion, dass die Junge sie wirklich liebt. Und die Junge kauft die Illusion, nach Paris fahren zu können, aus der Armut rauszukommen. Ein ganz kleines bisschen echte Liebe gibt es auch. Irgendwann ähnelt das zwischen den beiden fast einer Mutter-Tochter-Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Kann es eine Lösung, ein Happy End für eine solche Beziehung geben?

Chaplin: Nein, in dem Fall leider nicht. Aber nicht mal die Regisseure wussten, wie sie das Ende schreiben sollten! Es gab drei verschiedene Enden. Vielleicht haben sie es deshalb jetzt ein bisschen offen gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde Ihnen der Film gepitcht?

Chaplin: Das war umgekehrt. Ich hatte einen Film von dem Regie-Paar Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas gesehen: "Jean Gentil". Der hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich Wochen später noch geheult habe, wenn ich an ihn dachte. Ich fand ihn unglaublich. Dann habe ich jeder Menge Freunde von dem Film erzählt. Das haben die beiden irgendwann mitbekommen und mich kontaktiert. Das war ein Geschenk für mich. Für mich ist das Wichtigste an einem Film, dass ich den Regisseur mag.

SPIEGEL ONLINE: "Sand Dollars" ist eine dominikanische Produktion. Wieso ist Ihre Rolle eine derartige Ausnahme, vor allem in US-Filmen?

Chaplin: Kleine Rollen für ältere Frauen gibt es ja ab und an und die kann man sich auch ganz gut interessant basteln. Ich habe noch nie Nein gesagt, weil mir eine Rolle nicht gefällt, sondern nur, wenn mir das Drehbuch nicht gefällt. Und für mich wird das Drehbuch nicht geändert. Vielleicht schafft Meryl Streep das. Ich nicht. Aber in Filmen aus den USA ist kaum eine Frauenrolle kompliziert oder interessant. Dabei sind Frauen so kompliziert!

SPIEGEL ONLINE: Und früher? War Ihnen damals, als sie in "Doktor Schiwago" oder in "Die drei Musketiere" spielten, klar, dass Frauenrollen die Handlung meist nicht aktiv weitertrieben, sondern eher süße love interests waren?

Chaplin: Damals war ich ehrlich gesagt einfach nur froh, dass ich in einem großen Film mitspielen darf. Aber andere Frauen haben sich damals schon beschwert. Und mit der Zeit habe ich mehr darüber nachgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Tochter ist auch Schauspielerin. Haben Sie ihr das alles schon mal erklärt?

Chaplin: Musste ich nicht. Sie ist wie ein Tsunami. Sie würde sich nie unterbuttern lassen. Und sie hat dieses Bewusstsein ganz von selbst: Sie hatte ein Angebot für einen großen Hollywoodfilm, "The Longest Ride", eine Nicholas-Sparks-Verfilmung, und wollte ihn zuerst nicht machen, weil sie die Frauenfigur nicht mochte. "Dann hast du wohl den falschen Beruf", sagte ich zu ihr. Sie interpretierte die Rolle schließlich so, dass sie ihr gefiel, machte einen starken Charakter daraus.

SPIEGEL ONLINE: Kann man die Situation der jungen Frau aus "Sand Dollars", die in ein wirtschaftlich stärkeres Land möchte, eigentlich mit der aktuellen Flüchtlingssituation vergleichen?

Chaplin: Absolut. Wo wir gedreht haben, herrschte Transit-Stimmung: Alle wollen eigentlich woanders hin, denn wo sie leben, gibt es keine Jobs. Es ist toll, dass der Film das alles miterzählt, ohne die Armut als Bild auszunutzen; ohne nur Agitprop zu sein. Und die aktuelle Flüchtlingssituation berührt mich enorm. Meine Tochter ist sehr involviert, sie geht nach Calais und hilft dort, baut Zelte. Schon mein Vater hat nie an Flaggen oder Grenzen geglaubt. Ich finde es lächerlich, dass manche Menschen das Recht haben, irgendwo hinzugehen und andere nicht. Aber ich sehe keine Lösung. Das sind die Folgen von über 50 Jahren schlechter Politik. Und es war so vorhersehbar! Sogar ich wusste, dass das passieren wird. Ich kann nur hoffen, dass junge Menschen empört genug darüber sind, damit sich etwas ändert.

SPIEGEL ONLINE: Helfen Sie auch aktiv?

Chaplin: Wenn ich etwas finden würde, das hilft, würde ich es tun. Ich bin nicht ganz überzeugt von einigen der Charity-Projekte.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Ihre Popularität nutzen, um zu helfen?

Chaplin: Ich glaube, ich bin nicht wirklich berühmt genug, aber wenn mich jemand fragen würde: ja. Ob das etwas ändert?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Schauspielerin, müssen sich also in andere Menschen komplett hineinversetzen. Hilft Ihnen das auch bei Ihren Beziehungen im Privatleben?

Chaplin: Vielleicht ein bisschen. Ich bin es gewohnt, Menschen genau anzugucken. Ich merke mir auch viele ihrer Angewohnheiten und nutze sie später, um meine Rollen auszuschmücken. Aber ich gehe aus meinen Rollen komplett heraus, wenn ich zu Hause bin.

SPIEGEL ONLINE: War das immer schon so?

Chaplin: Nein, früher konnte ich das nicht, das kam erst mit der Erfahrung. Allerdings höre ich auch heute nie auf, über Rollen nachzudenken. Egal, ob ich abends koche oder sonst etwas mache.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Überblick über alle Filme, die Sie gedreht haben?

Chaplin: Naja. Von "Wolfman" zum Beispiel mit Benicio del Toro, dort spielte ich eine Nebenrolle, hatte ich jahrelang nach dem Dreh nichts gehört und mich schon gewundert. Auf einmal kam ein Anruf, dass ich ein paar Texte nachsynchronisieren soll. Der Film war dann ja ein millionenschwerer Flop. Es stellte sich heraus, dass die Produzenten, als der Dreh längst abgeschlossen war, plötzlich einen vierbeinigen und keinen zweibeinigen Werwolf wollten. Für viel Geld mussten alle Wolfszenen am Computer verändert werden.

SPIEGEL ONLINE: Ich fand Sie toll darin, als gruselige Wahrsagerin.

Chaplin: Jemand schrieb, das gruseligste am Film sei ich und nicht der Wolf! Herrlich. Die Produzenten hatten sich an einer Stelle auch ausgedacht, dass die männlichen Darsteller keinen Bart haben dürften - im viktorianischen Zeitalter! Anthony Hopkins, der den Vater des Werwolfs spielte, sagte: Wenn der Bart geht, dann gehe ich auch.

Im Video: Der Trailer zu "Sand Dollars"

Sand Dollars

Dominikanische Republik, Argentinien, Mexiko 2015

Drehbuch und Regie: Israel Cárdenas, Laura Amelia Guzmán

Darsteller: Geraldine Chaplin, Yanet Mojica, Ricardo Ariel Toribio, Bernard Bizel

Verleih: Salzgeber & Company Medien

Länge: 88 Minuten

Start: 10. Dezember 2015

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 2 Beiträge
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1. Unverständlich
J'y vais 12.12.2015
Schon der Film damals mit Charlotte Rampling, die sich als Sextouristin einen männlichen Lover in Afrika kaufte, hinterließ mich perplex. Das es hier nun um lesbische Liebe geht, macht es nicht besser. Was, bitte schön, unterscheidet diese Frauen von den erbärmlichen Männern in den Bumsbombern nach Thailand? Nichts. Sie sind genauso verabscheuenswert und erbärmlich.
2.
h.hass 12.12.2015
Ich möchte mal den Film sehen, der ähnlich viel Verständnis für einen 70jährigen schmerbäuchigen europäischen Sextouristen aufbringt, welcher sich in einen 20jährigen thailändischen Loverboy verliebt. Er dürfte sich schwer finden lassen. Aber wenn eine 70jährige eine 20jährige Dom.Republikanerin abschleppt, dann ist es natürlich das sensible Portät der "letzten Liebe einer älteren Frau". Ähnliche Filme gab es ja auch schon über andere angejahrte Sextouristinnen - offensichtlich alle auf der Suche nach der wahren Liebe.
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