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Gerichtsthriller "Gegen jeden Zweifel": Das Wort hat der Angehimmelte

Von Birgit Glombitza

Ein abgebrochener Absatz ist hier genauso sexy und dramatisch wie ein Justizskandal: Das Remake von Fritz Langs Klassiker "Gegen jeden Zweifel" bleibt routiniert und glatt - auch weil Hausfrauenschwarm Jesse Metcalfe es einfach nicht schafft, mal die Sau rauszulassen.

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"Gegen jeden Zweifel": Zu viel Clearasil
Er sieht aus wie ein wandelndes Klischee. Genau so, wie sich betuchte, ihre Nägel feilende Hausfrauen ihren Pool-Pfleger oder ihren Tennistrainer vorstellen. Oder ihren Gärtner. Und als solcher hat Jesse Metcalfe auf der Besetzungsliste von "Desperate Housewives" seine vorläufige Bestimmung gefunden.

Babyblaue Augen, ein Haarhelm wie die Ken-Puppe, muskulöser Körper, karamellbraune Haut. Kein Mann des Wortes, eher des Zupackens. Ein Toy Boy, der kein Abitur braucht, um seinen Platz im Leben zu finden.

Der erste von Jesse Metcalfe gespielte Kinoheld namens C.J.Nicholas hat sich in Peter Hyams "Gegen jeden Zweifel - Beyond A Reasonable Doubt" jedoch in den Kopf gesetzt, mit Worten von sich reden zu machen. Mit vielen Worten. Doch weil seine Karriere als aufstrebender Reporter gerade eingebrochen ist, steht er für seinen TV-Sender wie ein Marktschreier in der Fußgängerzone und lässt Hausfrauen mit verbundenen Augen Kaffeesorten probieren, um ihnen zu demonstrieren, dass Markenprodukte nicht unbedingt ihren Preis rechtfertigen.

Die Zeiten, in denen C.J. Nicholas als neuer Stern am Fernsehhimmel aufleuchtete, liegen also schon eine Weile zurück. Doch da findet er im eitlen und machtgierigen Staatsanwalt Mark Hunter (Michael Douglas) endlich eine neue Herausforderung. Hunter soll regelmäßig Beweise und Indizien fälschen, um Angeklagte ohne größere Widerstände auf den elektrischen Stuhl befördern zu können. Nicholas bändelt mit Hunters Assistentin Alla Chrystal (Amber Tamblyn) an und verwickelt sich selbst trickreich in einen Indizienprozess, um seine Gegenbeweise bei der Urteilsverkündung als große journalistische Sensation aus dem Hut zu zaubern und Hunter für alle Zeiten bloßzustellen.

Junges Publikum einkalkuliert

Alles in diesem Film ist von einer irritierenden Falschheit. Nicht nur die Geschichte, die wie die große Vorlage, Fritz Langs gleichnamiges Original, ihre Volten schlägt und zwischen Lug und Trug, Indizien und Irrtümern genau dann hin und her hüpft, wenn man gerade bereit war, seinen Augen, den Beteuerungen der Protagonisten und der offenkundigen Beweislage zu trauen. Es ist der künstliche Look des Films, diese Anstrengung, den Geist der schwarzen Serie in ein lichtdurchflutetes und werbefilmbuntes Louisiana zu zwingen.

Peter Hyams ( "2010 - Das Jahr in dem wir Kontakt aufnahmen"; "Zwölf Stunden Angst", "End of Days - Nacht ohne Morgen") gilt als eine Art Autorenfilmer unter den Routiniers von Hollywood, weil er seine Stoffe selbst schreibt und sogar zunehmend selbst fotografiert. In "Gegen jeden Zweifel" hat er sich jedoch als bloßer Kopist in den Verschlingungen eines Plots verrannt, der neben Wilders "Zeugin der Anklage" zu den verblüffendsten und packendsten der Filmgeschichte zählt - und sich zudem bereits bei der Besetzung verausgabt.

Man mag sich einfach nicht an diese Schauspieler und ihre Clearasil-Gesichter gewöhnen, die hier aus rein wirtschaftlichem Kalkül und mit Blick auf ein junges TV-Publikum vor der Kamera abgestellt wurden, so dass man ihnen vor lauter Werbebotschaften in eigener Sache ihr Spiel gar nicht mehr abnimmt.

Wo bleibt die Werbepause?

Amber Tamblyn trifft mit ihren weichen Zügen, der runden Stirn und dem herzchenförmigen Gesicht passenderweise das Schönheitsideal der fünfziger Jahre. Und wenn sie im engen Etui-Kleidchen aus dem Gericht stöckelt, muss man unweigerlich an all die Sekretärinnen denken, die bei Fritz Lang ihren Chefs die Unterlagen hinterhertragen. Aber ihr Bangen und Zaudern um Wahrheit, Job und Liebe fällt nicht dramatischer aus als eine aufreibende Parkplatzsuche oder ein abgebrochener Absatz.

Auch die Fallhöhe eines alles riskierenden Karrieristen muss man sich bei Jesse Metcalfe großmütig dazu denken. Zu gleich und flächig bleibt sein jungenhaftes Gesicht im Lächeln wie im Verzweifeln. Statt daraus Funken zu schlagen, dass er das eigene Klischee vom schlüpfrigen Hausfrauentraum sabotieren darf, wechselt Metcalfe reibungsarm von einer glatten Projektionsfläche zur nächsten. Und Michael Douglas, der mit Peter Hyams bereits "Ein Anwalt sieht rot" drehte, spult seinen Staatsanwalt routiniert und gelangweilt herunter.

Selbst als C.J. Nicholas in der Todeszelle bangt, ob sein Plan, den selbstherrlichen Staatsanwalt der Beweisfälschung zu überführen, noch rechtzeitig aufgeht, könnte man damit rechnen, dass gleich eine Werbeunterbrechung allen Beteiligten eine kleine Verschnaufpause gönnt.

Mag ja sein, dass es bei Kaffeesorten Plagiate gibt, die jeden Cent wert sind. Bei dem Stoff von "Gegen jeden Zweifel" steht dieser Beweis noch aus.

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Gegen jeden Zweifel

Originaltitel: "Beyond A Reasonable Doubt"

Regie: Peter Hyams

Buch: Peter Hyams, Vorlage: Douglas Morrow

Darsteller: Jesse Metcalfe, Amber Tamblyn, Michael Douglas, Joel Moore

Produktion: Foresight Unlimited, RKO Radio Pictures, Signature Pictures

Länge: 109 Minuten

Start: 4. Februar 2010

Offizielle Website zum Film



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