"Girls' Night Out" Auf Koks geht alles. Sogar Junggesellinnenabschiede

Die Verstümmelung des anderen Geschlechts als ultimativer Partykick: Die schwarze Komödie "Girls' Night Out" mit Scarlett Johansson treibt die Rituale einer Bachelorette-Sause auf die Spitze. Qualitätsklamauk!

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Im Sommer sieht man sie auch hierzulande zuhauf, junge Frauen und Männer in Matrosen- oder Hasenkostümen, die von ihren Freundinnen und Freunden unter Alkoholzufuhr durch die Kneipenzonen ihrer Stadt dirigiert werden. Eine drollig wirkende Übung, die den grausamen rituellen Charakter von Junggesellinnen- und Junggesellenabschieden verschleiert: Es geht bei diesen oft aus dem Ruder laufenden Festakten ja um die letzte Austreibung des anderen Geschlechts aus dem eigenen Leben, bevor man sich ihm qua Eheschließung endgültig und unentrinnbar hingibt. An den Feind gefesselt bis in den Tod.

Rituell eingeschrieben sind deshalb die Verachtung für Männer oder die Angst vor Frauen in das Genre der Junggesellinnen- und Junggesellenkomödie - je nachdem, ob der Film aus Bachelor- oder Bachelorette-Perspektive erzählt ist.

Regisseurin und Autorin Lucia Aniello treibt nun in "Girls' Night Out" die, nun ja, Voodoo-artigen Aspekte des Stoffes auf die Spitze. Der Einsatz von Koks, viel Koks, hilft bei Aniellos Beschleunigungsmaßnahme: Zehn Jahre nach dem College will die spießige Jungpolitikerin Jess (Scarlett Johansson), deren torpedoschneidige Toupierfrisur an Hillary Clinton erinnert, in Miami mit ihren einstigen Studienfreundinnen die letzte große Party vor der Hochzeit feiern. Weil sich die Vorbereitungen jedoch bald im Zickenkrieg der beiden besten Freundinnen der Braut und in ausführlichen Kleidungsdisputen zu verlieren drohen, wird das weiße Pulver ins Spiel gebracht.

Koks als Konfliktbeschleuniger

Ein billiger, aber hocheffizienter Erzählkniff, der den Trauer-, Schmerz- und Abschiedsexzess der eben noch freien Frauenseele in eine neue Dimensionen führt. Nicht dass wir an dieser Stelle den Drogenkonsum propagieren - wir finden ja auch viele andere entfesselte Szenen patent inszeniert, ohne anzuraten, sie im wahren Leben nachzuahmen.

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Schwarze Komödie: Auftritt, Ladies!

Zum Beispiel die Gewalt gegen Männer. An einer Stelle stürzt sich die frustrierte beste Freundin der Braut auf einen entkleideten Kerl mit süßen Knopfaugen, den sie für einen Stripper hält, und der schlägt sich dabei den Kopf auf. Fortan starrt er mit seinen süßen Knopfaugen tot an die Zimmerdecke. Kein Grund zum Abbruch der Feier; die Herabsetzung und Verstümmelung des anderen Geschlechts wird hier zum ultimativen Partykick und fügt sich eben bestens in den rituellen Charakter des Freundinnenfestes.

"Girls' Night Out" geht da so weit wie zuvor eigentlich nur ein Film: "Very Bad Things", eine ebenfalls rigoros geschlechterkonfrontative romantische Komödie aus dem Jahr 1998 mit Christian Slater und Cameron Diaz. Hier feiern allerdings die männlichen Protagonisten eine letzte große Party vor der Hochzeit. Vielleicht erinnern Sie sich an das Plakat mit der Kettensäge, die ja ein sehr ungewöhnliches Motiv für eine Romantic Comedy ist. Einige Szenen werden nun kopiert, allerdings in umgekehrten Geschlechterrollen.


"Girls' Night Out"

USA 2017
Regie: Lucia Aniello
Drehbuch: Lucia Aniello, Paul W. Downs
Darsteller: Scarlett Johannsson, Kate McKinnon, Zoe Kravitz, Ilana Glazer, Jillian Bell
Produktion: Paulilu Productions, Sony Pictures Entertainment (SPE)
Verleih: Sony Pictures Releasing
Länge: 101 Minuten
FSK: Ab 12 Jahren
Start: 29 Juni 2017


Natürlich ist "Girls' Night Out" auch eine bis auf die Automarken kommerziell durchkalkulierte Antwort auf die kommerziell sensationell erfolgreiche "Hangover"-Trilogie, doch beim Katermassakerfrühstück-Franchise blieben die Männer weitgehend unter sich, die Verstümmelungen wurden immer in den eigenen Reihen angerichtet. "Girls' Night Out" teilt da wie "Very Bad Things" in Richtung des anderen Geschlechts aus: Wurde im Vorbild von den Männern eine Stripperin getötet, kommt nun bei den Frauen eben ein Stripper ums Leben.

Die anschließenden Leichenbeseitigungsmaßnahmen führen zu allerlei herabsetzenden Situationen. Hier werden bewusstlosen Männer Penisattrappen appliziert, oder, noch schlimmer, ihre toten Körper werden in viel zu kleine Frauenautos gequetscht. Entmannung, wo man hinschaut.

Besonders brutal aber ist in "Girls' Night Out" die Degradierung des künftigen Ehemanns der Heldin: Während die Braut sich bedingungslos aufs Partyschlachtfeld stürzt, nimmt der Bräutigam daheim mit seinen Freunden an einer Weinverkostung teil. Nur spülen, nicht schlucken, die definitive Herabwürdigung. Wir sind da lieber mit den Frauen unterwegs.



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