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"Get - Der Prozess der Viviane Amsalem": Showdown einer Ehe

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Weil es in Israel keine zivile Scheidung gibt, werden Frauen der Willkür der Rabbiner ausgesetzt. "Get - Der Prozess der Viviane Amsalem" erzählt das Schicksal einer Frau. In Israel ist der Film bereits Pflicht für alle Richter an Rabbinergerichten.

"Get - Der Prozess der Viviane Amsalem" beginnt ohne die titelgebende Protagonistin und setzt so bereits seinen Ton. Vor dem Ehetribunal wird ihr Schicksal entschieden, und ihr Ehemann Elisha redet eindringlich auf sie ein, ihr Anwalt legt ihren Fall für sie dar, aus dem Off fragen die Richter. Erst nach fünf Minuten wechselt die Perspektive, und man sieht Viviane zum ersten Mal. Hier wird nicht über das Scheitern einer Ehe verhandelt, sondern über eine Frau Gericht gehalten.

Nach "Getrennte Wege" und "7 Days" begibt sich die Schauspielerin und Regisseurin Ronit Elkabetz mit ihrem Bruder Shlomi bereits zum dritten Mal ins Innere des Ehelebens von Viviane (Elkabetz) und Elisha (Simon Abkarian), gemeinsam lotet das Geschwisterpaar die Untiefen des israelischen Patriarchats aus.

Lebensgefahr, physische Gewalt, körperliche Gebrechen, all diese Parameter für eine begründete Scheidung fragen die drei älteren Gerichtsvorsteher ab, doch es existieren in dieser patriarchalisch dominierten Gesellschaft keine Worte für die Abhängigkeit, das Eingesperrtsein, das dieses orthodoxe System für Frauen mit sich bringen kann. Denn es gibt in Israel nach wie vor keine standesamtliche Eheschließung, wer heiratet, tut dies vor Rabbinern. Dementsprechend schwierig ist es für Frauen, ohne einen von Männern als triftig definierten Grund eine Ehe zu beenden.

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"Get - Der Prozess der Viviane Amsalem": Vom Ende einer Ehe
Im ersten Film der Ehetrilogie versuchte sich Viviane aus ihrer 20-jährigen Ehe mit Elisha zu lösen, "Getrennte Wege" (2005) war ein eng gefilmtes Psychogramm einer scheiternden Beziehung. "7 Days" von 2008 zeigte das Paar dann in Trennung lebend, mit einer vorsichtigen filmischen Öffnung nach außen, auch wenn Viviane immer noch unter dem beklemmend übermächtigen Einfluss ihres Ehemanns zu leiden hatte. Nun also die Konklusion, der Showdown einer Ehe. Dieser letzte Teil beginnt als Kammerspiel vor Gericht und wird sich aus dessen tristen Räumen auch nie herausbewegen.

Fünf Jahre warten auf die Scheidung

Fünf Jahre lang kämpft Viviane für die Scheidung von Elisha. Dessen Macht zeigt sich schon, wenn er seine Frau einfach im Gerichtsvorzimmer warten lässt, Stunde um Stunde, Termin um Termin. Das Gericht kann ihn nicht zwingen zu erscheinen, wohl kann es aber Viviane anordnen, nach Hause zurückzukehren. "Sind Sie bereit, Ihrer Frau eine zweite Chance zu geben?", fragt das orthodoxe Rabbinatsgericht Elisha gleich zu Beginn des Films und zeigt so schon die ganze Absurdität eines Prozesses, in dem die Frau grundsätzlich in der Beweisschuld steht. Selbst Vivianes Bruder schlägt sich auf die Seite der Männer, an die eine Frau sich anzupassen habe. Ohnmächtig muss sie daneben sitzen, während Richter und Anwälte ihr Persönlichstes nach außen kehren.

Diese wachsende Ohnmacht Vivianes ist beklemmend, und durch Ronit Elkabetz' intensives Spiel überträgt sie sich unmittelbar auf die Zuschauer, auch wenn das Festklammern der Männer an den festzementierten Status Quo nicht ohne komische Momente ist - zum Beispiel wenn Vivianes Schwester versucht, den drei Richtern die Schwierigkeiten einer geschiedenen Frau im heutigen Israel nahezubringen. Doch im Verlauf der Auseinandersetzung festigt sich Vivianes Entschluss nur weiter, äußerlich symbolisiert durch ihr offenes Haar und ein unziemliches rotes Outfit.

Die Geschwister Elkabetz entwerfen hier natürlich auch ein emotionales Schaubild Israels, das dem Image eines modernen, jungen Landes um die brodelnde Metropole Tel Aviv konträr entgegengesetzt scheint. Dieses fast absurde Spannungsfeld ist in jedem Dialog zu spüren. In Israel hat "Get" damit einen Nerv getroffen: Laut Produzent Michael Eckelt hat der Justizminister den Film gesehen, zudem sind die Richter an den Rabbinergerichten verpflichtet worden, ihn auf ihrem Berufskongress zu sehen. "Die explizite Begründung für das Screening ist: Die Richter lernen hier die Perspektive der Frau kennen", so Eckelt im Deutschlandfunk.

Doch "Get" ist kein Film, der nur in Bezug auf Israel Bedeutung hat: Wenn man die Handlung von ihrem nationalen Kontext befreit, bleibt ein reduziert gefilmtes, einfühlsames Porträt einer Frau im zähen Ringen mit dem Patriarchat, das universell gültig ist.

Get - Der Prozess der Viviane Amsalem

Originaltitel: Gett

Frankreich, Israel, Deutschland 2014

Buch und Regie: Shlomi Elkabetz, Ronit Elkabetz

Mit: Ronit Elkabetz, Menashe Noy, Simon Abkarian, Sasson Gabay, Eli Gorstein, Gabi Amrani

Produktion: Riva Film, Elzevir&Cie (Frankreich), DBG Films (Israel)

Verleih: Edition Salzgeber

Länge: 115 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 15. Januar 2015

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Keine Macht den Religionsfunktionären!
leo19 15.01.2015
Da sieht man wieder, welch unheilvollen Einfluss Religionen haben. Ob Mullahs, Rabiner oder Kardinäle, überall macht sich ihr Einfluss unheilvoll bemerkbar. Die Menschen müssen aufhören, das zuzulassen. in den 3 monotheistischen Religionen wurden und werden noch immer Menschen ermordet, weil diese verbrecherischen Gesellen nur an die eigene Macht denken. Steinigung, Hexenverbrennung, Terrormorde uva mehr!! Pfui Teufel!
2.
Douzitou 15.01.2015
"Weil es in Israel keine zivile Scheidung gibt, werden Frauen der Willkür der Rabbiner ausgesetzt. " Wie ist es eigentlich für Männer, die sich scheiden lassen wollen? "Dementsprechend schwierig ist es für Frauen, ohne einen von Männern als triftig definierten Grund eine Ehe zu beenden." Diese Formulierung finde ich seltsam. Soll das heißen, dass alle Männer diesbezüglich gleich denken, weil sie eben Männer sind? Dass alle Ehemänner mehr oder weniger genauso denken wie die Rabbiner, weil sie Männer sind? Ich denke, wie mein Vorkommentator, dass man hier sehen kann, wie unheilvoll es ist, wenn Vertreter einer Religion, meinetwegen auch einer patriarchalen, so weitreichende Kompetenzen in zivilrechtlichen Dingen zugesprochen werden.
3.
uk2011 15.01.2015
Zitat von leo19Da sieht man wieder, welch unheilvollen Einfluss Religionen haben. Ob Mullahs, Rabiner oder Kardinäle, überall macht sich ihr Einfluss unheilvoll bemerkbar. Die Menschen müssen aufhören, das zuzulassen. in den 3 monotheistischen Religionen wurden und werden noch immer Menschen ermordet, weil diese verbrecherischen Gesellen nur an die eigene Macht denken. Steinigung, Hexenverbrennung, Terrormorde uva mehr!! Pfui Teufel!
Das wir heute keine Sklaven mehr haben, die Todesstrafe abgeschafft wurde und noch viele humanistische Punkte haben wir den Christen zu verdanken. Klar haben da immer wieder weltliche Machtinteressen dazwischengefunkt, auch von den Kirchenoberhäuptern. Aber zu behaupten, daß nur die 3 monotheistischen Religionien an den Morden der Welt schuld sind, ist doch extrem naiv. Beispielsweise waren die Inkas definitiv keine Anhänger der monotheistischen Religion. Und die zählen Sie jetzt wohl nicht ernsthaft zu friedfertigen Völkern, oder? Man sollte zwischen Religionen unterscheiden, die sich ins normale Leben einmischen (Moslems, Judentum, Inkas) und solche, die es nicht tun. Problematisch wird es, wenn in der Religion weltliche Gesetze verankert sind, wie bei den Juden oder im Islam, die Gottgegeben sind und die deshalb nicht modifiziert und der jeweiligen Gesellschaftsform angepaßt werden dürfen. Und das haben Sie im Christentum definitiv nicht. Und die Hexenverbrennung beispielsweise hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit dem Christentum zu tun, machen Sie sich da mal schlau.
4. lustiger Beitrag
Douzitou 15.01.2015
Zitat von uk2011Das wir heute keine Sklaven mehr haben, die Todesstrafe abgeschafft wurde und noch viele humanistische Punkte haben wir den Christen zu verdanken. Klar haben da immer wieder weltliche Machtinteressen dazwischengefunkt, auch von den Kirchenoberhäuptern. Aber zu behaupten, daß nur die 3 monotheistischen Religionien an den Morden der Welt schuld sind, ist doch extrem naiv. Beispielsweise waren die Inkas definitiv keine Anhänger der monotheistischen Religion. Und die zählen Sie jetzt wohl nicht ernsthaft zu friedfertigen Völkern, oder? Man sollte zwischen Religionen unterscheiden, die sich ins normale Leben einmischen (Moslems, Judentum, Inkas) und solche, die es nicht tun. Problematisch wird es, wenn in der Religion weltliche Gesetze verankert sind, wie bei den Juden oder im Islam, die Gottgegeben sind und die deshalb nicht modifiziert und der jeweiligen Gesellschaftsform angepaßt werden dürfen. Und das haben Sie im Christentum definitiv nicht. Und die Hexenverbrennung beispielsweise hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit dem Christentum zu tun, machen Sie sich da mal schlau.
Sie sind ja ein Lustiger! Ich bin noch noch keinem biblischen Alter, erinnere mich aber dennoch an Fälle, wo Frauen auch dann nicht abtreiben durften, wenn sie durch eine Vergewaltigung schwanger wurden. Kleiner Hinweis: es hatte mit der katholischen Kirche zu tun...
5. @uk2011, Kommentar #3
Klaus-Otto 15.01.2015
Die Behauptung, dass das Christentum humanistische Punkte wie Abschaffung von Sklaverei und Todesstrafe oder Gleichberechtigung eingeführt habe, ist eine völlige Verdrehung der Tatsachen. Die heute (in der westlichen Welt) geltenden Menschenrechte wurden gegen den erbitterten Widerstand der monotheistischen Kirchen durchgesetzt, der Vatikan hat - neben Saudi Arabien und Nordkorea - die UN-Menschenrechtskonvention bis heute nicht unterzeichnet. Die Hexenverbrennungen haben durchaid auch mit dem Christentum zu tun, wenn auch diese Urteile meist weltlicher Art waren. Die Kirche hatte zu der Zeit auch genug zu tun, ihre Ketzer zu verbrennen...
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