"Ghost in the Shell" mit Scarlett Johansson Hülle, Hülle, Hülle

Mit "Ghost in the Shell" hat Hollywood einen japanischen Science-Fiction-Klassiker als Liveaction adaptiert. Wie viel ist dabei von der visionären Erzählung über Menschen und Maschinen übrig geblieben?

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Verblüfft schaut Polizist Batou auf die Person, die an das Pissoir neben ihn tritt. Sie hat eindeutig einen weiblichen Oberkörper, ist stark geschminkt und stellt ihr attraktives Dekolleté selbstbewusst aus. Aber hat sie sich nicht gerade auch in den Schritt gegriffen und einen..?

Den Blick, den Batou (Pilou Asbæk) der Person in der Männertoilette zuwirft, dürfte es in seiner Welt eigentlich nicht geben, schließlich ist diese Welt eine Megalopolis aus der nahen Zukunft, in der Körpermodifikationen alltäglich sind. In den Straßen begegnen einem Menschen mit Augenimplantaten, in den Restaurants schenken Geisha-Roboter Sake aus. Ja, zu Batous Kollegen beim Sondereinsatzkommando Sektion 9 gehört sogar eine Frau, deren Körper komplett synthetisch ist und an der nur noch ihr Gehirn menschlichen Ursprungs ist: der Major (Scarlett Johansson).

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"Ghost in the Shell": Das Geheimnis der Geheimwaffe

Batous irritierter Blick auf das geschlechtlich mehrdeutige Wesen neben ihm ist in seiner Widersprüchlichkeit paradigmatisch für "Ghost in the Shell". Der Film schafft eine faszinierende Welt, in die er sich gleichzeitig nicht einzutauchen traut, vor deren Hybriditäten und Instabilitäten er wie Batou buchstäblich zurückschreckt. Davon ganz unabhängig ist er visuell umwerfend.

Die erzählerische Hasenfüßigkeit von "Ghost in the Shell" ist für einen Blockbuster insofern bemerkenswert, als es sich dabei um die Liveaction-Adaption eines Stoffes handelt, der selber leidenschaftlich radikal ist. Masamune Shirows Manga "Ghost in the Shell" von 1989 und seine folgenden Zeichentrickadaptionen, allen voran Mamoru Oshiis Spielfilmversion von 1995, gehören neben Ridley Scotts Film "Blade Runner" und William Gibsons Roman "Neuromancer" zu den Schlüsselwerken der neueren Science-Fiction.

Aus verschiedenen Perspektiven imaginierten die drei Kunstwerke eine Welt, in der sowohl menschliche Körper als auch Nationalstaaten zu hinfälligen Konzepten geworden waren. Ihre Grenzen waren vor langer Zeit durch globale Konglomerate und ihre Produkte, sprich Androiden und künstliche Intelligenzen (AI), zersetzt worden. Mit "Blade Runner" teilte "Ghost in the Shell" die melancholische Zärtlichkeit, mit der sich Menschen und Maschinen nach einander verzehrten, mit "Neuromancer" die Utopie, dass es im Cyberspace zur Verschmelzung von ihnen und damit zur Herausbildung einer neuen Art von Bewusstsein kommen könnte. Ihm ganz eigen war es, diese Ideen anhand eines weiblichen Cyborgs zu verhandeln, dessen Körper als sexualisierte Projektionsfläche diente, während sich sein Innenleben jeden Zugriffs entzog.


"Ghost in the Shell
USA 2017
Regie: Rupert Sanders
Drehbuch: Jamie Moss und William Wheeler nach dem Comic von Masamune Shirow
Darsteller: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Chin Han

Produktion: Arad Productions, DreamWorks, Grosvenor Park Productions
Verleih: Paramount Pictures Germany
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 30. März 2017


Die Liveaction-Version erzählt nun nicht mehr von Begehren und neuem Bewusstsein, Projektion und Verweigerung. Die Drehbuchautoren Jamie Moss und William Wheeler sowie Regisseur Rupert Sanders ("Snow White and the Huntsman") haben den Stoff zu einem Action-Reißer angedickt, der im Stile von Superheldenfilmen eine Origin-Story schildert. Der Major muss wissen, woher sie stammt und wer ihre Eltern sind, um ihre wahre Mission auf Erden zu verstehen und ihre Kräfte gerecht einzusetzen.

Mit ihrem komplett im Labor hergestellten Körper ist sie die erste ihrer Art: eine von einem Multinational entwickelte Superwaffe, derer sich die Regierung im Kampf gegen Terroristen bedient. Nicht nur verfügt sie über die Durchschlagkraft einer Panzerfaust, ihre künstliche Haut erlaubt es ihr, durch die Luft zu gleiten und unsichtbar zu werden.

Doch immer wieder stören glitches ihren Alltag. Bilder einer Katze und eines Pagodenhauses tauchen unvermittelt in ihrem Sichtfeld auf. Das seien Erinnerungen an ihr altes Leben als Flüchtling, lautet die offizielle Erklärung ihrer Schöpfer. Bei einem Angriff seien ihre Eltern getötet worden und sie so stark verletzt worden sei, dass nur ihr Gehirn, ihr "Ghost", gerettet werden konnte. Im Labor hätte sie dann einen neuen Körper, eine "Shell", bekommen.

Hacken bis in die Gehirne

An dieser Geschichte sind allerdings Zweifel angebracht, wie der Major im Verlauf ihres nächsten Auftrags merkt. Sie soll den Hacker Kuze (eine Figur aus der Anime-Serie) stellen. Er hat es geschafft, sowohl synthetische Körper als auch synthetische Gehirne zu hacken. Mühelos kann er so zum Beispiel Geisha-Roboter zu Killermaschinen umprogrammieren. Für den Major stellt Kuze damit eine einmalige Gefahr dar - aber auch eine einmalige Chance, mehr über sich und ihr Wesen zu erfahren: Ist sie mehr Mensch oder mehr Maschine?

Wie die Geschichte hat Sanders auch das Szenenbild merklich angereichert. In ihrer Detailfülle sind die Stadtlandschaften samt den riesigen Hologrammen, die sich zwischen den Wolkenkratzern bewegen, atemberaubend. Auch die Kampfszenen gelingen technisch virtuos, allen voran das Duell des Majors mit einem Geisha-Roboter.

Gleichzeitig ist der Film von glitches seiner eigenen Art durchzogen. Immer wieder tauchen Einstellungen auf, die direkt aus Oshiis Anime entnommen sind - allen voran die ikonische Schöpfungsszene gleich zu Anfang, als das mechanische Skelett des Majors aus einem Becken auftaucht und eine Schutzschicht Lack abzuplatzen beginnt, bis ein Körper mit prallen Brüsten und makelloser Haut freigelegt ist.

Sehen Sie im Video die Anfangssequenzen aus beiden Filmen nebeneinander:

Diese Bildzitate stechen bei Sanders heraus, da sie seine einzigen poetischen Bilder sind. Das Anime war erzählerisch deutlich lückenhafter und mit einer Laufzeit von 83 Minuten auch deutlich kürzer. Gerade weil es sich aus den engmaschigen Erzählmustern eines Action-Spektakels befreit hatte, fand das Anime aber den Raum, um seine einzigartige Poesie entfalten.

Einmal taucht der Major bis auf den Grund es Flusses, der die Stadt durchzieht. In den dunklen Tiefen kommt sie zur Ruhe, gleichzeitig riskiert sie ihr Leben, denn würde Wasser in ihren Mechanismus dringen, käme es zum fatalen Kurzschluss. Selbstfindung und Selbsttötung, sie lassen sich in dieser majestätischen Szene kaum auseinanderhalten, und was davon der Major am Grund des Flusses suchte, verraten ihre undurchdringlichen Gesichtszüge nicht.

Alter und Herkunft: unbekannt

Scarlett Johanssons Major ist das Gegenteil von rätselhaft. Mit grimmiger Entschlossenheit stampft sie durch ihre Szenen, ihre Motivation ist immer dieselbe: Gegner ausschalten, Schlüssel zu ihrer Vergangenheit finden. Vielfach wurde ihre Besetzung im Vorfeld kritisiert, da der Major eine Rolle ist, für die sich eine asiatische Schauspielerin anbietet. Kaum eine Gruppe dürfte in Hollywood schlechter gestellt sein als women of colour, weshalb die Kritik berechtigt ist.

Ausgerechnet Mamoru Oshii und Masamune Shirow haben sich jedoch für Johansson ausgesprochen, schließlich sei der Major ein Cyborg: "Ihr Alter und ihre Herkunft sind unbekannt, genauso ihre Nationalität", zitiert die "New York Times" Oshii. "In Japan sind Figuren in Mangas und Animes normalerweise 'staatenlos', deshalb habe ich nichts dagegen, dass Scarlett den Major spielt."

Tatsächlich ist der Major in Manga und Anime eine Figur, die sich immer mehr von ihren Ursprüngen löst, weshalb es nur logisch ist, dass ihre Macher nicht auf deren identitärer Fixierung bestehen. Im neuen Film ist diese Erzählrichtung aber umgekehrt worden: Der Major blickt nicht nach vorn, sondern zurück. Sie setzt alles dran, zu ihrem Ursprung, zu ihren biologischen Eltern zurück zu finden. (Dass sie dabei eine Verschwörung aufdeckt, die - ohne zu viel zu verraten - einiges mit den Mechanismen hinter Johanssons Besetzung gemein hat, scheint dem Film entgangen zu sein.)

Beim Endkampf kommt es noch einmal zu einem direkten Szenenzitat: Der Major verausgabt sich total, sie zieht mit derartiger Macht an einer verschlossenen Panzertür, dass ihre Haut aufreißt und nach und nach in Fetzen wegstäubt. Es ist die Spiegelung der Schöpfungsszene, doch wohin sie im Anime und im Liveaction-Film führt, könnte nicht unterschiedlicher sein. Der Liveaction-Film verharrt mit dem Major in der Gegenwart, das Anime entschwindet mit ihr in der Zukunft.

Im Video: Der Trailer zu "Ghost in the Shell"

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
relative_wahrheiten 30.03.2017
1. Live Action und Anime...
Gingen bis dato ja so gut wie immer unterschiedlich Wege... Scarlett Johannson als Kusanagi... ich lass mich überraschen...
chestbaer 30.03.2017
2. zu düster
Die insbesondere philosophische Konsequenz aus dem Anime (die Verneinung der Einzigartigkeit des menschlichen Geistes), wäre einfach zu düster für einen Blockbuster der sich insbesondere in einem Land verkaufen soll, in dem Religion und religiöse Gefühle erheblichen Einfluss sogar auf naturwissenschaftliche (Schul-) Bildung ausüben. Da ist ein aggressiver Cyborg der eigentlich Mensch, und nicht etwas neues, möglicherweise über dem Menschen stehendes, sein will eben eine zumindest nachvollziehbare Abwandlung des Originalstoffs.
brooklyner 30.03.2017
3.
Vielleicht wird man dann auch wieder sehen, dass The Matrix in großen Teilen bei Ghost in the Shell geklaut wurde...
grabenkaempfer 30.03.2017
4.
ich denke nicht das der Film an die erste Anime heranreichen kann, insbesondere mit der ursprünglichen Syncronisierung. Die aktuellen Darsteller sind zu "menschlich", etwas was man in dem Anime besser "verstecken" kann.
sven17 30.03.2017
5.
Werde mir den Film wohl am Wochenende ansehen. Mal schauen was dabei rausgekommen ist. Von den ursprünglichen Geschichten wird wie es aussieht wohl nicht viel übrig geblieben sein. Na ja schaue ich mir die Filme und Serien noch mal an. Habe ich kein Problem mit^^
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