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Humor-Ikone Gerhard Polt: "Hitler muss eine sympathische Seite gehabt haben"

Ein Interview von

"Der Mann hat immerhin einen Weltkrieg gewonnen" - der bayerische Humorist Gerhard Polt über seinen neuen Film "Und Äktschn!", Adolf Hitlers Charisma des Mittelmäßigen, eine ungeheuerliche Flasche Sekt und die große Frage: Was bleibt von seiner Kunst?

Delia Wöhlert/ Majestic

SPIEGEL ONLINE: Herr Polt, Filme über Adolf Hitler gibt es schon viele. Warum haben Sie noch einen gemacht?

Polt: Das Thema beschäftigt mich schon lange. Als junger Mensch habe ich den angesehenen Hitler-Biographen Werner Maser gekannt. Maser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Hitler, der durch die Medien geschöpft ist, also der schreiende, brüllende, riefenstahlsche Hitler, oder der als Witzfigur dargestellte, lächerliche Hitler, dass diese beiden übermächtig sind in der Vorstellung. Und dabei ist mir klar geworden, dass der tatsächliche Hitler anders gewesen sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern anders?

Polt: Hitler muss auch eine sympathische Seite gehabt haben. Wie kann es sonst kommen, dass so ein Nobody, ein abgewetzter, unscheinbarer Mensch, in die Salons der Münchner Gesellschaft kommt? Angenommen, der wäre ein unsympathischer Kerl gewesen, dann wäre das nicht passiert. Also muss er irgendeinen Charme gehabt haben. Aber das ist eine Form von Hitler, die man nicht kennt.

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Neuer Polt-Film "Und Äktschn!": Der Führer privat

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Film "Und Äktschn!", in dem Sie einen unfähigen Hobby-Filmer spielen, der den Führer privat zeigen will, ist Hitler ein charmebegabter Durchschnittstyp.

Polt: Ja. Nicht total deppert, aber eher banal. Und mein Film ist der Versuch zu sagen, wenn wir heute Laien diese Figuren spielen lassen, dann kommen wir ihnen näher als mit Schauspielern. Ich bin davon überzeugt, dass Gisela Schneeberger in ihrer Rolle als laienschauspielernde Wirtin, die dann die Eva Braun spielt, wahrscheinlich der realen Person Braun näher kommt, als eine amerikanische Diva es könnte.

SPIEGEL ONLINE: Im Film gibt es eine Szene, in der sich Adolf Hitler und Eva Braun in einem Café darüber streiten, welchen Kuchen er bestellen soll. Solche Dialoge könnte es tatsächlich gegeben haben?

Polt: Diese Ebene der Banalität war vorhanden, das kann man in den überlieferten Tischgesprächen Hitlers nachlesen. Ein Volk, von dem man sagt, dass es aus Dichtern und Denkern besteht, aus Schulrektoren und Anwälten, ist diesem Mann nachgelaufen. Leute, die weitaus gebildeter und in vielerlei Hinsicht qualifizierter waren als dieser mediokre Mensch. Die Sogkraft dieser unerschütterlichen Mittelmäßigkeit fasziniert mich.

Zur Person
  • DPA
    Gerhard Polt, Jahrgang 1942, ist Kabarettist, Schauspieler und Autor. Seine TV-Reihe "Fast wia im richtigen Leben" (1977 bis 1988) ist ein Klassiker der Fernsehunterhaltung und gleichzeitig eine genaue, immer noch gültige Beobachtung der bayerischen Verhältnisse. Polt ist für seine zahlreichen Bühnenprogramme und Spielfilme vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt 2012 mit dem Sonderpreis des Kulturpreises Bayern und dem Preis "München leuchtet". Sein Kino-Debüt "Kehraus" (1983) wurde mit dem Deutschen Filmpreis (Drehbuch) und Polt mit dem Ernst-Lubitsch-Preis für seine darstellerische Leistung prämiert. Polts fünfter Kino-Film "Und Äktschn!" beschreibt den dilettantischen Versuch des Hobby-Regisseurs Hans Pospiech (Polt), einen cineastischen Einblick in das Privatleben Adolf Hitlers zu geben. Kinostart ist am 6. Februar 2014.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich diese Kraft?

Polt: Ich habe keine Erklärung dafür, wie es relativ banalen Leuten mit banalem Zeug gelingt, Einzug zu halten in Milieus, wo man es nicht für möglich halten würde. Aber dass sie es tun, ist eine Tatsache. Man könnte vielleicht sagen, das ist Hochstapelei, aber die gehen gar nicht gezielt vor. Die sickern ein. Die werden auch hofiert. Ich habe schon Situationen erlebt, zum Beispiel in der Gegend am Tegernsee, wo sehr gutsituierte Menschen leben, die dann damit kokettieren, dass sie einen so guten Kontakt mit der Landbevölkerung hätten. Sie sind auf der Erde, sie sind mit der Erde verbunden, sie sind nicht abgehoben, weil: Der Sepp, das ist mein Bauer, mit dem habe ich bestes Einverständnis. Es gibt Leute, die selbst sehr differenziert denken, die sich aber angezogen fühlen von Leuten, die plump und mit Brachialgewalt auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Auf YouTube gibt es einen Clip, in dem jemand eine Ihrer Bühnentiraden mit den Bildern einer Hitler-Rede zusammengeschnitten hat. Das passt gut zusammen. Trotzdem spielen Sie im Film nicht die Hitler-Rolle, sondern die des Hobby-Regisseurs Hans Pospiech. Warum bekommen die Zuschauer keine Hitler-Parodie von Polt?

Polt: Das hätte ich mir nie zugemutet und auch nicht zugetraut. Ich bin auch davon überzeugt, dass ich über diese Dilettantenorgie der Sache näher komme als mit einer direkten Parodie. Ich spiele einen Regisseur, aber was heißt Regisseur? Es ist ein absoluter Dilettant. Er kann nichts, aber er sich stellt sich dar, er brilliert nach außen. Ein Mensch, der nicht viel weiß und nicht viel kann, aber er setzt sich durch.

SPIEGEL ONLINE: Womit Sie in Ihrem Sinne doch Hitler spielen.

Polt: Man muss das nicht als die große Analogie sehen, aber im Endeffekt muss das mit dem Hitler auch so gewesen sein. Der Mensch hat nicht viel gewusst, weder von Wagner noch von sonst etwas, er hat sich ein paar Sachen angelesen, aber er hat sich durchgesetzt, erstaunlicherweise. Gisela Schneeberger sagt im Film: "Fad darf er nicht daherkommen, der Mann hat immerhin einen Weltkrieg gewonnen." In dieser Banalität liegt eine unglaubliche Kraft. Wenn er nur unsympathisch gewesen wäre, dann wäre es einfach. Aber auch Unsympathen kann man zerlegen, und dann kommt man wieder auf etwas Sympathisches. Die sympathischen Leute sind die gefährlichen. Wenn ein sympathischer Mensch dich umarmt und dann etwas Ungeheuerliches sagt, tust du dich schwerer damit, dich davon zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Ihren Bühnenrollen karikieren Sie solche Ungeheuer. Bekommen Sie dafür manchmal Lob von Menschen, die genau so denken und die Parodie gar nicht erkennen?

Polt: Einmal habe ich im "Scheibenwischer" bei Dieter Hildebrandt einen Leser der "Nationalzeitung" gespielt. In dieser Rolle habe ich gefragt, warum man das Dritte Reich immer nur aus der Sicht der Juden zeige. Mann müsse es doch auch einmal aus der Sicht von SS-Leuten zeigen. Die waren doch auch dabei. Und die wüssten doch mindestens so gut, wie das war. Als die Sendung vorbei war und ich wieder daheim, ist einer auf mich zugekommen und hat gesagt: Polt, großartig. Dass du dich das zu sagen traust! Und noch dazu bei dieser roten Sau Hildebrandt! Großartig. Und hat mir eine Flasche Sekt geschenkt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Sekt angenommen?

Polt: Ja. In dem Moment hätte ich wenig tun können. Da hätte ich sehr lange Gespräche führen müssen, und das wollte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber da muss man sich doch dann besaufen mit dem Sekt - weil es zum Verzweifeln ist.

Polt: Das ist die alte Frage: Wieviel Humor braucht man? Es gibt Leute, die Gott sei Dank genügend Humorsubstanz haben, um damit umzugehen. Das ist dann gut für ihre Leberwerte. Es kommt auf die Konstitution an.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es auch heute in Deutschland zu so etwas wie dem Nationalsozialismus kommen?

Polt: Ich glaube schon, dass sich grundsätzlich etwas geändert hat im Selbstverständnis vieler Menschen. Aber ich möchte nicht wissen, wie eine Gesellschaft reagiert, wenn sie tatsächlich in eine Notgemeinschaft gerät. Denn bedrohte Existenzen verzweifeln, und dann weiß man nie. Und da kann keiner für sich die Hand ins Feuer legen.

SPIEGEL ONLINE: Zur Zeit wird mit der Angst vor wirtschaftlicher Bedrohung wieder Politik gemacht - von der CSU mit ihrer Kampagne gegen zuziehende Osteuropäer. Man hat nicht den Eindruck, diese Partei habe sich in den letzten zwanzig Jahren geändert. Oder hat sie doch?

Polt: Doch, eines haben sie jetzt neu: einen Heimatminister. Ich weiß jetzt: Immer da, wo Heimat ist, da ist der Söder. Das ist schon einmal gut zu wissen. Aber was zu kurz kommt: Man spricht jetzt immer von der Armutseinwanderung. Allerdings gibt es in Deutschland bestimmte Gegenden, in denen man von Reichtumseinwanderung reden könnte. Ich glaube, dass das Tegernseer Tal oder die Insel Sylt einmal über die Reicheneinwanderung reden könnten. Auch in München werden ganze Stadtteile praktisch eingereicht.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur platte Phrasen wie "Wer betrügt, der fliegt" sind erfolgreich, sondern sogar offenkundig sich selbst widersprechende - so wie jüngst jene der neuen Bundesverteidigungsministerin von der Leyen, die eine "familienfreundliche Armee" fordert.

Polt: Das ist aber auch wieder das Schöne daran, politischen Reden zu folgen: Weil man auch an der Paradoxie einen gewissen Gefallen finden kann. Da gibt es kontradiktionäre, sich widersprechende Aussagen, die in sich schon absurd sind. Aber da ich sie ja nicht ändern kann, kann ich mich entweder darüber amüsieren oder ärgern. Das ist wieder eine Frage der Leberwerte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 71 Jahre alt, wurden für Ihre Satiren vielfach ausgezeichnet und gelten als bayerische Ikone. Hatten Sie nie den Anspruch, mit Ihrer Kunst die Realität zu ändern?

Polt: Ich kann es nicht. Es muss für jemanden, der für den "Simplizissimus" gearbeitet hat, ein Festtag gewesen sein, den Kaiser Wilhelm so darzustellen, wie er wahrscheinlich war, nämlich als Dummkopf. Da hatte er dann ein Erfolgserlebnis. Aber den Ersten Weltkrieg hat er damit nicht verhindert. Und es wäre auch unfair, das von ihm zu verlangen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre boshaften Porträts der bayerischen Mentalität haben das Bild dieses Landes und seiner Menschen trotzdem sehr geprägt.

Polt: Ich habe mich über dieses Thema lange mit Loriot und auch mit Dieter Hildebrandt unterhalten: Über die Frage, was bleibt. Es ist aber nicht besonders erhebend, für sich selbst irgendeine Wirkung zu behaupten. Wenn man aber ganz arglos sagt, ich habe bei Themen, die mich besonders ärgern, gute Bilder gefunden und gute Formulierungen, um diesen Blödsinn darzustellen, dann entspricht das unserem Beruf. Das machen wir auch, weil wir uns persönlich davon befreien wollen.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Bühne können Sie sehr aggressiv wirken, eines Ihrer Stilmittel sind beängstigende Wutausbrüche. Wieviel von dieser Wut ist echt?

Polt: Es ist beides, es ist die Lust am Spiel, aber ich weiß, dass es auch ernst ist. Es ist kein leichtfertiges Spiel. Es ist ein Ventil, eine Möglichkeit, sich selbst zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Erschrecken Sie dabei über das, was in Ihnen steckt?

Polt: Ich glaube, dass man, solange man auch lebt, trotzdem noch eine schöne Portion Mysterium in sich hat - etwas, das man nicht kennt. Man kann froh sein, dass man sich nicht ganz kennt. Denn würde man sich ganz kennen, könnte es wirklich sein, dass man erschrickt.

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1. Das ist ja das Problem unserer gegenwärtigen Darstellung
mc6206 03.02.2014
Zitat von sysopDPA"Der Mann hat immerhin einen Weltkrieg gewonnen" - der bayerische Humorist Gerhard Polt über seinen neuen Film "Und Äktschn!", Adolf Hitlers Charisma des Mittelmäßigen, eine ungeheuerliche Flasche Sekt und die große Frage: Was bleibt von seiner Kunst? http://www.spiegel.de/kultur/kino/gerhard-polt-im-interview-ueber-seinen-hitler-film-und-aektschn-a-946071.html
von Nazi-Deutschland. Hitler wird als tobsüchtiger Schreihals dargestellt und damit ist es einfach sich von ihm und seiner Ideologie abzugrenzen, und sich heute wohl zu fühlen in unserer Besser-Artigkeit. Die Wahrheit ist wohl ganz anders und bedrückender. Hitler konnte so weit kommen, weil er einfach ankam, nicht mit seinen Wutausbrüchen, sondern seinem Charme und Charisma, und dadurch weil er die Frustrationen des deutschen Volkes nach dem WW-I, Versailles und der Wirtschaftskrise artikulieren konnte, kombiniert mit einer ausnamsweisen Rücksichtslosigkeit und Brutalität. Nationalsozialismus hätte keine Chance mehr in Deutschland, aber jede andere Ideologie bei der sich die Mehrheit der Deutschen auf der "richtigen" Seite fühlen, gleichgültig wie einseitig und ungerecht sie wäre, solange sie dem Mehrheitsgefühl entspricht. Anders lässt sich die weitverbreite Sympathie für Linksextremisten und Autonome kaum erklären. Was fehlt in Deutschland ist das individuelle und sehr persönliche Hinterfragen von allem was serviert wird, ob Presse oder Staat, aufgrund von klaren und allgemein akzeptierten Prinzipien.
2. In 60 Jahren
gerdbanglamung 03.02.2014
lachen sich unsere Nachfahren ueber Angelika Merkel und Helmut Kohl kaputt. Im Moment lacht nur die ganze Welt ueber Deutschland. Kopf hoch, Humor behalten.
3. also ich würd mal sagen.....
tz88ww 03.02.2014
so rein privat war Adolf bestimmt ein Pfundskerl mit dem man Pferde stehlen konnte ;-)
4. Ich bin Polt, ich darf das...
pitterw 03.02.2014
Zitat von sysopDPA"Der Mann hat immerhin einen Weltkrieg gewonnen" - der bayerische Humorist Gerhard Polt über seinen neuen Film "Und Äktschn!", Adolf Hitlers Charisma des Mittelmäßigen, eine ungeheuerliche Flasche Sekt und die große Frage: Was bleibt von seiner Kunst? http://www.spiegel.de/kultur/kino/gerhard-polt-im-interview-ueber-seinen-hitler-film-und-aektschn-a-946071.html
... ja, er darf und sein Holzhammer könnte ruhig noch etwas größer sein. Nur müsste er in einem Vorpann und Nachspann den vielen, leider in unserem Lande immer noch vorhandenen, Dumpfbacken erklären, was eine Satire ist! Denn, so unglaublich das klingt, seine Mai Li ("...und blitzsauber ist sie auch...") hat durchaus zu einem zu einem Anstieg des Kaufes thailändischer Katalogfrauen geführt. Und das Lob vom SS-Man beim Hildebrand ist ja wohl Fakt, wenn auch einer zum Kotzen! Aber wie auch immer, er gehört leider zu einer aussterbenden Spezies und bleibe uns noch lange erhalten! Glückwunsch!
5. Voll schlecht... gefährlich für die Menschheit
also_wirklich 03.02.2014
ich finde es sehr gefährlich, sich mit diesem bösartigen Menschen zu beschäftigen. Was soll dabei rauskommen? Als Vorbild fällt der absolut weg. Warum gibt es nicht mehr Filme über Gandhi, Schweitzer oder den deutschen Widerstand während des 2. Weltkriegs, meinetwegen auch fiktiv, wie sie Hitler wegpusten? Um Himmels Willen! Denunziantentum, Anarchie und sogar sozialdarwinistisches Denken sind auf dem Vormarsch und die machen Filme über "sympathische" Teile des schlimmsten Schlächters? Ich hör wohl nicht richtig! Wie kann esnur sein, dass Bilder dieses Massenmörders nicht mit einem roten Balken und einer roten Umrandung versehen werden? Das ist doch ALLES PROPAGANDA! Und das, wo die UN gerade feststellte, dass der Kampf gegen die Straflosigkeit eines der wichtigsten Themen der neuen Zeiot darstellt.
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