Hollywoods Umbruchjahr 2017 Unter Monstern

Die Macht der weißen Männer bröckelt: 2017 war in Hollywood das Jahr des Umbruchs. Die Debatten um #MeToo und Rassismus treffen das Kino in seinem Kern.

Daniel Kaluuya in "Get Out"
Universal Pictures

Daniel Kaluuya in "Get Out"

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Als Ridley Scott am 31. Mai 2017 die Dreharbeiten zu seinem 25. Spielfilm begann, konnte er nicht wissen, dass er den Film des Jahres drehen würde: "All the Money in the World" ("Alles Geld der Welt"). Viele Filme haben 2017 begeistert, empört, überrascht, aber keiner macht das Geschehen des vergangenen Jahres besser begreiflich als Ridley Scotts Thriller über die Entführung des Milliardärenkels John Paul Getty III.

Der Plot ist für die Bedeutsamkeit von "Alles Geld der Welt" irrelevant, entscheidend ist die Besetzung: Nachdem bekannt geworden war, dass Kevin Spacey über Jahrzehnte hinweg Jugendliche und junge Männer mutmaßlich belästigt hat, wurde er sechs Wochen vor dem ursprünglich angesetzten Kinostart aus dem Film geschnitten und seine Szenen mit Christopher Plummer neu gedreht. Wie Scott das geschafft hat, gehört zu den bemerkenswertesten Geschichten in diesem Filmjahr - nachzulesen in der "New York Times".

Schweigen wird belohnt

Mindestens genauso bemerkenswert ist aber auch, warum Kevin Spacey überhaupt besetzt worden war. Eigentlich war Plummer die erste Wahl gewesen für die Rolle des Großvaters J. Paul Getty, der sich geweigert hatte, das Lösegeld für seinen Enkel zu bezahlen. Neben Terminproblemen mit Plummer gab dann den Ausschlag für Spacey, dass er dem Projekt mehr Aufmerksamkeit würde bringen können - weil er ein weißer, männlicher Star war. Dass Spacey dem echten Großvater J. Paul Getty wenig ähnlich sah und auch 20 Jahre zu jung für die Rolle war, interessierte dann auch nicht - weil er ein weißer, männlicher Star war.

Christopher Plummer in "Alles Geld der Welt"
Tobis

Christopher Plummer in "Alles Geld der Welt"

Wie irrational Hollywoods Glaube an den Starappeal ist, zeigte nicht zuletzt eine Anekdote von den Re-Shoots von "Alles Geld der Welt": Die ließen sich auch so zügig umsetzen, weil Plummer Getty sowohl ähnlicher sah als auch altersmäßig viel näher kam, weshalb er im Gegensatz zu Spacey kaum Zeit in der Maske verbringen musste.

Unter all den Erschütterungen, die die Enthüllungen über Harvey Weinstein und die anschließende #MeToo-Debatte ausgelöst haben, liegt in der Filmbranche das Problem des Starsystems.

Es ist ein System, das Loyalität, Verlässlichkeit und Schweigen, wenn nicht sogar Komplizenschaft belohnt. Ein System, in dem Matt Damon seinem Freund Harvey einen Gefallen tut und bei der Journalistin Sharon Waxman während ihrer Recherchen zu Missbrauchsvorwürfen anruft, um sie zu überzeugen, dass Weinstein ein guter Typ sei. Und ein System, in dem Damon-Kumpel Casey Affleck noch im Februar einen Oscar als bester Hauptdarsteller gewinnen konnte, obwohl er sich mit zwei Frauen aus seinen Filmcrews außergerichtlich wegen Belästigungsvorwürfen geeinigt hatte.

Matt Damon, Harvey Weinstein und Ben Affleck im März 2010
Charbonneau/ REX/ Shutterstock

Matt Damon, Harvey Weinstein und Ben Affleck im März 2010

Brie Larson, die als Vorjahresgewinnerin Affleck den Oscar überreichte, weigerte sich damals, ihm zu applaudieren. Um Casey Affleck ist es sehr ruhig geworden. Währenddessen redet sich Matt Damon in der Affäre Weinstein um Kopf und Kragen. Zuletzt forderte er, dass mehr über die Männer, die keine Sexisten seien und keine Übergriffe begingen, gesprochen werden müsse. In den USA lästert man analog zum "man-splaining" (wenn Männer Frauen unnötige Dinge erklären) bereits übers "damon-splaining".

Egal, wie groß und strahlend und mächtig

Wie anders das Starsystem für Frauen funktioniert, hat die Affäre Weinstein besonders schmerzhaft verdeutlicht. Nicht nur konnte Weinstein bei seinen mutmaßlichen Verbrechen auf weitverzweigte Unterstützterstrukturen bauen. Er konnte sich auch lange darauf verlassen, dass ihm kein weiblicher Star, egal wie groß, strahlend und mächtig, etwas anhaben konnte. Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow, Mira Sorvino, Lupita Nyong'o, Léa Seydoux sahen es als außer ihrer Macht stehend an, Weinstein zur Rechenschaft zu ziehen.

Gleichzeitig war es wohl aber auch der Starstatus von Weinsteins Opfern, der die Durchschlagskraft von #MeToo überhaupt ermöglichte. Die "New York Times"-Journalistin Jodi Kantor, die zusammen mit Megan Twohey die erste Enthüllungsgeschichte über Weinstein veröffentlichte, äußerte diesen Gedanken im Interview mit dem Branchenmagazin "Variety": "Ich frage mich, ob sich alles genauso entwickelt hätte, wenn nicht die wirklich berühmten Frauen hervorgetreten wären. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Fall gewesen wäre."

Scarlett Johansson in "Ghost in the Shell"
DDP

Scarlett Johansson in "Ghost in the Shell"

Hollywoods Starsystem ist aber nicht nur eins, das strukturellen Sexismus befördert, sondern auch strukturellen Rassismus: Da es von bisherigen kommerziellen Erfolgen auf kommende schließt, bevorteilt es die, die schon immer "drin" waren. 2017 hat sich Hollywood noch mal ganz fest am Mythos der bankability, der Einspielgarantie bestimmter Darsteller, geklammert: So wurde Scarlett Johansson in der Rolle eines japanischen Cyborgs besetzt - weil sie ein weißer, weiblicher Star ist.

Ihr Actionfilm "Ghost in a Shell" floppte auch wegen der Debatten um whitewashing. Genauso wie "Die Verführten" von Sofia Coppola Schaden nahm, als Kritikerinnen und Kritiker anfingen zu fragen, warum Coppola die einzige schwarze Figur aus ihrem Bürgerkriegsfilm gestrichen habe und sie nur antworten konnte, dass sie Sklaverei nicht als Side-Plot erzählen wollte und deshalb lieber ganz auf den Themenkomplex verzichtet habe.

Moralische Entscheidungen in schwierigen Zeiten

Solche Fehlgriffe wird es sicherlich auch 2018 geben. Doch sie werden weniger werden. Ein erstes Indiz ist die Entscheidung von Ed Skrein, aus der Neuverfilmung von "Hellboy" auszusteigen. Darin sollte der ziemlich weiße Skrein den asiatischen Major Ben Daimio spielen. Nachdem sich Fans der Comics online über whitewashing beschwert hatten, stieg Skrein wenige Tage später wieder aus und veröffentlichte eines der bemerkenswertesten Statements des Jahres, in dem unter anderem stand: "Es liegt in unserer Verantwortung, moralische Entscheidungen in schwierigen Zeiten zu treffen und Inklusivität zu unterstützen." Er hoffe, seine Entscheidung werde einen Unterschied machen.

Von links: Regina Hall, Jada Pinkett Smith, Queen Latifah und Tiffany Haddish in "Girls Trip"
Universal Pictures

Von links: Regina Hall, Jada Pinkett Smith, Queen Latifah und Tiffany Haddish in "Girls Trip"

Letztlich ist es wohl eher das Geld, das den Unterschied macht: Zwei der größten Überraschungserfolge des Jahres in den USA waren Filme schwarzer Filmschaffender, nämlich "Get Out" von Jordan Peele und "Girls Trip" von Malcolm D. Lee. Letzterer war die einzige Live-Action-Komödie 2017, die über 100 Millionen US-Dollar einspielte. Ersterer hat weltweit sogar über 250 Millionen Dollar eingespielt - das 56-fache seines 4,5-Millionen-Dollar-Budgets.

Beide Filme werden wahrscheinlich nichts daran ändern, dass den Oscars bald die nächste #sowhite-Debatte ins Haus steht: Ob es "Get Out"-Hauptdarsteller Daniel Kaluuya oder "Girls Trip"-Nebendarstellerin Tiffany Haddish unter die Nominierten schaffen werden, ist fraglich. Aber die Oscars sind seit dem Moonlight-statt-La-La-Land-Desaster eh so ramponiert wie noch nie in ihrer demnächst 90-jährigen Geschichte.

2017 wird als Jahr der Umbrüche in der internationalen Filmbranche eingehen. Das Zitat des Jahres stammt aber aus der Zeit noch vor den Debatten um #MeToo und whitewashing. Es ist vom März und kommt von Jake Gyllenhaal. Im Interview mit der britischen Ausgabe von "Esquire" sagte er: "Mich interessiert nicht besonders, was ich denke, denn ich bin ein wohlhabender weißer Mann, und zurzeit ist das, was ich denke, nicht der Punkt."

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Horst-Güntherchen 27.12.2017
1. Doppelmoral
Man kann diese Hysterie bald nicht mehr hören: 1. Während im Westen eine Hexenjagd auf ALLE Männer betrieben wird, in der jegliche Unschuld bewiesen werden muss, schweigt Hollywood über strukturelle Probleme in anderen Regionen. 2. Diversity um der political correctness Willen ist einfach nur ein Witz. Welche Frau regt sich über einen männlichen Ghostbusters-, Ocean's Eleven- oder Herr der Fliegen-Cast auf? Trotzdem müssen alle Stoffe mit weiblichen Cast einen Reboot erleiden. Kann es nicht einfach originelle Stoffe mit weiblichen Protagonisten geben? Ich kenne zumindest keine Frau, die sich die derzeitge Herangehensweise wünscht. 3. Die angesprochene Rassismus- bzw. Whitewashing-Debatte nimmt schon dermaßen groteske Züge an, dass Handlungen in denen nirgends Schwarze vorkommen, mit Afro-Amerikanern besetzt werden (siehe römosche Antike, mittelalterliches Europa). Wenn schon ein multi-ethnischen Cast, dann doch bitte dort, wo es Sinn ergibt. P.S. Dass Star Wars eine weibliche Hauptdarstellerin und einen schwarzen Side-Cick (nebst neuerdings asiatischer Freundin) hat, ist sicherlich auch kein Zufall. Diversity mit dem Holzhammer-Prinzip...
skylarkin 27.12.2017
2.
Am besten Quote für alles, die Besetzung, die Oskars und den ganzen Rest und hoffentlich ist dann Ruhe. Denn solange der Proporz der Geschlechter und Rassen bei den Rollen und Oskars nicht genau ihrem prozentualem Anteil in der Bevölkerung entspricht wird die Debatte endlos weitergehen und es werden weiterhin Ungerechtigkeiten, Seilschaften, Sexismus und Rassismus vermutet werden.
Satara 27.12.2017
3. "alte, weiße Männer"
Wie oft sollen im SPIEGEL bzw. auf SPON eigentlich nocht Artikel und Kolumnen veröffentlicht werden, in welchem Menschen allein aufgrund von Umständen für die sie nichts können dämonisiert werden? Jake Gyllenhalls Aussage ist emblematisch dafür, welch einen Selbsthass manche "weißen Männer" mittlerweile inne haben. Jeder Mensch kann zu jedem Thema seine Meinung äußern, sie wird nicht unwichtiger nur weil er eine bestimmte Hautfarbe hat.
geando 27.12.2017
4. Infame formulierung
Aus subtilem rassismus wird in der debatte ein ganz offener rassismus, wenn gegen "weisse alte männer" gehetzt wird. Ist es klug, ein problem einfach umzudrehen? Nein, ist es nicht: unrecht wird nicht zu recht wenn es nur andere trifft. Abgesehen davon trifft es immer die falschen. Mein vater ist auch ein "alter weisser mann" und hat noch nie jemanden unterdrückt. Wenn diese hetze also irgendwie anders gemeint sein soll, sollte sie bitteschön auch anders fomuliert werden. Diese formulierung ist einfach infam.
neu-stuttgarter 27.12.2017
5. Geld oder Moral?
Und ob das Ersetzen von Spacey durch Plummer nur moralische Hintergründe hatte, darf auch bezweifelt werden. Die Kosten der Aktion waren ünerschaubar, da Spacey in einer Nebenrolle (laut Wikipedia) nur 8-10 Drehtage hatte. Der Nutzen der Aktion, den Film dadurch weltweit in die Schlagzeilen zu bekommen, dürfte die Kosten um ein Vielfaches übersteigen. Sony und Ridley Scott werden das sicher nicht übersehen haben...
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