"Get Out"-Regisseur Jordan Peele "Angst gehört zur afroamerikanischen Existenz"

Mit seiner Idee für "Get Out" war Regisseur Jordan Peele zunächst bei vielen Studios abgeblitzt - viele hassten das Drehbuch geradezu. Jetzt übertrifft sein Horrorfilm über Rassismus alle Erwartungen.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Jordan Peele, geboren 1979 in New York City, wurde als Komiker berühmt: Nach ersten Auftritten in der Chicagoer Impro-Schmiede "Second City" stieß er 2003 zum Ensemble der TV-Sendung "MADtv", übernahm kleine Filmrollen und schuf schließlich mit Keegan-Michael Key die Sketchshow "Key and Peele", die u.a. mit dem Emmy ausgezeichnet wurde. Die Horrorsatire "Get Out", die seit dem 4. Mai in den deutschen Kinos läuft, ist sein Regiedebüt. Darin nutzt der Sohn einer Weißen und eines Schwarzen das Horrorgenre, um von alltäglichem Rassismus zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Peele, "Get Out" ist ein Sensationserfolg: Der Film hat allein in den USA 170 Millionen Dollar eingespielt - mehr als das 37-Fache seiner Kosten. Hat Sie der große Erfolg überrascht?

Peele: Das können Sie laut sagen. Für mich war es schon das Coolste überhaupt, dass ich diesen Film drehen konnte. Alles, was danach kam, war nur ein Sahnehäubchen nach dem nächsten.

SPIEGEL ONLINE: Der Film schildert den Alltagsrassismus in den USA aus der Sicht eines jungen Schwarzen, der von einer Weißen mit zu ihren vermeintlich liberalen Eltern aufs Land mitgenommen wird (hier geht es zur Rezension). Wie schwierig war es, das Projekt auf die Beine zu stellen?

Peele: Die längste Zeit habe ich nicht daran geglaubt. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Idee viel zu verrückt und gewagt sei. Mein Gedanke war ja, meinen noch nicht existierenden Lieblingsfilm zu drehen. Eine Geschichte, wie ich sie selbst gerne mal auf der Leinwand sehen würde. Es hatte Gründe, warum es einen solchen Film nicht gab. Warum also sollte plötzlich jemand genau auf meine ganz persönlichen Vorlieben und Bedürfnisse anspringen?

SPIEGEL ONLINE: So kam es dann ja aber doch...

Peele: Erstaunlicherweise. Wobei mein Produzent Sean McKittrick und ich bei vielen Firmen vergeblich anklopften. Nicht wenige hassten das Drehbuch geradezu.

SPIEGEL ONLINE: Aus rassistischen Gründen?

Peele: Das würde ich nicht so ohne Weiteres unterschreiben. Viele konnten einfach nichts anfangen mit dem Tonfall und der Atmosphäre von "Get Out". Statt an konventionellen Hollywood-Schemata habe ich mich an den unterschiedlichsten Einflüssen orientiert, von "Die Frauen von Stepford" bis "Misery". Anscheinend konnten sich viele nach dem Lesen des Drehbuchs den Film schlicht nicht vorstellen, weil sie nur Komödien oder Horror kennen, nicht diese Kombination.

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"Get Out": Sie sind wirklich hinter dir her

SPIEGEL ONLINE: Was war denn überhaupt zuerst da, das Komödiantische oder der Horror?

Peele: Am Anfang stand mein Jugendtraum, einmal einen klassischen Horrorfilm zu inszenieren. Für mich handeln alle starken Horrorfilme letztlich von einer sehr realen, fürs Publikum nachvollziehbaren Angst. So kam ich auf die Angst, Außenseiter zu sein, Aufmerksamkeit zu erregen, ohne dass man das möchte - und das führte mich dann geradewegs zum Rassismus. Mir war sofort klar, dass das ein schwieriges, aber auch unglaublich ergiebiges Thema sein würde. Erstens, weil sich eigentlich seit Romeros "Nacht der lebenden Toten" kein Horrorfilm mehr mit Rassismus beschäftigt hatte. Und zweitens, weil schon damals, zu Beginn von Obamas erster Amtszeit, für mich offensichtlich war, dass die US-Gesellschaft mit diesem Thema noch lange nicht durch war.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen ist die Illusion von der "post-racial society" längst geplatzt, und Trump ist Präsident. Macht es "Get Out" in irgendeiner Weise zu einem anderen Film, dass er 2017 in die Kinos kommt?

Peele: Natürlich nicht den Film selbst, aber sicherlich seine Wahrnehmung. Die Diskussion über das Verhältnis von Schwarzen und Weißen in den USA ist heute eine andere, als sie es vor fünf oder vor zehn Jahren war. Über Rassismus und Hautfarben wurde unter Obama - ironischerweise - weniger gesprochen als heute. Xenophobie und Angst sind heute viel präsenter und auf erschreckende Weise sogar Bestandteil der Politik. Aber die positive Seite davon ist, dass die Menschen viel aufmerksamer und wacher sind, was diese Themen angeht. In gewisser Weise ist es also perfektes Timing, dass der Film zu einem Zeitpunkt in die Kinos kam, an dem sich niemand der Auseinandersetzung mit Rassismus entziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber auf Ihre Erzählung hatten die realen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen keinen Einfluss?

Peele: Doch, auch. Ganz ursprünglich wollte ich, dass "Get Out" als Weckruf funktioniert. Ich wollte zeigen, dass es trotz der Wahl Obamas noch immer Rassismus gibt, auch wenn keiner drüber spricht. Deswegen hatte mein Drehbuch zunächst ein anderes Ende, bei dem mein Protagonist Chris unschuldig im Gefängnis landet. Denn für so viele Menschen in unserem Land bedeutet es keine Erleichterung, wenn nach einem Verbrechen die Cops auftauchen. Selbst wenn sie unschuldig sind. Aber tatsächlich wachte die Gesellschaft auch so auf. Die Menschen gingen auf die Straße, als unbewaffnete schwarze Männer von weißen Polizisten erschossen wurden, auch gab es mit einem Mal Filme wie Ava DuVernays Dokumentarfilm "13th". Bei ersten Testvorführungen merkte ich, dass die Zuschauer meinen Punkt ohnehin verstanden hatten und mit dem Ende unzufrieden waren. Also traf es sich gut, dass ich noch ein anderes Ende geschrieben und gedreht hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wann wurde Ihnen selbst im Leben klar, dass es gefährlich sein kann, schwarz zu sein?

Peele: Ich erinnere mich an ein Erlebnis in meiner Kindheit, da war ich zehn oder elf Jahre alt. Ich war auf dem Weg nach Hause, in Manhattan, als mich eine Gruppe Polizisten anhielt. Körperlich passierte gar nichts, aber ihr Auftreten machte mir unglaublich viel Angst. Sie bezichtigten mich, in der U-Bahn Dartpfeile nach einem Mann geworfen zu haben, was natürlich nicht stimmte. Ich kam ziemlich aufgelöst nach Hause und meine Mutter, die sicherlich zu Recht vermutete, dass die Polizeikontrolle rassistisch motiviert war, führte das erste lange Gespräch über Rassismus mit mir.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen sind Sie ein erfolgreicher, preisgekrönter Fernsehkomiker. Wird Ihnen immer noch mulmig, wenn Sie von der Polizei angehalten werden?

Peele: Dieses Gefühl der Angst gehört zur afroamerikanischen Existenz dazu. Das geht nicht ohne Weiteres weg, nur weil man vielleicht berühmt ist oder Geld hat. Bloß nicht in brenzlige Situationen geraten! Das lernen wir früh - und das brennt sich ein.

SPIEGEL ONLINE: "Get Out" zeigt aber auch, dass Rassismus die unterschiedlichsten Facetten hat. Teilen Sie viele Erfahrungen, die Ihr Protagonist Chris in "Get Out" macht?

Peele: Jeder Schwarze kennt die Situation, in der sein weißes Gegenüber unermüdlich seine Liebe zu schwarzer Kultur und schwarzen Prominenten betont, um damit zu zeigen, wie wenig rassistisch er oder sie sei. Was aber natürlich die gegenteilige Wirkung hat. Aber vor allem teilen Chris und ich eine Grunderfahrung, die jeder Afroamerikaner kennt.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich welche?

Peele: Man erlebt Rassismus, doch das weiße Gegenüber leugnet ihn. Immer wieder sind wir es, die sich hinterfragen sollen, obwohl wir selbst das Opfer der rassistischen Worte oder Taten sind. Das ist ein ziemlich verstörendes, bisweilen traumatisierendes Gefühl. Fast entwickelt man diesbezüglich eine gewisse Paranoia, weil irgendwer immer behauptet, man würde sich den Rassismus einbilden. Chris wird aufgrund dieser Erfahrung zum idealen Protagonisten für einen Horrorfilm. Denn er hat dieses "schwarze" Gespür dafür, dass etwas nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Es fiel jetzt öfter das Wort "afroamerikanisch". Samuel L. Jackson und andere haben kritisiert, dass Sie mit Daniel Kaluuya einen britischen Hauptdarsteller gewählt haben. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Peele: Überrascht hat er mich nicht, aber im Grunde war das ein Sturm im Wasserglas. Sicherlich ist manches, was ich in "Get Out" zeige, einer spezifisch afroamerikanischen Perspektive geschuldet. Aber nicht nur ist Daniel ein fantastischer Schauspieler, der sich da hineinversetzen kann. Sondern vor allem ist Rassismus auch ein universelles Phänomen. Die Parallelen im Alltag sind sicherlich zahlreich, egal ob man schwarz ist in den USA, in England oder in Deutschland.

Im Video: Die Rezension zu "Get Out"

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