Horrorfilm "Get Out" über Rassismus Zurecht paranoid

Die rassistische Bedrohung als Horror-Plot: Mit seinem Debütfilm gelingt dem US-Komiker Jordan Peele der Überraschungshit des Jahres. "Get Out" ist politisch relevant, stilistisch auf den Punkt und grandios unterhaltsam.

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"Wissen deine Eltern, dass ich schwarz bin?" Alle Vorbereitungen für den ersten Wochenendausflug des Schwarzen Chris (Daniel Kaluuya) und der Weißen Rose (Allison Williams) zu ihren Eltern sind abgeschlossen. Nur die eine Frage ist noch offen. Statt sie zu beantworten, fragt Rose aber nur zurück: "Sollten sie?"

Keine zehn Worte umfasst dieser Dialog, und doch skizziert er spielend leicht eine hochkomplexe Konstellation: Der Glaube, dass Hautfarbe keine Rolle spielen muss, ist ein Privileg von Weißen. Nur sie müssen sich keine Sorgen darum machen, welche Blicke auf sie geworfen werden, wenn sie ein Haus betreten, welche Fragen ihnen zu ihrer Familie gestellt werden, und mit welchen wohlfeilen Statements sie beruhigt werden sollen, dass man auf keinen Fall ein Rassist sei. "Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich Obama ein drittes Mal gewählt!", sagt Roses Vater (Bradley Whitford), kaum dass das junge Paar auf dem Landsitz irgendwo in Upper State New York angekommen ist.

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"Get Out": Sie sind wirklich hinter dir her

Man könnte es als gekonnte Erzählökonomie loben, was Jordan Peele in seinem Debütfilm gelingt. Aber das klänge zu technisch. "Get Out" besteht aus etlichen Miniaturen, die eine rassistische Konstellation aus dem US-amerikanischen Alltag auf den Punkt bringen. Sie fügen sich nahtlos in eine furiose Genre-Erzählung ein, die "Get Out" weit über ein soziopolitisches Lehrstück hinausträgt: Das Wochenende bei Roses Eltern ist für Chris nicht nur im übertragenen Sinne der pure Horror. Ihm wird tatsächlich nach dem Leben getrachtet.

Der Blick der Kamera (Toby Oliver) ist der von Chris, und so fällt dem Publikum ab der ersten Einstellung auf, was ihm auffällt: Die Bediensteten von Roses Eltern, alle schwarz, agieren merkwürdig unterwürfig. Und für die Eltern scheint es doch eine Anstrengung zu sein, sich auf den schwarzen Freund ihrer Tochter einzulassen. Beim Abendessen im Familienkreis wird schließlich Roses Bruder ausfällig und beleidigt Chris.

Nur raus hier!

Zum Glück steht ihm Rose bei und weist sowohl die offensichtliche Aggression ihres Bruders als auch die unterschwellige ihrer Eltern zurück. Nur Rose zuliebe unterdrückt Chris deshalb den Impuls, der ihn schon bei Betreten des herrschaftlichen Grundstückes erfasst hat: "Get Out" - Nur raus hier!

Ist persönliche Sicherheit für Schwarze stets eine Illusion? Sollen sie auf die Unterstützung von Weißen bauen oder bei ihrer Verteidigung besser auf die schwarze Community vertrauen? Es ist verblüffend, wie viele Fragen zu den race relations in den USA sich mit Peeles einfacher Grundidee verschränken lassen und wie intuitiv verständlich sie auch für ein nicht-amerikanisches und nicht-schwarzes Publikum werden.

Bislang war der 38-Jährige vor allem als Teil eines Comedy-Duos mit Keegan-Michael Key und der gemeinsamen mehrfach Emmy-prämierten Sketch-Show "Key and Peele" hervorgetreten. Mit seinem Regiedebüt "Get Out", für das er auch das Drehbuch verfasste, hat Peele nun den Überraschungshit des Jahres gelandet. Über 170 Millionen US-Dollar hat der Film allein in den USA eingespielt - bei einem Budget von überschaubaren 4,5 Millionen.


"Get Out"
USA 2017
Buch und Regie: Jordan Peele
Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, LilRel Howery, Bradley Whitford, Catherine Keener
Produktion: Blumhouse Productions, QC Entertainment
Verleih: Universal
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Start: 4. Mai 2017


Mindestens genauso groß ist auch der kreative Erfolg, den "Get Out" darstellt. Schon im Casting zeigt sich, mit welcher Präzision und Umsicht Peele seinen Stoff inszeniert. Rose-Darstellerin Williams zum Beispiel ist nicht nur die Tochter des berühmten TV-Journalisten Brian Williams, sondern auch eine der Hauptdarstellerinnen von Lena Dunhams Comedy "Girls" - einer Serie, der wiederholt vorgeworfen wurde, ein unrealistisch weißes und privilegiertes New York zu zeigen.

In "Get Out" verkörpert Williams nun die verständnisvolle junge Frau, die sich aller ihrer Privilegien zum Trotz zur Not auch mit einem Polizisten anlegt, wenn sie das Gefühl hat, dass der ihrem schwarzen Freund mit unnötiger Missgunst begegnet. Mit dieser Rolle erweist sich Williams als jemand, der zu Verstand gekommen ist, ein echter weiblicher "woke bae" also. Oder?

Rettung aus dem versunkenen Bereich

Alles zu hinterfragen, sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen - das ist der Modus, in dem sich geübte Horror-Fans Genrestücken nähern. Peele greift ihn in "Get Out" auf und macht ihn sich zunutze, um die alltägliche Bedrohung durch Rassismus erfahrbar zu machen. Bloß nicht zum Fremden ins Auto steigen? Ha, als Schwarzer muss man doch viel wachsamer sein, wenn ein weißer Polizist neben einem anhält und fragt, was los sei. Dann wird es erfahrungsgemäß erst richtig gefährlich. Nicht selten sogar lebensgefährlich.

Dass es mit der Einfindung in die Hauptfiguren von "Get Out" so gut gelingt, liegt neben der klugen Regie genauso sehr an Hauptdarsteller Daniel Kaluuya ("Skins" Staffeln 1 und 2). Wenn er vor Schrecken seine Augen aufreißt, dann schaut man in die eigenen Abgründe aus Angst und Schmerz. Am eindrücklichsten zeigt sich Kaluuyas Talent, als es Chris für einige Zeit in einen Gemütszustand verschlägt, den er später "den versunkenen Bereich" nennt: einen Zustand vollkommener Hilflosigkeit, in dem man keine Handlungsspielräume mehr für sich sieht und in dem man für alle Zeiten zu versinken droht. Ein starrer Blick und eine Träne, die ihm langsam über die Wange läuft, reichen bei Kaluuya aus, um den essenziellen Schrecken dieser Situation begreifbar zu machen.

Als Allegorie auf die Verzweiflung, die viele Schwarze angesichts ihrer Situation in den USA ergreifen könnte, ist "der versunkene Bereich" schmerzlich leicht zu dechiffrieren. Doch wie ihm und dieser verflixt gefährlichen Situation ganz allgemein entkommen?

Mit "Get Out" zeigt Jordan Peele einen Fluchtweg auf, der gesellschaftspolitisch, nun ja, eher wenig konstruktiv ist. Aber wo, wenn nicht in einem Horrorfilm, muss man dafür vollstes Verständnis haben? Wer damit beschäftigt ist, seine Haut zu retten, kann sich nicht auch noch um den Weltfrieden kümmern.

Im Video: Der Trailer zu "Get Out"

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